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Geheimsache "Arctic Sea"

Was ist auf der gekaperten "Arctic Sea" geschehen? Schmuggelte der Frachter Waffen? Weshalb die Geheimniskrämerei Moskaus? Allein die Gerüchte bieten genug Stoff für einen Agententhriller.

Von Andreas Albes, Moskau

Das letzte Mal, dass Viktoria Schumik von ihrem Mann hörte, war vergangene Woche. Das Telefonat dauerte nur wenige Sekunden und kam irgendwo von den Kanarischen Inseln. "Mach dir keine Sorgen", sagte ihr Mann. "Mir geht es gut. Komme bald nach Hause." Dann knackte es in der Leitung. Was "bald" bedeutet, Viktoria Schumik weiß es nicht. Ihr Mann ist Chefingenieur des geheimnisumwobenen Frachters "Arctic Sea" und eines von vier Besatzungsmitgliedern, die noch immer an Bord ausharren. Die "Arctic Sea" wird derzeit von einem russischen Schlepper in den Schwarzmeerhafen Noworossijsk gebracht. Mit jedem Tag, den die Fahrt dauert, werden die Gerüchte, um das, was auf dem Schiff geschah, undurchschaubarer. Die Wahrheit scheint in einem Dickicht aus Spekulationen unterzugehen.

20 Geheimdienste sind in die Affäre um den am 24. Juli entführten Frachter verwickelt. Wochenlang war er wie vom Erdboden verschluckt, bevor er am 17. August von der russischen Marine vor den Kapverden aus der Hand von Piraten befreit wurde. Eine Version lautet, der israelische Mossad hätte die Entführung organisiert, denn an Bord seien S-300-Raketen geschmuggelt worden, die russische Militärs an den Iran verkaufen wollten. Teheran ist schon lange scharf auf diese Waffe; sie würde den iranischen Luftraum undurchdringbar für Kampfjets des Erzfeindes Israel machen. Die Russen hatten dem Iran schon 2007 die Lieferung von S-300-Raketen versprochen, doch das Geschäft nach internationalen Protesten aufgeschoben.

Netanjahu in geheimer Mission in Moskau

Vergangenen Montag war Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in geheimer Mission in Moskau, um Wladimir Putin zu treffen. Er benutzte keine Regierungsmaschine, sondern einen Privatjet. Als der Kurztrip aufflog, mutmaßten israelische Medien sofort über ein "Arctic-Sea"-Geheimtreffen. Der Kreml dementierte. Die ganze Raketengeschichte sei eine "große Lüge", sagte Außenminister Lawrow. Überhaupt hatte die "Arctic Sea" nach russischen Angaben "Holz und nichts weiter als Holz" geladen.

In der Tat wäre es schwer - wenn auch nicht unmöglich - solche Raketen in der "Arctic Sea" zu verstecken. Mit 98 Metern Länge und 17 Metern Breite ist der Frachter verhältnismäßig klein. Eine S-300 wiegt inklusive Abschussvorrichtung, ohne die sie unnütz ist, 2,8 Tonnen. Den Verdächtigungen zufolge sollen die Raketen in der Werft von Kaliningrad, wo das Schiff im Juli generalüberholt wurde, in Zwischenwänden eingeschweißt worden sein. Anschließend fuhr der Frachter in den finnischen Hafen Jakobstad und lud Holz, das er nach Algerien transportieren sollte. Für die Raketentheorie spricht, dass er nach Zeugenaussagen extremen Tiefgang hatte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum wurde die Schiffsbesatzung mit zwei Großraumflugzeugen abgeholt?

Drei Versorgungsschiffe, ein Atom-U-Boot und eine Fregatte

Der Kreml setzte zum Auffinden der "Arctic Sea" drei Versorgungsschiffe der Schwarzmeerflotte, ein Atom-U-Boot und die Fregatte "Ladni" ein. Zudem war der Militärgeheimdienst GRU involviert. Viel Aufwand für ein paar Tonnen Holz im Wert von 1,3 Millionen Dollar. Präsident Dmitri Medwedew erklärte, die Rettung der russischen Mannschaft sei ihm jeden Aufwand wert. Es war schließlich die Fregatte "Ladni", die die "Arctic Sea" 400 Seemeilen vor den Kapverdischen Inseln stellte. Der Kapitän ließ die Geschütze auf den entführten Frachter richten und drohte über Funk: "Aufgeben, oder wir schießen!"

