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Die heilige Macht der Mönche

Myanmar liegt am Boden. Die Militärdiktatur hat das südasiatische Land heruntergewirtschaftet, die Korruption blüht. Unter der Führung Zehntausender Mönche begehrt das Volk nun gegen die Machthaber auf - und riskiert einen blutigen Gegenschlag.

Von Willi Germund, Islamabad und Amy Kazmin, Bangkok

Mit ernsten Gesichtern marschieren Zehntausende Mönche durch die Straßen der Millionenstadt Rangun. Sie tragen ihre dunkelroten Roben, die meisten sind barfuß. Viele halten sich gegenseitig an den Händen fest. Und immer wieder rufen sie: "Demokratie, Demokratie!"

Tausende Leute stehen am Straßenrand, klatschen Beifall, muntern die Mönche auf, marschieren mit. Andere bieten ihnen Wasser und Reis an. "Ich bin so aufgeregt", sagt ein Lehrer. "Die Junta ist doch zu allem fähig. Aber wir haben keine Angst."

Die Furcht vor einem Gegenschlag wäre nicht unberechtigt. Während die Bürger durch die Straßen ziehen, bereitet sich das Regime in Myanmar demonstrativ auf eine militärische Zerschlagung der Rebellion vor. Hunderte Polizisten marschieren rund um die Shwedagon-Pagode auf, das größte buddhistische Heiligtum des Landes. Lastwagen mit Soldaten sind in der Stadt gesichtet worden. Durch die Straßen fahren Lautsprecherwagen, die die Bevölkerung davor warnen, sich den Protesten anzuschließen. Die berüchtigte 22. Division, die seit Jahren einen blutigen Krieg gegen die Minderheit der Karen führt, sei aus den Bergen abgezogen worden und befinde sich auf den Weg in die Stadt, heißt es.

Trotz dieser Drohkulisse sind die Mönche nicht bereit zu kapitulieren. Sie ignorieren die Drohungen der Militärjunta und weiten ihren Aufstand auf das ganze Land aus. Aus Mandalay, Sittwe und Taunggok wird von den größten Demonstrationen seit 20 Jahren berichtet. "Wir sind bereit zu kämpfen", erzählt ein 17-jähriger Novize in Rangun und spannt seinen Bizeps.

Preiserhöhung als Auslöser

Auslöser der Rebellion war eine massive Erhöhung der Benzin- und Erdgaspreise im August. Den zaghaften Demonstrationen im Städtchen Pakokku schlossen sich buddhistische Mönche an. Die Sicherheitskräfte gingen brutal gegen die Protestierenden vor, drei Geistliche wurden verletzt. Die Mönche verlangten eine Entschuldigung von der Regierung. Als die nicht kam, begannen sie zu demonstrieren.

"Die Regierung hat bisher nichts getan, um die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung zu verbessern", sagt U Win Naing, ein myanmarischer Oppositioneller im thailändischen Exil. "Sie haben immer nur versucht, die Proteste zu unterdrücken, ohne eine Lösung für die Armen zu finden."

In den 45 Jahren der Militärdiktatur ist Myanmar, die ehemalige "Reisschale Asiens", zu einem der ärmsten Länder Südasiens geworden. 26 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Das Bruttosozialprodukt beträgt knapp 700 Dollar je Kopf, ein Drittel der Kinder gilt als unterernährt. Viele müssen mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen. Hunderttausende verdingen sich aus wirtschaftlicher Not als illegale Arbeiter im benachbarten Thailand.

Schlimmere Zustände herrschen nur in Haiti

Der "Birmanische Weg", die vom Regime gepriesene Vereinigung von Sozialismus und Buddhismus, hat sich als Irrweg erwiesen. "Die Industrialisierung in den 60er-Jahren ist an Myanmar vorbeigezogen", sagt Marco Bünte vom Institut für Asienstudien in Hamburg. Stattdessen plündern die Generäle die reichlich vorhandenen Bodenschätze und betreiben Raubbau an den Teakwäldern.

Transparency International führt das Land in seinem jüngsten Korruptionsindex an vorletzter Stelle unter 163 untersuchten Nationen - schlimmere Zustände gibt es nur noch in dem karibischen Krisenstaat Haiti. Selbst die Beförderung von Briefen und Paketen funktioniert nur über Bestechung. Einzig die Drogenlabore im Norden und Osten des Landes, in denen Tausende Zwangsarbeiter schuften sollen, prosperieren: Myanmar gilt als weltgrößter Produzent von Amphetaminen und einer der drei größten Heroinhersteller.

