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Die Mauer von Jerusalem

Mit einem gigantischen Grenzwall will sich Israel gegen den Terror abschotten. Das Sperrwerk zerschneidet Äcker, Gärten, Straßen. Nicht nur Palästinenser fühlen sich an die Teilung Berlins erinnert.

Sie kommen morgens um fünf, brechen die Türen der Mietshäuser auf und stürmen die Treppenhäuser hoch. Israelische Elitesoldaten mit schwarz vermummten Gesichtern besetzen die Dächer und richten ihre Maschinengewehre auf die leere Straßenkreuzung. Lautsprecherwagen der Armee verkünden auf Arabisch eine viertägige Ausgangssperre, fahrbare Scheinwerfertürme leuchten die Jericho-Straße aus. Januar 2004, der Ort Abu Dis wird geteilt. Der kleinere Teil kommt zu Jerusalem, der größere landet im Nichts. Die Wild-West-Bank, wie die Bewohner spotten, das bankrotte Reich des rettungslos korrupten Milliardärs Jassir Arafat, beginnt erst einige Kilometer weiter.

Er wäre gern auf der israelischen Seite gelandet, sagt Hani al-Gazali, 26. Nicht, dass er die Juden liebte, aber bei ihnen gibt es wenigstens Arbeit. Er geht ans vergitterte Fenster seiner Wohnung im vierten Stock und schaut hinunter. Bulldozer reißen den Asphalt metertief auf, dann bringen Speziallaster die Mauer-Fertigteile. Zehn Meter hoch, 1,30 Meter breit, mit einem gespreizten Fuss, der zwei Meter tief in der Erde versenkt wird. Ein Kran richtet die Betonplatten auf und zerreißt dabei Strom- und Telefonleitungen. Nach vier Tagen Bauzeit, Tag und Nacht, ist das einstmals quirlige Viertel eine Geisterstadt, abgetrennt von Ost-Jerusalem, von allen wichtigen Schulen, Büros und Krankenhäusern.

Ein schmutziger Ort, beladen mit Geschichte

Auf der Ostseite des Ölbergs liegt Abu Dis an der alten Römerstraße nach Jericho, "etwa 15 Stadien von Jerusalem entfernt", wie im Johannes-Evangelium steht. Es ist heute ein schmutziger Ort, beladen mit Geschichte. Juden wohnen hier nicht. Einst zog Jesus durch, um Lazarus, der ein paar hundert Meter weiter tot in einer Höhle lag, wieder zum Leben zu erwecken. Ein Wunder wäre in Betanien dringend wieder fällig, denn die Lage ist hoffnungslos wie nie. In seiner jüngsten Rede zur "Lage der Nation" hat US-Präsident George W. Bush den Nahost-Konflikt gar nicht mehr erwähnt. Amerika, die einzige Macht, die in diesem Konflikt etwas bewegen könnte, will sich im Wahljahr nicht die Finger verbrennen. Ariel Sharon, der mit allen Wassern gewaschene israelische Premier, nutzt die Gunst der Stunde und lässt in 24-Stunden-Schichten historische Fakten schaffen. Nächstes Jahr, wenn es in den USA wieder eine handlungsfähige Regierung gibt, ist die neue Ost-Grenze zu den Palästinenser-Gebieten dicht.

Der Mauerbau ist ausgeschrieben worden, und weil sie am billigsten arbeiten, errichten nun vor allem arabische Firmen mit arabischen Arbeitern einen Wall, den sie heimlich verfluchen: "Wenn wir es nicht tun", sagt ein junger Caterpillar-Fahrer, "dann macht es ein anderer. Besser, ich verdiene daran." Die Not macht unterwürfig, in den völlig verarmten palästinensischen Gebieten geht es mittlerweile ums nackte Überleben. Weil die Nachtschicht mit 500 Schekel (100 Euro) doppelt bezahlt wird, verdient ein Bauarbeiter in zwei Nächten mehr als ein Arafat-Polizist im Monat (160 Euro).

Razim Abu Hilel, 45, einem Bauern aus Abu Dis, hat die Armee gerade den Acker weggenommen. Das Land nicht enteignet - dagegen könnten die Betroffenen klagen -, sondern auf Grundlage des UN-Artikels 51 und der Haager Landkriegsverordnung von 1907 "vorläufig beschlagnahmt". Das ist erlaubt, wenn das Überleben eines Staates auf dem Spiel steht. Bauer Hilel bleibt weiterhin Besitzer seines Landes, nur wird auf ihn geschossen, falls er es betritt. Er hat die Besatzer trotzdem gefragt, ob sie nicht einen Job für ihn hätten. Zwei Wochen lang hat er mitgeholfen, seinen Besitz zu zerstören, für 150 Schekel (30 Euro) am Tag. Am Ende hat er die Israelis verflucht: "Die Mauer in meinem Garten wird euch nicht beschützen, weiß Gott, es gibt viele Wege, euch zu überfallen."

Als er gegen die Planierraupe protestierte, wurde er beschossen

Die amtlichen Beschlagnahme-Schreiben werden nicht persönlich zugestellt, sondern meist an Telefonmasten genagelt, beim Möbelhersteller Munther Bandak, 52, wurde der Brief in einen Olivenbaum geklemmt. Als Bandak hinauslief, um gegen die Planierraupe zu protestieren, wurde er beschossen. Der Unternehmer, der einst 50 Arbeiter beschäftigte, steht vor dem Ruin. Schuld daran seien Scharon und Arafat, "zwei alte Männer, die den Konflikt nicht lösen, sondern verschärfen wollen, weil jeder glaubt, er könne den anderen vernichten". Wie viele Palästinenser hat er "nichts gegen eine Mauer - aber warum bauen sie die nicht bei sich?"

Die Stacheldraht-Zungen reichen an manchen Stellen kilometertief in das palästinensische Gebiet hinein. Warum, fragte der linke Abgeordnete Haim Ramon in der Knesset, ist die "grüne Linie", die uns seit der Unabhängigkeit 1948 von der Westbank trennt, nur 373 Kilometer lang, der künftige "Sicherheitswall" aber 728 Kilometer?

Das "Monstrum" ist so lang, argwöhnt der linke Abgeordnete Ran Cohen, weil die Regierung Scharon möglichst viele der rund 230 000 jüdischen Siedler auf der Westbank mit einschließen will. Ein Mitglied der israelischen Regierung, das anonym bleiben will, sagte dem stern: "Die grüne Linie ist bedeutungslos, sie ist keine Grenze, sondern wurde 1948 willkürlich gezogen. Eine Grenze, die nicht auch die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria (so Israels Bezeichnung für die Westbank) einschließt, ist für uns undenkbar." Derzeit, so frohlockt das Jerusalem Institute for Israel Studies, werde "die dramatischste Veränderung seit dem Sechstagekrieg 1967 geschaffen", man dürfe der Regierung nicht glauben, wenn sie behaupte, der teure Wall sei nur temporär: "Dies wird wohl die neue Westgrenze des Palästinenser-Staates sein."

"Erst Sicherheit wird uns Frieden bringen"

Brigadegeneral Eivad Gilady, 47, bestreitet dies. Er ist Chef der "Strategischen Planungsdivision" der israelischen Armee und einer jener Köpfe, die sich die Mauer ausgedacht haben. "Jahrzehntelang haben wir geglaubt, dass Frieden zu Sicherheit führe", sagt er dem stern, "aber diese Strategie ist in den vergangenen drei Jahren zusammengebrochen. Heute wissen wir: Erst Sicherheit wird uns Frieden bringen." Da die andere Seite unwillig sei, den Terror zu beenden, müsse man es den Terroristen eben "so schwer wie möglich machen, zu uns zu kommen. Der Zaun wird den Terror vielleicht nicht stoppen, aber er wird ihn stark reduzieren. Im Norden, wo er schon steht, ist die Gewalt um 50 Prozent zurückgegangen. Wenn sich die Lage beruhigt hat, können wir über alles reden, auch über den Verlauf des Zaunes."

Das glauben ihm die Nonnen des katholischen Waisenhauses "Filles de la Charit?" nicht. Die Planierraupen haben bereits ein Drittel ihres Grundstückes auf der Rückseite des Ölberges, das mit Orangen- und Olivenbäumen bestanden war, platt gewalzt. Schwester Laudy bezweifelt, dass die Mauer, die bald auch in ihrem Garten steht, zur Beruhigung beitragen wird: "Ich erlebe seit 20 Jahren, wie die Leute hier von den Israelis erniedrigt und beleidigt werden. Ist es ein Wunder, dass sie immer wütender werden?"

Plötzlich kommt ein israelischer Jeep angerast und stellt sich mitten in Abu Dis quer vor die Mauer, drei junge Soldaten steigen aus. Eine Stunde lang schikanieren sie nun die Passanten. Den einen Anwohner lassen sie passieren zu seinem Haus, den nächsten vertreiben sie mit angelegtem Gewehr, ein System ist nicht erkennbar. Eine hübsche, junge Frau darf durch, zu dem Kind an ihrer Hand sagen sie: "Deine Mutter ist eine Hure." Sie lachen wie kleine Jungs, denen ein besonders guter Streich gelungen ist. Irgendwann ist ihnen langweilig, sie brausen wieder davon, dass der Schlamm nur so spritzt.

Kleine Provokationen und tödliche Gefechte

Freitagmittag um zwölf. Der Imam der Abdel-Nassir-Moschee ruft über schnarrende Lautsprecher zum Gebet. Die Lage ist angespannt, es ist der erste Feiertag seit dem Mauerbau. Das Gotteshaus liegt genau auf der Grenze. Nach dem Gebet beginnt immer die kritische Viertelstunde, da werden aus kleinen Provokationen schnell tödliche Gefechte. Die Jungs stehen in Gruppen herum und überlegen, ob sie Steine werfen sollen. Ein Testbrocken fliegt hinüber, aber die Scheiben des Jeeps, der auf der anderen Seite patrouilliert, sind mit dickem Gitter geschützt. Die israelischen Soldaten fahren weiter, die Jugendlichen gehen nach Hause. Nach dem Regen ist der Schlamm knöcheltief, einige haben ihre todschicken, neuen Turnschuhe mit Plastiktüten umwickelt.

