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22. Juni 2007, 11:38 Uhr

Die Hamas ist kein Dämon

Der Westen fördert die Fatah, weil er in der Hamas eine radikalislamische Terrororganisation sieht. Eine fatale Fehleinschätzung, sagt die Nahost-Expertin Helga Baumgarten im stern.de-Interview.

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Sollen die Hamas-Kämpfer nur die öffentliche Ordnung wiederherstellen oder einen islamischen "Gottesstaat"errichten?© Khalil Hamra/AP

Sehen Sie die Gefahr, dass die Hamas versucht, einen islamischen "Gottesstaat" zu errichten?

Nein, das sind eher projizierte Ängste, die aus den im Westen verankerten Vorurteilsstrukturen resultieren. Die Hamas hat in ihren jüngeren Programmen deutlich gemacht, dass sie ein Gemeinwesen für die palästinensische Bevölkerung schaffen will, das auf Demokratie und Freiheit beruht und Chancen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung bietet.

In Europa gilt die Fatah als gemäßigt, während die Hamas als militante Extremistenorganisation wahrgenommen wird. Ist dieses Urteil so einfach zu fällen?

Ich denke, dass diese Schwarz-Weiß-Malerei aus Europa und aus den USA völlig an der Realität vorbeigeht. Es gibt eine Struktur, es gibt ein Parteiprogramm, es gibt offene Diskussionen und unterschiedliche Flügel innerhalb der Hamas - genau, wie in jeder anderen Parteien auch. Nur hat das Nahost-Quartett (USA, Russland, die Europäische Union und die Vereinten Nationen, d. Red.) beschlossen, mit der Fatah zu verhandeln und die Hamas zu schneiden.

Immerhin propagiert die Hamas die Vernichtung des Staates Israel und wird deshalb von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Viele Beobachter halten der Hamas immer wieder ihre Charta aus dem Jahre 1988 vor, in der zur Zerschlagung Israels aufgerufen wird. Genau wie jede andere Partei hat sich aber auch die Hamas weiterentwickelt und man sollte deshalb das Parteiprogramm zu den Wahlen im Januar 2006 ansehen oder die Regierungserklärungen seit den Wahlen. In ihnen findet sich - in den Formulierungen der Hamas - praktisch alles, was das Nahost-Quartett fordert, um Verhandlungen aufzunehmen.

Die letzten Wahlen im Januar 2006 gewann die Hamas. Ist die Unterstützung der Hamas in der Bevölkerung tatsächlich so groß oder war die Wahl auch ein Protest gegen die Vetternwirtschaft der Fatah?

Da spielen sicherlich beide Aspekte eine Rolle. Einerseits wollten die Palästinenser die Fatah gerade wegen deren Korruption abwählen, andererseits wollten sie der Hamas mit ihrem politischen Programm eine Chance geben. Genau lässt sich das aber nicht trennen.

Die Kämpfe im Gazastreifen haben die Macht des militanten Flügels der Hamas gezeigt. War diese faktische Machtübernahme im Gazastreifen noch gesteuert oder ist sie das Ergebnis einer Eigendynamik?

Um die Gewalt der letzten Woche im Gazastreifen zu verstehen, muss man wissen, dass die Fatah seit den Wahlen im Januar 2006 nicht bereit war, die Kontrolle über die Sicherheitsorgane an die neu gewählte Regierungspartei Hamas abzugeben. Die Polizei bestand zu einem Großteil aus Anhängern und Mitgliedern der Fatah und die sträubten sich selbst dann noch, sich dem Innenministerium zu unterstellen, als sich beide Parteien im März dieses Jahres auf einen "neutralen" Minister geeinigt hatten. Die Hamas fühlte sich in der Defensive und sah- so ihre Darstellung - keinen anderen Weg mehr, die Situation in Gaza, unter anderem auch die dort um sich greifende Kriminalität, unter Kontrolle zu bekommen. Das entschuldigt allerdings in keiner Weise die schweren Übergriffe und Menschenrechtsverletzungen, die dort stattgefunden haben.

Ist die Position von Hamas-Premierminister Ismail Hanija stark genug, dass er die gesamte Hamas repräsentieren kann und somit zum Verhandlungspartner für Israel werden kann?

Ich teile nicht die Einschätzung, dass die Hamas eigentlich aus zwei oder drei unterschiedlichen Blöcken besteht. Meiner Meinung nach ist Hanijas Position stark genug, um die Bewegung anzuführen und zu repräsentieren. Die Hamas besteht darauf, dass sie dem Westen immer Verhandlungen angeboten hat - nur ist dieses Angebot stets ausgeschlagen worden. Verhandlungen mit Israel müssen nach den Osloer Verträgen durch Präsident Abbas geführt werden - das Mandat dazu hat ihm die Hamas immer erteilt.

Ließe sich mit der Hamas auch über eine Zwei-Staaten-Lösung verhandeln?

Die Hamas hat in ihrem Wahlprogramm ganz klar gesagt, dass es ihr Ziel ist, einen palästinensischen Staat in Ostjerusalem, im Westjordanland und im Gazastreifen zu errichten. Genau dieses Programm unterstützt ja die internationale Gemeinschaft. Nur wird die Zweistaaten-Lösung zusehends unrealistisch, solange Israel die Siedlungspolitik intensiviert und Siedlungen ausbaut und neue anlegt, anstatt die Besatzung nach 40 Jahren endlich schrittweise abzubauen.

Momentan zeichnet sich eine Teilung zwischen einem Fatah-regierten Westjordanland und einem Hamas-regierten Gazastreifen ab. Wird die Hamas ihrer Einschätzung nach versuchen, ihren Einfluss auf das Westjordanland auszuweiten oder wird sie sich zunächst auf die Regierung des Gazastreifens konzentrieren?

Diese Teilung hat die israelische Besatzung in der Praxis schon seit Jahren zementiert. Freien Zugang zwischen Westjordanland und Gaza, den Israel zuletzt Condoleeza Rice versprechen musste, hat man systematisch verhindert. Der politische Einfluss der Hamas im Westjordanland ist sehr groß, aber in der jetzigen angespannten Situation halten sich die Hamas-Anhänger eher bedeckt. Die Hamasführung fordert derweil ganz nachdrücklich Verhandlungen mit der Fatah, um diese politische Teilung so schnell wie möglich zu beenden. Die Fatah lehnt jedoch Gespräche mit der Hamas kategorisch ab, wie Präsident Abbas in seiner Rede am Mittwoch noch einmal nachdrücklich betonte. Er wird darin unterstützt von Israel, von den USA und der EU. Man will wohl versuchen, durch den Boykott des Gazastreifens und die massive Unterstützung für das Westjordanland den Palästinensern zu zeigen, dass sie unter einer Fatah-Regierung besser leben als unter der Hamas. Ich glaube nicht, dass dies Erfolg haben wird bei den Palästinensern, und eine Perspektive für die Lösung des Nahost-Konflikts ist es ganz sicher nicht.

Wie lange bleibt der Hamas überhaupt Zeit für Verhandlungen, bevor die Versorgungslage der Bevölkerung zu kritisch wird?

Wir sollten fragen, ob Israel und die westlichen Staaten durch eine Verschärfung des Boykotts die Bevölkerung tatsächlich in das vollständige Elend, aber damit auch in die absolute Verzweifelung drängen wollen. Was sie dabei aber übersehen ist die schlichte Tatsache, dass dann keine politische Führung mehr in der Lage sein wird, irgendeine Kontrolle auszuüben. Ganz im Gegenteil, eben dann werden viele Menschen keinen Ausweg mehr sehen, als zur Gewalt zu greifen und zum Beispiel wieder Selbstmordanschläge zu verüben, zuallererst in Israel. Und das kann doch niemand wollen.

Interview: Thomas Krause

Zur Person

Zur Person Die Politologin Helga Baumgarten, Jahrgang 47, lebt in Jerusalem und lehrt seit 1993 als Professorin an der Birzeit-Universität im Westjordanland. Sie hat mehrere Bücher zum Nahost-Konflikt verfasst. Zuletzt erschien von ihr im Heinrich Hugendubel Verlag: "Hamas. Der politische Islam in Palästina".

KOMMENTARE (8 von 8)
 