Der Aufstand der Geistlichen bedroht die Grundlagen der Militärdiktatur. Die Mönche und Nonnen genießen in Myanmar hohes Ansehen. "Sie verstehen die Nöte der Bevölkerung", sagt Win Min, ein Exil-Myanmare. 90 Prozent der 53 Millionen Einwohner sind Buddhisten. Zwar versuchte die Junta, die Führung des buddhistischen Klerus zu korrumpieren, restaurierte viele goldglänzende Pagoden und schenkte ihnen teure Autos. Viele junge Mönche ignorieren jedoch die Aufforderung des staatlichen Mönchsrats, sich in ihre Klöster zurückzuziehen. "Welches Recht haben die Militärs, uns die Proteste zu verbieten?", fragt ein Abt in einem Kloster von Rangun, "die Mönche gehören den Myanmaren. Wenn sie arm sind, sind wir auch arm."

Böse Erinnerungen an den letzten Volksaufstand

Das Militär steckt in der Zwickmühle. Es müsste die Rebellion eigentlich im Keim ersticken, um nicht das Gesicht zu verlieren. Doch im Moment wollen die Generäle offenbar nicht riskieren, gewaltsam gegen die Bettelmönche vorzugehen. Und so gehen die Forderungen mittlerweile weit über wirtschaftliche Belange hinaus. "Die Proteste drehen sich nun um politische Reformen, um Aung San Suu Kyi", sagt Mark Caning, Londons Botschafter in der früheren britischen Kolonie. Die Friedensnobelpreisträgerin gilt als wichtigste Vertreterin der Opposition (siehe Artikel rechts). "Es gibt zwei Möglichkeiten", sagt Caning, "die Proteste könnten erlahmen, aber das ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine scharfe Reaktion der Regierung."

Die Situation weckt böse Erinnerungen an den letzten großen Volksaufstand vor 19 Jahren. Damals standen die buddhistischen Mönche zunächst ebenfalls an der Spitze einer Protestbewegung gegen die Militärs. Das Regime reagierte mit brutaler Härte. Am 8. August 1988 feuerte die Armee auf wehrlose Demonstranten, die sich zu einer friedlichen Kundgebung versammelt hatten. Etwa 1000 Menschen wurden an diesem Tag getötet, weitere 2000 starben an den darauffolgenden Tagen.

Autorität des greisen Generals wackelt

Wenige Wochen später stimmte das Regime Wahlen zu. Doch den Erdrutschsieg der Nationalliga für Demokratie (NLD) unter Führung Suu Kyis erkannten die Generäle nicht an. Auch diesmal scheint ein Einlenken unwahrscheinlich. Der Chef der Militärjunta, der 74-jährige General Than Shwe, ist kein Mann des Kompromisses. Beim nationalen Feiertag zu Ehren der Streitkräfte im März tönte er: "Wir werden Hand in Hand mit dem Volk die Gefahr zermalmen, die von destruktiven Elementen ausgeht, die die Stabilität des Staates stören." In den vergangenen Tagen ließ Than Shwe 200 Regimegegner festnehmen, behaupten Menschenrechtler. Unter ihnen befindet sich auch Min Ko Naing, neben Suu Kyi einer der prominentesten Oppositionsführer.

Für Than Shwe geht es ums politische Überleben. Bei jedem Zeichen der Schwäche könnte er von den Falken in der Führung abgesetzt werden. Auch die jüngeren Offiziere wollen nicht mehr bedingungslos den Befehlen des greisen Generals folgen.

"Das Regime ist in der Geschichte oft gewaltsam gegen friedliche Demonstranten vorgegangen", sagt Gareth Evans, Chef der International Crisis Group. "Wenn man ein Blutvergießen verhindern will, müssen die Uno-Staaten, die einen Einfluss auf die Regierung in Myanmar haben, schnell zusammenkommen."

Myanmar, Burma oder Birma?
Liebe Leser, wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, gibt es für das südostasiatische Land verschiedene Begriffe: Birma, Burma, Myanmar. In vielen deutschen Medien wird es Birma genannt, vereinzelt auch Burma, wie im englischen Sprachraum üblich. Seit 1989 heißt es offiziell Union Myanmar. So wird es von den Vereinten Nationen und von der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Einige Länder sind aus Protest gegen das dort herrschende Militärregime bei Birma/Burma geblieben, wie etwa die USA und Australien. stern.de hat sich entschieden, das Land Myanmar zu nennen.
Die Redaktion

FTD

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