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12. Dezember 2006, 10:36 Uhr

"Sie sagten, du bist von al Kaida, und wenn ich Nein sagte, schlugen sie zu"

Mehr als vier Jahre wurde der Türke aus Bremen in Guantanamo festgehalten - selbst als längst klar war, dass er mit Terrorismus nichts zu tun hatte. Im stern spricht Murat Kurnaz erstmals über seine Zeit dort, über Isolationshaft, Folter, Demütigung und Angst. Von Peter Meroth und Uli Rauss

Murat Kurnaz nach seiner Rückkehr aus Guantanamo© AP

Weshalb tragen Sie diesen mächtigen Bart?

Der einzige Grund ist die Sunna.

Die Sunna, das ist die Überlieferung vom Leben Mohammeds.

All dem, was unser Prophet getan hat, sollen Muslime nacheifern. Viele Propheten haben einen Bart getragen, auch Prophet Jesus. Trägt nicht der Papst auch einen Bart?

Nein.

Nein? Aber die orthodoxen Christen, das weiß ich, die tragen ebenfalls Bärte.

Wurden Ihnen während der Gefangenschaft Bart und Haare geschnitten?

Ja, zweimal, in Kandahar.

Was bedeutet es für einen Muslim, rasiert zu werden?

Der Bart ist ein Symbol des Glaubens. Ich habe einen alten Mann gesehen, er war 80, dem wurde in Kandahar sein weißer Bart rasiert. Er fing an zu weinen.

Durften die Gefangenen in Guantanamo Bart und Haare wachsen lassen?

Nicht alle. Manche wurden zur Strafe rasiert.

Warum Sie nicht?

Ich weiß es nicht. Die Amerikaner stellten uns als Terroristen dar. Jeden Einzelnen von uns, ohne Prozess, ohne Beweise. Da passten lange Bärte den Militärkameraleuten gut ins Bild: "Seht, sie lassen sich die Haare wachsen, weil sie Osama lieben." Wer sich auskennt, weiß, dass wir seit 1400 Jahren Bärte tragen, da gab's noch keinen Osama.

Sind Sie in Guantanamo noch gläubiger geworden?

Das kann ich nicht sagen. Ich bin immer noch derselbe wie vorher. Aber den Koran kann ich jetzt auf Arabisch lesen.

Sie haben Arabisch gelernt?

Und Usbekisch. Und richtig Englisch.

Was bedeutet Guantanamo für Sie?

Das ist ein Ort auf einer Karibikinsel. Der US-Stützpunkt ist das Problem, das Lager. Nicht Guantanamo, nicht die Natur und nicht die Tiere. Iguanas, so nannten wir die großen Geckos, haben uns besucht, da konnten die Amerikaner machen, was sie wollten. Die Iguanas kamen zu den Essenszeiten, die hatten sie sofort gelernt, und ich habe sie manchmal gefüttert, obwohl das verboten war. Dann wurde ich halt bestraft, musste in die Isolationszelle.

Isolationshaft? Wie lange denn?

Zehn Tage.

Dafür?

Das ist eine leichte Strafe. Weniger als zehn Tage gibt's nicht.

Was sind dann schwere Strafen?

Einmal kam ich für drei Monate und fünf Tage in die Isolationszelle, weil mein Vernehmer mit meiner Aussage nicht zufrieden war. Oft gab es Strafen, für die kein Grund zu erkennen war. Guantanamo ist ein Ort ohne Gesetze, dafür wurde es geschaffen.

Ist auch mal einer der Eingreiftrupps in Ihre Zelle gekommen?

Einmal? Wenn du gefesselt werden sollst, aber deine Hände nicht gleich hinhältst, oder wenn du vielleicht am Schlafen bist, stürmen sie in deine Zelle. Bis zu acht Mann, weitere stehen vor der Tür, Schilde, Stiefel bis über die Knie, Handschuhe, Helme, stich- und kugelsichere Weste.

Und dann, wie läuft so ein Einsatz ab?

