. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
20. Mai 2008, 15:55 Uhr

Totenstille liegt über dem Land

Hunderttausend sind wohl gestorben. Und wer überlebt hat, steht unter Schock. Auch zwei Wochen nach dem Wirbelsturm "Nargis" warten Millionen in Myanmar auf Hilfe. Während die Menschen noch immer den Tod fürchten müssen, sorgen sich die regierenden Generäle allein um ihre Macht. Von Joachim Reinhardt

Ausharren, bis etwas passiert: Hilfe erhalten die Opfer der Flut nur von anderen Opfern© AP

Auch nach einer Woche schwemmen die Flüsse noch neue Leichen an. Die Fluten spülen sie an das Ufer, wo sie sich in Unrat und Pflanzen verfangen oder im Schlamm stecken bleiben. Oder sie treiben, aufgebläht, an den Dörfern vorbei Richtung Meer: Männer, Frauen, Kinder, dazwischen die gewaltigen dunklen Körper von Wasserbüffeln, die in der Sonne glänzen.

Ein süßlicher, durchdringender Geruch von Fäulnis und Verwesung liegt über Chaung-wa, einem Dorf etwa 170 Kilometer südwestlich von Rangun, der ehemaligen Hauptstadt Myanmars. Eine Woche nach dem schlimmsten Wirbelsturm seit Menschengedenken achten die Menschen hier kaum mehr auf die Leichen, die an ihnen vorbeiziehen. Männer suchen in Trümmern und Schutt nach Material für neue Behausungen. Andere trocknen auf Plastikplanen das bisschen Reis, das ihnen der Sturm gelassen hat.

Das Militär ignorierte die Warnungen

Denn niemand hatte sie gewarnt, obwohl indische Meteorologen bereits zwei Tage zuvor detailliert vorhergesagt hatten, wo und mit welcher Wucht der Zyklon das Land treffen und vor allem die ungezählten kleinen Dörfer im Delta des Irrawaddy verwüsten würde. Doch die Warnungen der Inder, die dem mörderischen Zyklon den Namen der hübschen indischen Schauspielerin "Nargis" gaben, haben die Militärs in ihrer neuen Hauptstadt Nay Pyi Taw vermutlich nicht interessiert.

"Der Wind setzte abends ein", sagt die Bäuerin Myint Aye. Sie schöpft gerade unten am Ufer mit einem Eimer die schmutzige Brühe aus dem Fluss, in dem die Leichen treiben. "Im Schein der Taschenlampen konnten wir beobachten, wie der Wasserpegel immer weiter stieg", erzählt die 55-jährige Frau.

Gewaltig toste der Sturm. Er zerrte an den Hütten, knickte Bäume und Sträucher und erfasste vor allem die Kleinsten und die Gebrechlichen. Wer von den 400 Dorfbewohnern kräftig genug war, kletterte auf einen Baum. Andere glaubten, auf den Dächern ihrer Hütten vor den Fluten Zuflucht zu finden. Manche Eltern banden ihre Kinder mit Kordeln an ihre Körper, damit sie vom Wind nicht fortgerissen würden. Wer konnte, drängte sich in das Obergeschoss eines der zwei solide gebauten Häuser von Chaung-wa. Wer das nicht schaffte, war verloren. Zeit, um zu fliehen, wäre da gewesen - der Sturm baute sich erst auf. Aber es gab keinen Ort mehr, der hoch genug gelegen wäre.

Ein schlechtes Karma

Die alte Bäuerin vergießt keine einzige Träne, wenn sie von dem Schrecken erzählt, der so viele Menschen das Leben gekostet hat. Schuld dafür sucht sie bei niemand anderem. Dass die Götter sie mit dieser Katastrophe bestraft haben, schreibt sie sich selbst zu, ihrem Karma, ihren Vergehen in vorangegangenen Leben.

Myint Aye hat 4 Mitglieder ihrer 15-köpfigen Familie verloren. Ihren älteren Bruder, eine Nichte sowie deren beide Kinder. Die Leiche der Nichte haben sie schon auf dem Feld beerdigt. Sie lag inmitten all des Schutts, zwischen zerfetzten Bananenstauden, unreifen Kokosnüssen, den Resten zerfledderter Schulhefte, zwischen Baumstämmen, Holzlatten und Booten, welche die Flutwelle bis zu 40 Meter weit ins Land hineingetragen hat.

So wie in Chaung-wa sieht es überall im Flussdelta des Irrawaddy aus. Hütten, die kaum noch als solche zu erkennen sind, liegen zur Seite geneigt. Oft ist nur das pure Gerüst stehen geblieben. Manche Bewohner haben die Reste ihrer Behausung notdürftig wieder aufgerichtet wie ein Kartenhaus und mit Schnüren an Bäumen festgezurrt. Betten, Stühle, Matratzen, Geschirr, verbogenes Wellblech sind wahllos übereinandergestapelt.

Trinkwasser nur per Boot

Myint Aye selbst ist gar nichts geblieben. Dennoch hat sie Glück, weil ihre jüngere Schwester sie unterstützen kann. "Sie gibt mir Geld", sagt sie. Doch das wird nicht lange reichen. Myint Aye wird es für Benzin ausgeben müssen, das noch knapper ist als sonst. Denn nur mit Booten lässt sich Trinkwasser von drüben, vom anderen Ufer, herbeischaffen. Dort, in der Kleinstadt Pyapon, hat der Zyklon wenigstens einen Brunnen unversehrt gelassen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 21/2008

Mit einer Spende können Sie helfen: Stiftung stern, Hilfe für Menschen e. V.
Deutsche Bank, BLZ 200 700 00
Kontonummer 469 95 00
Stichwort: Myanmar

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Myanmar Kein Geld für die Militärjunta

Die Weltbank wird dem Militärregime in Myanmar nach dem verheerenden Wirbelstum "Nargis" keine finanziellen Hilfen mehr zukommen lassen. Grund: Die Regierung ist seit 1998 mit der Tilgung alter Kredite im Rückstand. Technische Hilfe soll es aber weiterhin geben. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe