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11. Dezember 2009, 07:58 Uhr

Guttenberg stellt sich vor seine Truppe

Verteidigungsminister auf Aufklärungsmission: Bei seinem Blitzbesuch in Afghanistan hat Karl-Theodor zu Guttenberg "Transparenz und Aufklärung" über den Luftschlag von Kundus versprochen. Nach seiner Rückkehr warnte er davor, die Diskussionen über den Angriff auf dem Rücken der Soldaten auszutragen.

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Besuch bei der Truppe: Mitte November war Verteidigungsminister Guttenberg schon einmal in Afghanistan© Michael Kappeler/DDP

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat am Freitag überraschend die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan besucht und anschließend ein positives Fazit gezogen. Er habe in Kundus hochmotivierte Soldaten vorgefunden, die sehr dankbar gewesen seien, dass er seine Fehleinschätzung des verheerenden Luftangriffs korrigiert habe, sagte der CSU-Politiker am Abend nach seiner Rückkehr in Berlin.

Während seines Besuchs wurde eine deutsche Patrouille nahe Kundus mit Handfeuerwaffen und Panzerabwehrwaffen beschossen. Als die Soldaten nach Angaben der Bundeswehr das Feuer erwiderten, ergriffen die Angreifer die Flucht. Deutsche Soldaten seien nicht verwundet worden.

Guttenberg warnte davor, die politischen Debatten über den Luftangriff auf dem Rücken der Soldaten auszutragen und diese zu diskreditieren. Dies dürfe "um Himmels Willen" nicht geschehen. Die Soldaten hätten auch begrüßt, dass er den umstrittenen deutschen Oberst Georg Klein, der den Luftangriff befohlen hatte, nicht fallengelassen habe, fügte der Minister hinzu. Es sei nun Sache des Untersuchungsausschusses, die Dinge aufzuklären.

Rückendeckung für Oberst Klein

Guttenberg stattete dem Bundeswehrcamp in Kundus in Nordafghanistan einen Blitzbesuch ab. Er betonte, es bestehe ein "berechtigter Aufklärungsbedarf des Deutschen Bundestags". Klar sei, dass es bei dem Bombardement aus heutiger Sicht Verfahrensfehler gegeben habe. Der Minister wurde auf seiner überraschend anberaumten zweiten Reise nach Afghanistan von Verteidigungspolitikern der Bundestagsfraktionen begleitet. Er stellte sich erneut vor Oberst Klein. Dieser hatte die Bombardements der zwei von Taliban gekaperten Tanklaster am 4. September angeordnet, bei denen bis zu 142 Menschen getötet wurden, darunter viele Zivilisten.

Der Verteidigungsausschuss des Bundestags konstituiert sich am kommenden Mittwoch als Untersuchungsausschuss, um den Verlauf der Ereignisse rund um die Bombardierung aufzuklären. Der Minister mahnte in Kundus, der Untersuchungsausschuss dürfe nicht zur Diskreditierung der Soldaten führen, sondern müsse zur Optimierung der Rechtssicherheit beitragen.

"Fürchterliches Leid" für die Zivilbevölkerung

Seine ursprüngliche Bewertung vom 6. November, das Bombardement sei militärisch angemessen gewesen, nannte Guttenberg in der ARD erneut eine "Fehleinschätzung". Die anfängliche Bewertung habe auf dem Sachstand der damaligen Zeit basiert. Auch auf den Bericht des Roten Kreuzes, über den der stern in der neuen Ausgabe exklusiv berichtet und der bereits damals von zahlreichen zivilen Opfern sprach, ging Guttenberg ein: Er habe den Bericht "in dem Moment, indem ich ihn bekommen habe, auch sofort mitgeteilt". Im Wesentlichen habe er sich aber auf den Nato-Bericht zu den Vorfällen gestützt.

Der CSU-Politiker sprach von "fürchterlichem Leid", das die Zivilbevölkerung erlitten habe und das nie wieder gutzumachen sei. Zu der Frage einer Entschädigung der Angehörigen der Opfer sagte er, es sei "ganz klar, dass wir eine Lösung finden müssen". Allerdings müsse diese "der Kultur vor Ort gerecht werden". Die Menschen sollten nicht brüskiert werden, sagte Guttenberg. Der Freiherr sprach erneut von einem "Kampfeinsatz" in Afghanistan. Das müsse deutlich ausgesprochen werden.

Am Vorabend hatte Guttenberg noch in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" gesessen. Direkt nach dem Live-Talk in Berlin bestieg er das Flugzeug in Richtung Afghanistan. Der Weg in das Bundeswehr-Feldlager bei Kundus ist für Guttenberg nicht nur im Wortsinn lang und steinig.

Die 180-Grad-Wende

Denn gerade im Amt hatte er am 6. November die Bombardierung trotz einiger Verfahrensfehler militärisch angemessen genannt. Bei den Soldaten war das gut angekommen - vom Feldwebel bis zum General. Hatte sich ihr neuer oberster Dienstherr doch trotz dieser extrem schwierigen Lage gleich quasi als "einer von ihnen" gezeigt. Und jetzt?