Die Piraten entschlossen sich zum aufgeben. Sie wurden festgenommen und zusammen mit elf der fünfzehn Besatzungsmitglieder von den Kapverden Sal nach Moskau geflogen. Dazu schickten die Russen zwei Iljuschin Il-76-Transportflugzeuge nach Sal, wo die Rote Armee noch zu Zeiten des Kalten Krieges eine riesige Landebahn in den Wüstensand betoniert hatte. So eine Il-76 kann bis 40 Tonnen Last transportieren, sieben Mann sind nötig, um sie zu fliegen. Zwei Maschinen für 19 Passagiere - auch das beflügelt die Spekulationen um einen Waffenschmuggel, der vertuscht werden soll.

Gespräche fanden unter Bewachung statt

In Moskau wurden die Piraten und ebenso die Besatzung ins FSB-Gefängnis im Stadtteil Lefortowo gebracht. Fast zwei Wochen hielt man die Seeleute in dem unscheinbaren rosafarbenen Zellenblock fest. Der Kreml wollte geklärt wissen, ob sie in die Affäre verwickelt sind. Ihre Angehörigen durften sie nur hin und wieder von einer Geheimnummer anrufen; die Gespräche fanden unter Bewachung statt und dauerten nie länger als anderthalb Minuten. Am 29. August wurden die Männer, lediglich mit alten Armeeuniformen am Leib, in Zug Nr. 324 nach Archangelsk gesetzt. Alle stammen aus der maroden Hafenstadt im Norden. Bei ihrer Ankunft am Bahnhof fragten Lokaljournalisten, wie es im FSB-Gefängnis gewesen sei. "Nicht besonders", antworteten sie schmallippig.

Ansonsten schwiegen die Seeleute. Die "Arctic Sea"-Affäre ist ein schwebendes Verfahren, es geht um die nationale Sicherheit - da wird Geheimnisverrat mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft. Nur die Ehefrauen lassen sich davon nicht einschüchtern. Sie sind erbost, dass ihre Männer wie Verbrecher verhandelt wurden. "Dabei waren sie doch Opfer", sagt Vera Potechin, Frau des 43-jährigen Matrosen Michail Potechin. Ihrem Mann hätten die Piraten die Hände so fest mit Plastikschnüren zusammengebunden, dass sie beinahe abgestorben wären. "Er wurde bei hohem Wellengang über die Bordwand gehängt, weil er den Schiffsnamen überpinseln sollte. Oben stand immer einer mit einer Waffe." Scheinhinrichtungen hätten die Piraten durchgeführt und dabei in die Luft geschossen. "Den Schock hat mein Michail noch nicht überwunden."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Holzladung war uninteressant, außerdem sind die Gewässer vor Schweden viel zu riskant für Piraten

Die acht Piraten waren brutal und gut vorbereitet

Die acht Männer, die die "Arctic Sea" in ihre Gewalt brachten, waren brutal und gut vorbereitet. Sie machten am 24. Juli morgens um drei mit einem Schlauchboot auf Höhe der schwedischen Insel Gotland an dem Frachter fest und behaupteten, in Seenot zu sein. An Bord überraschten sie die Mannschaft mit automatischen Waffen. Sie fesselten die Seeleute und sperrten sie in mehrere Kajüten. Einem Bootsmann gelang es noch, eine SMS an seine Frau abzusenden: "Wir werden entführt." Als die daraufhin die finnische Reederei informierte und der Direktor den Kapitän anfunkte, erklärte der: "Das war nur ein Polizeieinsatz." Schwedische Drogenfahnder hätten das Schiff nach Kokain durchsucht, aber nichts gefunden. Sie seien inzwischen wieder von Bord.