Oetker333 (22.06.2007, 16:36 Uhr)
Richtig
Das was die Expertin erzählt ist absolut richtig. Na wer war denn vor dem zweiten weltkrieg im heiligen land? Araber oder Juden? Ich bin auch für einen israel. Staat. Aber man kann doch deswegen die ansässigen Araber nicht vertreiben. Haben die Araber die Juden aus Palästina vertrieben. Nein es waren die Römer! Eigentlich sollte der israel. staat in Italien stehen (wo sie auch sicher vor Raketen sind).
songhua (22.06.2007, 14:40 Uhr)
wes Brot ich ess, des Lied ich sing
Nochmals die Maer von den armen Palestinensern. Sie haben viele Elfmeter bekommen, ohne Torwart, aber sie haben sich geweigert zu schiessen.Es gibt inzwischen genug palestinensische Stimmen, im Ausland, die erkennen, dass die Palestinenser sich selbst in eine aussichtslose Situation gebracht haben. welcher palestinenser/in wuerde den blauen Pass gegen den gruenen eintauschen? Das beantwortet eigentlich alle Fragen.
habibati (22.06.2007, 14:27 Uhr)
Endlich ein tatsächlicher Experte
endlich ist ein in den Medien genannter Experte tatsächlich mal Experte und nicht unwissend und von Vorurteilen und Hass genährt wie sonst üblich.
Die Nahost-Exrpertin Helga Baumgarten hat sehr gut beschrieben wie es tatsächlich ist. Während Abbas, die Fatah und Israel kaltblütig morden selbst vor Morden an Kindern und Vergeawltigung nicht zurück schrecken ist die Hamas demokratisch gewählt und damit zu akzeptieren vor allem wenn wir immer Demokratie verlangen.
Aber natürlich unterstützt besonders Amerika lieber Mörder und Vergewaltiger wie man ja auch schön in Afghanistan sehen kann. Nur ein Kinderhinrichter ist ein guter Präsi. Und da die deutsche Regierung immer gern den Amerikanern huldigt müssen auch wir Vergewaltiger und Mörder unterstützen und alle anderen verurteilen.
Faeltchen (22.06.2007, 13:35 Uhr)
expertin oder verteidigerin
Nahost-Exrpertin Helga Baumgarten redet sehr arbeitgebertreu. Sie verdient ihr geld
sachsenwini (22.06.2007, 12:45 Uhr)
Das Volk hat in einer freien Wahl die Hamas gewählt.
Das Volk hat in einer freien Wahl entschieden und 2006 die Hamas gewählt.
Daran gibt es nichts zu rütteln, und das müssen die Fata gehorsamen Staatsbeamten genauso respektieren wie das Ausland. Mit der Boykottierung des Wahlsiegers und der Unterstützung des Verlierers ist kein Frieden zu schaffen, zumal Israel nach eigenem Belieben dieses Land terrorisiert als wären sie eine Besatzungsmacht.
In Chile haben die USA auch einst einen Demokraten ermorden lassen und einen Diktator an die Macht verholfen. So schafft man Krisenherde aber keinen Frieden.
weda_kong (22.06.2007, 12:12 Uhr)
Na das Israel hier ein gerütteltes Maß
an Mitschuld trägt das kann ja wohl niemand leugnen. Hier nur zu verkünden dass die einen die "Guten" sind und die anderen die "Bösen", das ist - kurz gesagt -schwachmatig.
Ebenso schwachmatig ist es jedoch von den Palästinensern dass sie sich auseinander dividieren lassen. Wie ging das alte Sprichwort: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund." Es tut mir leid, für die Palästinenser sehe ich keine Chancen mehr. Israel hat es im trauten Verein mit der USA endlich geschafft dieses Volk zu spalten und die Palästinenser - naiv wie sie sind - machen dieses traurige Spielchen mit.
Ihre Zeit ist abgelaufen - nun kommt der Moment wo die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Nicht ohne dass - wie in diesem Fall die Fatah - noch die Konten geplündert werden und die Preziosen mit den feinen Herrschaften das Land verlassen während das einfache Volk im Elend zurückbleibt.
Wohl auch deshalb unterstützt die internationale Gemeinschaft die Fatah - weil sie die "Mäuse" haben - Geld und Geld gesellt sich eben immer wieder gern!
Nein, dieses Problem ist hausgemacht und die Palästinenser sind auf den ältesten diplomatischen Trick der Welt hereingefallen. Die Spaltung von außen ... :)
waelder (22.06.2007, 12:04 Uhr)
Palästina
Demokratie - das ist was für Weiße, jedoch auf keinen Fall was für Araber. Sollten die auf die Idee kommen, eine korrupte Regierungsmafia abzuwählen, dann wird sie azsgehungert.
Begründung: die korrupte Gruppe betet das westlich Glaubensbekenntnis vom Existenzrecht Israels nach. Etwas, dem sich die demokratisch gewählte andere Gruppe verweigert.
Da Israel als westliche Demokratie betrachtet wird, muß ein Gegner der jetzigen Staatsform Israels ein Terrorist sein.
Abgesehen davon, dass die inflationäre Anwendung des Begriffes Terrorist und seine willkürliche Anwendung durch vor allem den christlichen Fundamentalisten in den USA ihn unbedeutend macht, setzt die Behandlung Israels weltweit ein deutliches Zeichen, was eine westliche Demokratie tatsächlich bedeutet, nämlich: Lanbdbesetzung, illegales Einsperren tausender, willkürliches Zerstören von Existenzen, Atomwaffenbesitz und militärische Dominanz.
Da dies alles auf Hamas nicht zutrifft, werden sie schlicht als besser angesehen. Und der Druck des Westens wirkt da positiv verstärkend.
catchme (22.06.2007, 11:54 Uhr)
Theorie & Prakzis ...
... so lange es weiterhin Raketenangriffe auf Israel gibt, kann es keine Verhandlungen mit der Hamas geben. In diese isolierte Lage hat sich die Hamas durch die massive Gewalt gegen israelische Bürger selbst gebracht. Auch die " Klärung der Machtverhältnisse " zwischen der Hamas und der Fatah fand nicht auf die Art statt, die unter demokratischen Parteien üblich ist. Die Bevölkerung im Gaza-Streifen hat die Hamas in einer freien Wahl gewählt ...
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