Vorsicht Kuschel-Falle! Mit seinem schönsten Lächeln hat US-Vizepräsident Joe Biden auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Nato-Partner umgarnt. "Wir werden zuhören", sagte er und sprach vom "Projekt Erneuerung". Doch klar wurde auch: Die USA wollen für ihren neuen Kurs handfeste Gegenleistungen. Von Katja Gloger, München

Das Lächeln täuscht: US-Vizepräsident Joe Biden hatte auch unangenehme Botsachaften im Gepäck© Oliver Lang/DDP
Ein bisschen Dramatik musste schon dabei sein, ein bisschen Spannung, ordentlich Geklimper auf der "Change"-Tastatur. Noch in Washington ging es los. "Bleibt dran! Es wird dramatisch", raunte ein hochrangiger Mann im Weißen Haus verschwörerisch über den Inhalt der Grundsatzrede.
Der Vizepräsident selbst wurde zum Polit-Poeten: "Alles hat sich verändert", zitierte er ahnungsvoll noch vor seiner Abreise den irischen Dichter William Yeats. "Vollkommen verändert. Und eine schreckliche Schönheit ward geboren." Dann lachte Joe Biden sein schönstes Zahnpastalachen, bestieg seine Air Force Two und machte sich auf den Weg nach München, um auf dieser hochkarätig besetzten Sicherheitskonferenz mal eben eine Zeitenwende einzuläuten. "Projekt Erneuerung" nennt er das - schon ganz auf Obama-Sprech gepolt. Oder, für die You-Tube-Generation: "Wir wollen den Knopf für den Neustart drücken."
Es war höchste Zeit für den präsidialen Antrittsbesuch. Denn im guten alten Europa war man schon ganz zappelig. Natürlich hatte man aufmerksam registriert, dass Obama noch keinen europäischen Amtskollegen empfangen hat - auch wenn sich Nicholas Sarkozy noch so bemühte. Das Wort "Europäische Union" kam in Obamas Amtseinführungsrede erst gar nicht vor. Sein allererstes TV- Interview als Präsident gab er ... wem? Dem arabischen Sender al-Arabiya. Und er war schon geschlagene drei Tage im Amt, bevor er zum ersten Mal mit einem Mann auf der anderen Seite des Atlantiks telefonierte - mit dem britischen Premier Gordon Brown. Ist diesem Mann Europa weniger wichtig als etwa China?
Umso mehr Symbolkraft sollte dieses Münchener Wochenende haben. Barack Obama schickte seinen Stellvertreter höchstpersönlich nach Europa, auf die erste Auslandsreise nach der Wahl. Eine Grundsatzrede, eine Positionsbestimmung, ein geläutertes Amerika wolle sich vorstellen. Und dann stand er da, Joe Biden, wie immer mit gebräuntem Gesicht, strahlendem Lächeln und weißem Einstecktuch im feinen Jackett und sagte: "Wir wollen es richtig machen. Amerika braucht Ihre Hilfe. Wir werden zuhören. Wir werden auf andere zugehen. Wir werden uns beraten."
Und wirklich: an diesem Wochenende wurden so viel Hände ausgestreckt, Partnerschaften zelebriert, gemeinsame Werte beschworen, dass einem nahezu schwindelig werden konnte. Einen Moment schien es, als ob die vergangenen Jahre nur ein Spuk gewesen seien. Hatte hier nicht ein gewisser Donald Rumsfeld das alte Europa schon auf dem Abfallhaufen der Geschichte gewähnt? Hatte hier nicht Wladimir Putin seinen wohlkalkulierten Wutausbruch bekommen, als er vor Amerikas Dominanz warnte? Hatte man hier nicht über Anti-Amerikanismus diskutiert, der das transatlantische Klima möglicherweise über Jahrzehnte vergiften werde? Doch so sehr wie am vergangenen Wochenende, schien es, wollte man sich seit Jahren nicht mehr vertragen.
Der neue Konferenzchef Wolfgang Ischinger konnte seinen Stolz kaum verhehlen. Mit Geduld, Charme und feinem Druck will der langjährige Botschafter in Washington die eher dröge ehemalige Wehrkundetagung in ein glitzerndes Forum für Sicherheitspolitik verwandeln. Und besser konnte es kaum laufen - auf den ersten Blick zumindest.
Da verkündete die kluge US-Kongressabgeordnete und Abrüstungsexpertin Ellen Tauscher, man müsse das umstrittene Raketenabwehrsystem MDI überhaupt erst einmal anständig testen. Damit signalisierte sie einen möglichen Kompromiss mit Moskau: das heikle Thema der Raketenabwehr soll möglichst auf Eis gelegt werden. Jetzt ist von neuer Abrüstung die Rede, von möglicher weiterer Reduzierung der strategischen Atomwaffen, von einem neuen Verhältnis zu Russland gar. Da wurde selbst der ehemalige KGB-Agent und Beinahe-Präsident Sergej Iwanow, der normalerweise so wunderbar böse gucken muss, ganz freundlicher Staatsmann, der sich vorstellen kann, auf die Stationierung russischer Kurzstreckenraketen an der Ostsee zu verzichten.