Schon bald tauchten kritische Berichte der Bundeswehr auf, von denen Guttenberg nach eigenen Angaben bis dahin nichts gewusst hatte. Er machte eine 180-Grad-Wende. Aus "militärisch angemessen" wurde in der vorigen Woche "militärisch nicht angemessen". Seither wartet die Opposition auf die Begründung für die Neubewertung. Ohne Medien, dafür im Beisein der Obleute der Bundestagsfraktionen, will Guttenberg nun den Soldaten von Angesicht zu Angesicht seine Gründe nennen.

"Dieser Krieg ist nicht gewinnbar"

Bei Maybrit Illner saß auch der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Afghanistan-Kenner Jürgen Todenhöfer. Er kritisierte scharf, dass Guttenberg den Angriff, durch den zahlreiche Menschen verbrannt seien, zunächst verteidigt hatte. "Das macht mich krank", sagte Todenhöfer erregt. Er verlangte einen "echten Friedensplan". Dazu gehörten Entwicklungshilfe - begleitet von militärischer Stabilisierung, Gespräche mit Afghanistans Nachbarstaaten und Verhandlungen mit den Taliban.

Und noch ein Politiker saß in der Runde. Egon Bahr, der langjährige außenpolitische Stratege der SPD und Vertraute von Willy Brandt. Der inzwischen 87-Jährige analysierte schonungslos. Die Deutschen hätten zu Beginn des internationalen Afghanistan-Einsatzes 2002 die Illusion gehabt: "Die Amis machen die Sache mit den Waffen und wir machen die Sache mit dem Aufbau und dem Frieden. De facto befinden wir uns aber in einem Krieg - den wir so nicht nennen. Doch dieser Krieg ist nicht gewinnbar."

Das hätten die Russen bei ihrem Krieg in Afghanistan eher erkannt als die internationale Gemeinschaft heute, sagte Bahr. Er mahnte, Politiker in Deutschland leisteten einen Eid auf die Verfassung, nicht auf die Nato. Wenn ihnen klar sei, dass sie in Afghanistan den falschen Weg gewählt hätten, müssten sie umkehren.

DPA/AFP
 
 
KOMMENTARE (10 von 63)
 
Administrator (11.12.2009, 14:44 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
jetrabbit (11.12.2009, 14:31 Uhr)
wir wollen es nicht wahrhaben
deutsche soldaten und deutsche politiker geht nicht zusammen. wann hat jemals deutschland davon profitiert... und hier lese ich jetzt, das wir eigentlich nur 4 taliban fahrer töten wollten, aber dafür 173-4=169 zivilisten (kinder und erwachsene ohne waffen) dafür mit dem leben bezahlen mussten?
Halodri73 (11.12.2009, 14:07 Uhr)
@auwei
Nachdem wir nun erfahren haben, was wir NICHT sollten, was bitte soll den nun geschehen? Ich bin eher Lösungsorientiert...
Entschädigung nebst Entschuldigung? Finde ich gut ( ja, wir wissen alle, daß ein Mensch durch Geld auch nicht wieder lebendig wird, aber in Afghanistan wird eine solche Gesteweit weniger missverstanden, als hierzulande!).
Abzug? Ja bitte.
Aber wie??
Einfach gehen und zusehen, wie auf dem Rücken der hilflosen Mehrheit die Konflikte zwischen Taliban, Drogenbossen und korrupten Staatstruppen ausgetragen wird?
Sicher nicht!
Es muss ein klares Auftragsprofil ( für ALLE Isaaf-Truppenbindend) her, damit die a) die Soldaten wissen, was sie tun sollen und b) die Bevölkerung eine Erwartungshaltung aufbauen darf. Wenn ich "normaler" Afghane wäre... Ich hielte mich zurück, die Natotruppen zu unterstützen. Ame Ende hauen die einfach ab, weil irgendwer zu Hause kalte Füße bekommt und mich metzeln die Taliban nieder, wenn sie danach wiederkommen??? Nee, nee, da warte ich mal lieber ab...
Und an dieser Haltung wäre dann die westliche Politik Schuld!