Ich wurde mal beschuldigt, ich hätte meinen Plastiklöffel nach dem Essen nicht abgegeben. Ich sagte: "Kommt rein, seht nach, ich habe keinen Löffel." Nein, sagten sie, wahrscheinlich hast du ihn scharf gemacht und hast jetzt eine Waffe. Ich bot an, meine Hände durch die Essensklappe zu strecken, damit sie mir Fesseln anlegen konnten, aber das lehnten sie ab. Stattdessen kam der Trupp. Zuerst sprühen sie Pfefferspray in die Zelle. Dann wird das Wasser abgestellt im ganzen Block, damit auch keiner aus einem Nachbarkäfig dir etwas geben kann, um die Augen auszuwaschen. Sie warten fünf bis zehn Minuten, bis du nichts mehr siehst, dann kommen sie rein, springen auf dich, du wirst zu Boden geworfen, geschlagen und getreten, Füße werden gefesselt, Hände auf den Rücken gebunden. Dann kommst du für 30 Tage in Isolationshaft.

Was haben Sie in dieser Situation empfunden? Hatten Sie Todesangst?

Ich habe gelernt, dass Schmerzen ein Teil des Lebens sind.

Was haben Sie so lange allein in der Zelle gemacht?

Man ist schon etwas beschäftigt. In der Isolationshaft wird man mit Kälte bestraft. Dann setzt man sich in die Ecke, versucht, dem Strom der Kaltluft auszuweichen. Man muss sich bewegen, vor allem die Finger. Aber nicht zu viel, man bekommt ja nur drei Scheiben Toast am Tag, mit ein paar Gurken und Tomaten. Oder man wird mit Hitze bestraft, dann ist es am besten an der Tür. Am schlimmsten ist es, wenn die Lüftung ganz abgeschaltet wird. Dann muss man sich hinlegen, sonst kippt man um.

Und woran haben Sie dann gedacht?

Ans Essen, an die nächste Scheibe Toast. Man denkt auch viel übers Leben nach, über die Dinge, die man früher hatte, aber nie beachtete. Socken zum Beispiel. Warme Socken, wie wunderbar die sind in der Kälte. Und ich habe an den Propheten Joseph gedacht, den haben seine Brüder aus Neid in einen Brunnen geworfen, ihn als Sklaven verkauft und mit falschen Beschuldigungen ins Gefängnis gebracht. Ihn habe ich mir zum Vorbild genommen, er war zwölf Jahre unschuldig in Haft.

In welchem Camp sind die Isolationszellen?

Für die Gefangenen von Camp-X-Ray waren sie auf Schiffen des Stützpunkts. Später hatte jeder Block in jedem Camp Isolationszellen, von Camp 1 bis Camp 4. Camp Echo und Camp 5 bestehen nur aus Isolationszellen. Ich bin in allen Camps gewesen, habe keines ausgelassen.

Wissen Sie, wie viele Tage Sie gefangen waren?

Nein, das habe ich nie ausgerechnet, aber man hat mir gesagt, es waren 1663 Tage in Guantanamo, davor 62 Tage in Pakistan und Afghanistan.

Weshalb sind Sie im Herbst 2001 ausgerechnet in diese Länder gereist?

Ich bin nicht nach Afghanistan gereist, nur nach Pakistan.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2006

Guantánamo Das Bush-Camp Das Lager auf Kuba sollte eine Antwort Amerikas auf islamistischen Terror sein. Heute ist es ein Beleg dafür, wie die USA Menschenrechte missachten.

Weltweit gilt Guantánamo als Symbol für den Missbrauch von Menschenrechten. Ohne rechtsstaatliche Prinzipien interniert und verhört die US-Regierung terrorverdächtige Ausländer auf ihrem Marinestützpunkt in Kuba als "feindliche Kombattanten" - mit Methoden, die "auf Folter hinauslaufen", wie selbst das Internationale Rote Kreuz feststellte.

