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Die Terror-Brüder von Boston

Zwei Brüder mit osteuropäischen Wurzeln sollen die Attentate in Boston begangen haben. Einer wollte Profiboxer werden, der andere Karriere machen. Was weiß man über die mutmaßlichen Terroristen?

Von Christoph Fröhlich

Tagelang schien es, als tappte das FBI auf der Suche nach den Boston-Attentätern im Dunkeln. Dann ging alles ganz schnell: Am Donnerstagabend wurden Fotos der Verdächtigen veröffentlicht, zu sehen waren zwei Männer mit Basecap und Sonnenbrille. Es war der Auftakt einer blutigen Verfolgungsjagd: Die beiden mutmaßlichen Täter, zwei Brüder mit osteuropäischen Wurzeln, überfielen noch am selben Abend einen kleinen Supermarkt, womöglich um sich Geld für die Flucht zu beschaffen. Dann klauten sie ein Auto und flohen ins sieben Kilometer entfernte Watertown, wo sie von der Polizei gestellt wurden. Bei der Schießerei starb ein Wachmann, der ältere Bruder, Tamerlan Zarnajew (26), wurde angeschossen. Er soll auf den vom FBI veröffentlichten Fotos der Mann mit der schwarzen Mütze sein, im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen. Der jüngere Dschochar (19) befindet sich seitdem auf der Flucht. Nun rätselt die Welt: Wer sind die beiden mutmaßlichen Attentäter?

  Tamerlan Zarnajew, der ältere der beiden angeblichen Attentäter des Bostoner Marathons, starb am 19. April 2013. Auf dem Fahndungsbild des FBI trägt er eine Sonnenbrille und ein schwarzes Basecap

Tamerlan Zarnajew, der ältere der beiden angeblichen Attentäter des Bostoner Marathons, starb am 19. April 2013. Auf dem Fahndungsbild des FBI trägt er eine Sonnenbrille und ein schwarzes Basecap

"Es gibt keine Werte mehr"

Laut russischen Medien wurde der ältere Bruder Tamerlan in Tschetschenien geboren, eine angrenzende autonome Republik in Russland. Von dort soll seine Familie von Zentralasien über Kasachstan nach Kirgistan geflohen sein. Dort kam offenbar der jüngere Bruder, Dschochar, am 22. Juli 1993 zur Welt. Im Jahr 2001 zogen sie laut "New York Times" gemeinsam mit ihren Eltern nach Machatschkala, einer Stadt in Dagestan, einer islamisch geprägten russischen Teilrepublik im nördlichen Kaukausus.

Dort wurde die Lebenseinstellung der beiden Brüder entscheidend geprägt: Sie beschreiben sich selbst als streng gläubige Moslems. Sie hätten weder geraucht noch Alkohol getrunken, schreibt das US-Magazin "Slate". "Es gibt keine Werte mehr. Die Leute können sich nicht mehr kontrollieren", wird der älterer Bruder zitiert.

Mittlerweile kursiert auch der angebliche Youtube-Account von Tamerlan im Netz, in dem sich eine Reihe von Videos über den Islam finden. In einem Video vom Mai 2012 wendet sich ein religiöser Führer an seine "salafistischen Brüder aus Tschetschenien" und thematisiert den Bürgerkrieg in Syrien.

Im Jahr 2002 soll die Familie in die USA ausgewandert sein. Der US-Fernsehsender "NBC" bestätigt das: Dem Sender zufolge sind beide Verdächtigen seit mehreren Jahren mit ihren Familien in den Vereinigten Staaten. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bislang nicht. Beide sollen eine Aufenthaltserlaubnis für die Vereinigten Staaten haben. "Sie waren seit mindestens einem Jahr legal in diesem Land", sagte NBC-Mann Pete Williams am Freitag.

Boxer und Attentäter

Der ältere der beiden Brüder, Tamerlan, studierte Medienberichten zufolge am Bunker Hill Community College in Boston und wollte Ingenieur werden. Laut Polizeiakten hatte er bereits im Jahr 2009 mit der Polizei zu tun: Er wurde wegen häuslicher Gewalt und Körperverletzung verhaftet, nachdem er seine Freundin attackiert hatte.