Gespräche mit vorgehaltener Waffe Das Gespräch führte Kapitän Sergej Saretzki mit vorgehaltener Waffe. Reedereidirektor Wiktor Matwejew glaubte seine Geschichte und nahm sich lediglich vor, später bei der schwedischen Regierung zu protestieren. Und so schipperte der gekaperte Frachter unbehelligt durch Skagerrak und Ärmelkanal, wo er auf der Höhe von Dover noch einmal Kontakt mit der britischen Küstenwache hatte. Danach schalteten die Piraten das automatische Identifikationssystem AIS ab (wodurch die "Arctic Sea" auf dem Radar unsichtbar wurde), ließen den Namen vom Rumpf verschwinden und vernichteten sogar die Pässe der Besatzung.

Eine gewöhnliche Entführung scheint ausgeschlossen

Eine gewöhnliche Entführung, wie sie die russischen Behörden glauben machen wollen, halten Schifffahrtsexperten für ausgeschlossen. Die Holzladung der "Arctic Sea" war uninteressant, außerdem sind die Gewässer vor Schweden befahren wie eine Autobahn und viel zu riskant für Piraten. Seit 150 Jahren wurde dort kein Schiff mehr gekapert. Eine Lösegeldforderung, die bei der Reederei Solchart einging, war so gering, dass sie wohl von Trittbrettfahrern stammte.

Bei den Piraten handelt es sich um polizeibekannte Kriminelle, von denen die meisten bereits wegen Körperverletzung, Raub und Diebstahl vor Gericht standen: vier Esten, zwei Letten, zwei Russen, 22 bis 45 Jahre alt. Auf den Bildern, die das russische Staatsfernsehen von ihrer Verhaftung ausstrahlte, sah man stiernackige Gestalten mit riesigen Tätowierungen. Einer fuhr früher zur See und galt jahrelang als verschollen. Anführer war der 35-jährige Alexander Bulejew aus Paldiski in Estland. Er wurde bereits zweimal verurteilt, einmal, weil er versucht hatte, einen Bus zu entführen.

Selbst die berüchtigten Vernehmungsbeamten des FSB beißen sich an ihnen die Zähne aus. Die Festgenommenen ließen über Anwälte erklären, sie seinen in Wahrheit in Seenot geratene Umweltschützer. Nicht sie hätten die "Arctic Sea" überfallen, sondern umgekehrt, der Kapitän hätte ihre Gefangennahme befohlen. Sie würden ihn dafür anzeigen. Wie der Internetdienst GZT.ru meldete, will der FSB nun Lügendetektoren bei den Befragungen einsetzen. Medien werten die dreiste Umweltschützer-Aussage als Indiz dafür, dass die Piraten einen mächtigen Geheimdienst hinter sich wissen. Ihre Spuren auf der "Arctic Sea" versuchten sie zu verwischen. Als russische Soldaten das Schiff unter Kontrolle nahmen, waren Pistolen und Gewehre verschwunden.

Journalisten berichten von Drohungen

Der Kreml hat versprochen, die Affäre mit "größtmöglicher Transparenz" aufzuklären. Bisher sieht es nicht danach aus. Zwar wurden die Behörden in Malta, unter dessen Flagge die "Arctic Sea" fährt, aufgefordert, den Laderaum selbst zu durchsuchen. Sollten an Bord jedoch Raketen oder sonstige Waffen versteckt gewesen sein, so gab es Zeit genug, sie fortzuschaffen. Journalisten, die dem Fall nachgehen, berichten von Drohungen. Ein Reporter der Komsomolskaja Prawda wurde in seinem Hotelzimmer in Archangelsk von einem Unbekannten angerufen: Er solle besser verschwinden, es gäbe viele Kriminelle in der Stadt. Der Piraterie-Experte Michail Woitenko, der über das Verschwinden der "Arctic Sea" auf seiner Web-Seite als erster berichtet hatte, bekam so massive Drohanrufe, dass er Moskau verlassen musste. Er versteckte sich erst Istanbul und ist nun in Thailand untergetaucht.

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