Guantánamo wurde im Pentagon konzipiert. Grundgedanke: keine Rechte für gefangene Ausländer im Anti-Terror-Krieg. Also fiel die Wahl auf die US-Marinebasis im Osten Kubas. Weil sie nicht amerikanischesTerritorium ist, galt sie als außerhalb der US-Rechtsprechung gelegen. So konnten die Gefangenen nicht gegen ihre Haft klagen, wurden jahrelang von Anwälten ferngehalten, hätten notfalls auf ewig weggesperrt werden können.

Von Januar 2002 an landeten Gefangene in Militärflugzeugen in Guantánamo - angeblich "fanatische Terroristen" (Verteidigungsminister Rumsfeld) und "Killer" (Präsident Bush). In Wahrheit bestand die große Mehrheit der Inhaftierten aus Mitläufern und "Unschuldigen, die im Chaos des Kriegs mit eingesackt wurden", wie selbst die CIA im September 2002 in streng geheimer Analyse einräumte. Zu dieser Zeit war das provisorische Camp X-Ray mit seiner Käfighaltung längst aufgelöst: Fotos von gedemütigten Häftlingen in orangefarbenen Overalls waren zum PR-Desaster geworden. Zu jener Zeit hockten mehr als 600 Häftlinge in Camp Delta, in befestigten Metallgitterzellen, jede 2,50 Meter lang und 2,07 Meter breit. Dauerverhöre in Ketten und Isolationshaft brachten jedoch kaum brauchbare Informationen.

Unter Kommandant Geoffrey Miller, Artillerie-General und fundamentalistischer Christ aus Texas, verschärfte sich Ende 2002 das Klima auf Guantánamo. Wärter warfen bei Razzien den Koran zu Boden, immer öfter schlug die Initial Response Force (IRF) zu - Schläger der Militärpolizei, die bei einer Übung selbst einen US-Soldaten in der Rolle eines Häftlings so traktierten, dass er mit Hirntrauma aus der Armee entlassen werden musste. Im Irak lösten Folter-Fotos aus dem US-Militärknast Abu Ghreib einen weltweiten Skandal aus - der dortigen Gefängnisleitung hatte Guantánamo-General Miller zuvor als Berater gedient. Im Juni 2004 sprach Amerikas Oberster Gerichtshof den Gefangenen in Guantánamo das Recht zu, vor US-Gerichten gegen ihre Haft zu klagen. Genau dies taten die Angehörigen von 64 Häftlingen. Die durften bald US-Anwälte empfangen - ihr erster Kontakt zur Außenwelt seit Jahren. Die Anwälte fanden bestätigt, was ein Gerichtspsychologe in einer Studie fürs Pentagon festgestellt hatte: Guantánamo "ist Gefängnis hoch drei" - die Internierten wüssten "nicht einmal, warum sie überhaupt dort sind".

Schließlich organisierten sich die Häftlinge, ihre Sprecher forderten faire Prozesse oder Freilassung. Verhandlungen mit der Lagerleitung scheiterten, es kam zu Aufruhr und mehrmonatigem Hungerstreik. Im Juni 2006 wurden drei Insassen tot in ihren Zellen gefunden. "Suizide", so der neue Kommandeur Konteradmiral Harris, sind Teil der "asymmetrischen Kriegsführung" der Terroristen.

Der US-Supreme-Court entschied im selben Monat, Haft und Militärtribunale in Guantánamo seien "illegal". Auch angesichts massiver internationaler Kritik sah Präsident Bush Anfang September den Tag nahen, an dem "wir die Hafteinrichtung auf Guantánamo Bay schließen". Doch dann schwenkte er um: 14 Topterroristen aus geheimen CIA-Gefängnissen weltweit wurden nach Kuba gebracht, darunter der 9/11-Planer Chalid Scheich Mohammed. Und in der vergangenen Woche boxte der Präsident im US-Kongress ein umstrittenes Gesetz durch: Militärtribunale können Terrorverdächtige aburteilen, unter Zwang gewonnene Beweise sind zulässig. Im Zweifel entscheidet eine letzte Instanz, was bei Verhören erlaubt ist: George Bush.

Uli Rauss

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