Der Fotograf Johannes Hirn begleitete Tamerlan Zarnajew im Rahmen eines Photo-Essays namens "Will Box for Passport", was so viel bedeutet wie "Ich werde für einen Pass boxen". Die Bilder, deren Entstehungsdatum bislang nicht bekannt ist, zeigen einen trainierten jungen Mann mit knapp 100 Kilogramm Gewicht. Boxen schien seine große Leidenschaft zu sein: Wenn er genug Kämpfe gewinnen würde, erzählte Tamerlan dem Künstler, könnte er es möglicherweise in die Auswahl des US-Olympia-Teams schaffen.

Er habe zu diesem Zeitpunkt eine Freundin gehabt, halb Portugiesin und halb Italienerin, die zum Islam konvertiert sei, heißt es unter einem Bild. Sein Lieblingsfilm sei "Borat", eine Satire des britischen Schauspielers Sascha Baron Cohen über Kasachstan, erzählte er dem Fotografen damals. Einige Witze fände er aber zu krass.

Hirn porträtierte den jungen Boxer mit osteuropäischen Wurzeln und zitiert ihn unter einem Bild mit den Worten "Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund. Ich verstehe sie nicht." Hatte Tamerlan Probleme, auf andere Menschen zuzugehen? Eine angebliche Wunschliste beim Online-Händler Amazon, die dem älteren der beiden Boston-Bomber zugeschrieben wird, scheint das zu bestätigen. Insgesamt 24 Gegenstände befinden sich in der Liste, die zwischen Januar 2006 und Juli 2007 angelegt wurde. Darunter sind Bücher über das organisierte Verbrechen. Einige erklären, wie man Geburtsurkunden und Führerscheine am Heim-PC fälscht. Ein anderes Buch schildert drei Jahrzehnte des tschetschenischen Widerstands gegen Russland. Ebenfalls mit dabei: Ein Buch mit dem Titel "Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflusst".

Tamerlan Zarnajew starb am 19. April 2013.

  Dschochar Zarnajew, der jüngere der beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston, wird von der Polizei noch gesucht.

Dschochar Zarnajew, der jüngere der beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston, wird von der Polizei noch gesucht.

Ein Vorzeigeschüler wird zum Killer

Sein sieben Jahre jüngerer Bruder Dschochar, der seit Freitagmorgen vor der Polizei flieht, pflegte offenbar bis zuletzt einen Account in einem russischen sozialen Netzwerk namens "vk.com". Sein Profilbild ist schwarzweiß, es zeigt einen dünnen Jugendlichen mit lockigem Haar. Den Angaben seines Profils zufolge ging Dschochar in Machatschkala zur Schule. Er war Single und besuchte die "Cambridge Ringe & Latin School" in Boston. Dafür erhielt er wegen guter Leistungen sogar ein Stipendium. Seine Weltanschauung sei geprägt vom Islam, heißt es auf dem Profil. Seine persönlichen Beweggründe seien "Geld und Karriere". Dschochar Zarnajew besitzt einen Führerschein des Bundesstaates Massachusetts und ist dort als Wähler registriert.

Wo die Brüder gelernt haben, Bomben zu bauen oder ob sie in Kontakt zu internationalen Terrornetzwerken standen, ist bislang noch nicht bekannt. Ebenfalls unklar ist, ob sie noch weitere Anschläge geplant hatten. Die New Yorker Webseite "nj.com" hat eine Frau interviewt, die angeblich die Schwester der beide Brüder ist. "Es waren tolle Menschen. Ich hätte das niemals erwartet", sagte sie dem Journalisten Dan Goldberg. "Sie waren schlau. Ich weiß wirklich nicht, was in sie gefahren ist." Ihren echten Namen will sie nicht nennen, ihre Brüder habe sie seit Jahren nicht gesehen, schreibt die Website. Sie sagt bloß: "Es tut mir leid, dass so viele Menschen verletzt wurden und ihr Leben verloren haben."

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