Bei allem Bedauern um zivile Opfer, die in JEDEM Krieg beklagenswert sind - Verpissen gilt jetzt nicht mehr!
Malt (11.12.2009, 14:01 Uhr)
Naja....
....ich finde, den Soldaten selbst ist hier nur schwer ein Vorwurf zu machen, da sich diese in einer Ausnahmesituation befanden in welcher sie innerhalb kurzer Zeit zu entscheiden hatten - gut, dass die entscheidung falsch war wissen wir jetzt, aber keiner von uns weiß welche Informationen den Soldaten zur Verfügung standen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Offizier der Bundeswehr, nur um 4 Taliban zu töten, dafür wissentlich den Tod von über 100 Zivilisten in Kauf nehmen würde - geschweige denn, das man wohl nicht damit rechenen kann, dass 2 LKW in einem Flußbett 150 Leute in die Pampa locken können, damit sich diese den Sprit abzapfen.... ABER es wäre zumindest interessant, unter welcher Direktive die Soldaten gehandelt haben, sprich, welche Zielvorgaben im Zusammenhang mit dem Angriff zur Geltung kamen: WENN es so ist, dass der Angriff erfolgte, weil die Zielvorgabe darin bestand, diese 4 Talibanführer gezielt zu töten, und nicht, wie behauptet, um einen evtl. möglichen Angriff auf die Bundeswehr abzuwehren, DANN muss es hier Konsequenzen für die verantwortlcihen Politiker hageln... und damit mein ich nicht mal Guttenberg, sondern Jung und vor allem Merkel. Denn wir haben eine Verteidigungsarmee, wie auch im Grundgesetz festgeschrieben... und im Grunde haben wir dort auch nichts zu suchen, denn der Vorwand, weshalb wir dort sind (Angriff auf einen Bündnispartner) ist schon lange vom Tisch! Bei 9/11 war nicht ein einziger Afghane beteiligt - aber Pakistaner und Saudis.... und selbst wenn: Dann würde für mich der Bündnisfall bedeuten, dem Partner bei der Verteidigung zu helfen, nicht aber bei einem Präventivangriff! Das wäre jka in etwa so, als würde ich in eine Disco gehen und dem nächst besten vorsorglich die Fresse polieren, weil er könnte mich ja evtl. wenn's ganz schief läuft im laufe des Abends bedrohen! Ich würde gerne das Gesicht eines Richters sehen, wnen man versucht, derart eine Körpferverletzung zu rechtfertigen!
auwei (11.12.2009, 13:49 Uhr)
Nachtrag
Der Korrektheit halber: Richtig, es waren damals nicht die Taliban, sondern die Mujahiddin. Es war auch nicht die Nato, sondern es waren die USA. Am Großen Ganzen ändert es aber nichts. Wenn die Nato einen Sinn hat in Afghanistan - dann den, die Bevölkerung von den Irren Bärten zu entlasten. Dieses Ziel wird unglaubwürdig, wenn man sich der Zivilbevölkerung gegenüber allzu geringschätzig zeigt. Die Amis werden's hoffentlich noch lernen - wir sollten es bereits wissen.
auwei (11.12.2009, 13:43 Uhr)
@Medienbeobachter
Alllerdings. Man kann über Kriegseinsätze streiten, aber: Sprüche im Sinne von "wo gehobelt wird da fallen Späne" sind unterirdisch. Klar, sind ja nur halbwilde Musels, die selbst zu blöd sind, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen - oder verkleidete Taliban. Was müssen die da auch herumspringen? Ach so, ist ihr Land. Ach so, sie werden von einer US-unterstützen Terrororganisation terrorisiert (IMHO der einzige Grund, warum die Nato die Geister, die sie einst rief, auch wieder wegputzen darf), was auch den nächtlichen Klau von Sprit zur überlebenswichtigen Angelegeneit machen kann. Naja egal - wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Oder?
Gisella (11.12.2009, 13:36 Uhr)
halodri
-bin momentan am "lageristen"-ordne nudeln nach farbe und größe.-bleib dran am Kommentieren......
Medienbeobachter (11.12.2009, 13:33 Uhr)
Solange man selber nicht betroffen ist
Wenn man ihr Kind, tot mir abgerissenen Genitalien nach Hause bringen würde, würden Sie sich wohl kaum Gedanken darüber machen, ob man die Verantwortlichen Mörder oder Soldaten nennt. Oder darf man das hier nicht ansprechen. Anscheinend sollte man mal einige Bilder von diesem Krieg in Afghanistan veröffentlichen. Vielleicht würde den Leuten dann hier klar werden, was Krieg bedeutetet. Diese Sesselstrategen, die hier vor der Glotze sitzen und vor sich her theoretisieren.
Halodri73 (11.12.2009, 13:17 Uhr)
@giselle
Ähm..
Wie darf ich den Kommentar verstehen??
*höflichfrag*

Soll ich den eindeutig definierten Begriff "Mörder" nochmal erklären?

Würde das weiterhelfen??
Halodri73 (11.12.2009, 13:07 Uhr)
und jetzt noch ein bißchen Meinung
Der Minister macht alles richtig bislang. Mit Ausnahme der etwas voreiligen Einschätzung über die "Angemessenheit" der Wahl der Mittel.
Aber das große Wehklagen auf Seiten derer, die die Truppenentsendung beschlossen haben ( Rot-Grün !) nach dem Motto " aber wir wollten doch nur Brunnen Bauen. Und die Soldaten sollten ja nur sowas wie Personenschutz machen" - eine im Prinzip alternativlose und gute Idee - erstaunt mich schon.
Einzig die PDS dürfte konsequenter Weise meckern, denn die waren von Anfang an dagegen über haupt mitzuspielen...

Und auch wenn es hart klingt: Wer Taliban ershcießen will, wird IMMER auch Gefahr laufen, Zivilisten zu treffen, denn die benutzen Zivilisten zur Deckung. Also entweder hinnehmen, oder nicht schießen - was dann einem Abzug gleichkäme.
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