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27. Dezember 2007, 13:39 Uhr

"Sie ist den Märtyrertod gestorben"

Pakistans Ex-Regierungschefin Benazir Bhutto ist bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem Selbstmordattentäter getötet worden. Wenige Wochen vor der Parlamentswahl stürzt das Attentat das Land in eine Krise. Anhänger Bhuttos protestierten gegen Präsident Musharraf. Der erwägt eine Verschiebung des Wahltermins.

Anhänger des früheren pakistanischen Ministerpräsidenten Nawaz Sharif tragen nach der Explosion in Rawalpindi den Körper eines Verletzten© Faisal Mahmood/Pakistan

Die Ermordung Benazir Bhutto hat Pakistan elf Tage vor dem Termin der Parlamentswahl in eine tiefe Krise gestürzt. Die frühere pakistanische Ministerpräsidentin und charismatische Vorsitzende der Pakistanischen Volkspartei (PPP) wurde am Donnerstag auf einer Wahlkampfkundgebung in Rawalpindi getötet. Der Täter sprengte sich in die Luft und riss mindestens 20 Menschen mit in den Tod. Präsident Pervez Musharraf rief seinen Beraterstab am Abend zu einer Krisensitzung zusammen. Nach Informationen aus dem Innenministerium wird jetzt erwogen, die für den 8. Januar angesetzte Wahl zu verschieben. "Sie ist den Märtyrer-Tod gestorben", sagte ein Sprecher ihrer Partei.

Prekäre Lage Pakistans spitzt sich zu

Der Mord an Bhutto dürfte die ohnehin prekäre politische Lage in Pakistan noch weiter zuspitzen. Pakistan gilt in mehrfacher Hinsicht als "gefährlicher" Staat. Zum einen ist das Land im Besitz von Atomwaffen, zum anderen ist es als Nachbarland Afghanistans ein Schlüsselstaat im Kampf des Westens gegen islamistischen Terrorismus. Innerhalb des Landes tobt ein Machtkampf zwischen prowestlichen Fraktionen und islamistischen Fundamentalisten. Weil dem Westen - und allen voran den USA - daran gelegen ist, eine prowestliche Regierung an der Macht zu halten, hat dieser lange Präsident Pervez Musharraf unterstützt. Als Oberbefehlshaber hatte dieser die mächtigen Militärs im Griff - erst kürzlich dankte er als Militärchef ab. Musharraf hatte in den vergangenen Monaten den Ausnahmezustand verhängt - und ihn erst vor wenigen Wochen wieder aufgehoben.

Bhutto, vormals Regierungschefin des Landes, war im Oktober nach Pakistan zurückgekehrt. Sie hatte gute Chancen, aus den Parlamentswahlen am 8. Januar als Siegerin hervorzugehen. Ihre prowestliche Haltung hätte ihr die Unterstützung aus dem Ausland gesichert. Ihr gewaltsamer Tod droht nun, die Gegensätze und Bruchlinien innerhalb des Landes zu verschärfen. Musharraf hätte nun gute Argumente in der Hand, erneut den Ausnahmezustand zu verhängen - und den Termin der Wahlen zu verschieben.

Unterschiedliche Darstellungen des Tathergangs

In Rawalpindi, das direkt an die Hauptstadt Islamabad angrenzt, Peshawar, Karachi und weiteren Städten gingen Anhänger der PPP auf die Straße, warfen Glastüren und Autoscheiben ein und riefen Parolen gegen Musharraf. Bhutto hatte am Donnerstag vor mehreren tausend Anhängern in Rawalpindi gesprochen. Über den Hergang des Attentats lagen unterschiedliche Darstellungen vor. Bhuttos Sicherheitsberater Rehman Malik sagte, die 54-Jährige sei in Hals und Brust von Schüssen des Täters getroffen worden. Dieser habe sich danach in die Luft gesprengt. Ein Sprecher des Innenministeriums gab hingegen an, der Selbstmordattentäter habe das Auto der Politikerin gerammt.

Bhutto wurde in ein Krankenhaus gebracht und noch auf einer Intensivstation behandelt. Ihr Tod wurde um 18.16 Uhr Ortszeit festgestellt. Vor dem Krankenhaus versammelten sich viele Anhänger Bhuttos. Einige traten die Glastür am Haupteingang ein, andere brachen in Tränen aus. Autos wurden mit Steinen beworfen. Viele bedachten Präsident Musharraf mit Schmährufen. Auch Bhuttos Anwalt Babar Awan bezeichnete Bhutto als "Märtyrerin".

Sharif eilt an Bhuttos Totenbett

Der Oppositionspolitiker Nawaz Sharif, auch er ein früherer Regierungschef Pakistans und politischer Gegner Bhuttos, eilte ins Krankenhaus und setzte sich schweigend neben Bhuttos Leiche. Der Vorsitzende der Pakistanischen Muslimliga (PML) sagte den Anhängern der PPP: "Benazir Bhutto war auch meine Schwester, und ich werde ihren Tod mit euch rächen." Nach der Bluttat denke jetzt niemand mehr an die Wahl, sagte Sharif dem britischen Rundfunksender BBC. Benazir Bhutto wurde nur wenige Kilometer von dem Ort getötet, an dem ihr Vater, der PPP-Gründer Zulfikar Ali Bhutto, 1979 hingerichtet wurde. Die Politikerin war erst am 18. Oktober aus dem Exil nach Pakistan zurückgekehrt. Nach ihrer Landung in Karachi wurde ein Selbstmordanschlag auf die begeisterte Menge verübt, mehr als 140 Menschen wurden getötet.

Die USA verurteilten den Anschlag auf Bhutto. "Wir haben die Presseberichte zur Kenntnis genommen und bemühen uns um eine Bestätigung", sagte Außenamtssprecher Tom Casey. Bisher habe man aber keine eindeutigen Informationen. Erste Regierungschefin der islamischen Welt Bhuttos politische Laufbahn glich einer Achterbahnfahrt: Sie war die erste Regierungschefin der islamischen Welt, musste aber unter heftigen Korruptionsvorwürfen wieder abtreten und das Land verlassen. Nach Pakistan zurückgekommen war Bhutto erst Mitte Oktober, um bei der Parlamentswahl Anfang Januar anzutreten und die Herrschaft von Musharraf anzugreifen. Dieser hatte Bhutto nach der Verhängung des Ausnahmezustands auch vorübergehend unter Hausarrest gesetzt. Ihre eigentliche Kampfansage galt aber den islamischen Extremisten, die sich im Grenzgebiet zu Afghanistan festgesetzt haben. "Ich bin ein Symbol dessen, was die sogenannten Dschihadisten, die Taliban und die Al Kaida am meisten fürchten", schrieb sie einmal in ihrer Autobiographie. "Ich bin eine politische Führerin, die darum kämpft, Moderne, Kommunikation, Bildung und Technik nach Pakistan zu bringen."

AP, DPA, Reuters, stern.de
 
 
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