Auf der anderen Seite, im katholischen Altersheim "Notre Dame der Schmerzen", atmet der deutsche Leiter Helmut Konitzer, 47, auf. Jedes Mal wenn geschossen wird, landen Tränengasgranaten im Hof seines Heims. In einem Waschzuber hat er schon an die hundert Hülsen gesammelt: "Das ist kein Tränengas, bei dem man nur ein bisschen weint, das ist so scharfes Zeug, dass es unsere verwirrten Alten fast umbringt. Ich habe die Soldaten schon oft gebeten, nicht auf unser Grundstück zu schießen, aber das interessiert sie nicht." Elf seiner 15 Pfleger, die sich um die debilen oder kranken Greise kümmern, wohnen auf der anderen Seite des Zaunes. Wie sie in Zukunft zur Arbeit kommen sollen, weiß niemand.

Unter den Soldaten und Grenzpolizisten, die in Abu Dis patrouillieren, sind viele Araber, weil sie die Sprache der Anwohner sprechen. Die Bevölkerung verachtet sie, weil "uns vollkommen egal ist, ob wir auf Arabisch oder Hebräisch schikaniert werden", sagt Yousef, der Hähnchenbrater, der seinen Stand an der Mauer hat. Besonders verhasst sind die privaten Wachdienste, die von den Baufirmen angeheuert wurden, damit nicht dauernd Baumaterial geklaut wird.

Wie kleine Rambos

Wie kleine Rambos lümmeln die jungen Männer in ihren schlammverspritzten Isuzu-Pickups und kosten das Machtgefühl aus, eine echte Maschinenpistole in der Hand zu halten. Sie sind meist arme Beduinensöhne aus der Negev-Wüste, sie tragen viel Gel im Haar, knappe, schwarze T-Shirts, verspiegelte Sonnenbrillen und sehen aus wie arabische Terroristen in einem schlechten Hollywood-Film. Viele können nicht einmal lesen, berichten die Palästinenser, "wenn sie unsere Passierscheine kontrollieren, halten sie die meist verkehrt herum".

Ohne den jüdischen Staat, den sie so abgründig verachten, können viele Palästinenser nicht überleben. Bassam al-Jazari, 39, sitzt in seinem Gemüseladen. Zwei seiner vier Kinder sind taub, auch ihre Augen sind geschädigt, sie drohen zu erblinden. In Jerusalem könnten sie behandelt werden, doch das liegt nun jenseits der Mauer. Finanzielle Hilfe hat die Familie nicht zu erwarten: "Für solche Fälle gibt es viel Geld von der EU, aber davon kommt in Arafats Staat nichts beim Volk an, dafür kaufen sich die Ministergattinnen lieber einen neuen BMW." Ein paar Häuser weiter macht "Izhimans Kaffeerösterei" dicht, es gibt keine Kunden mehr. Ein junger Mann namens Rami, 24, packt die letzten Habseligkeiten auf einen verbeulten Laster.

Jüdische Taxifahrer weigern sich oft, Fahrgäste von West-Jerusalem hinüber nach Abu Dis zu chauffieren: "Ich soll in dieses Drecknest fahren? Im Müll stecken bleiben? Wir haben die Schnauze voll von den Palästinensern und ihrem Terror, sie können verrotten hinter der Mauer, sie können so reich werden wie die Japaner - es ist uns egal, wir wollen nichts mehr sehen oder hören von ihnen." Arabische Fahrer machen die Tour. Die Juden, sagt einer, der müde überm Lenkrad hängt und wie ein Geisteskranker rast, sollte man alle ins Meer werfen. Für die 20-Schekel-Fahrt (4 Euro) verlangt er 300 Schekel (60 Euro).

Israel sieht nur die Bomben der Araber

Fast 150 Selbstmordattentäter haben den Israelis seit Oktober 2000 das Leben zur Hölle gemacht, fast tausend Menschen, darunter über hundert Kinder unter 18, sind bei den Anschlägen ums Leben gekommen - eine furchtbare Bilanz. "Leider kennen nur wenige meiner Landsleute die andere Zahl", sagt Gideon Levy, Israels umstrittener Kolumnist von der Tageszeitung "Haaretz". Wenn er darüber schreibt, dass auch Palästinenser sterben, bekommt er E-Mails aus den USA: "Vielen Dank, lieber Herr Levy, Ihr Adolf Hitler." In Israel, sagt Levy, sähe man "nur die Bomben der Araber, aber nie den eigenen Terror".

Nach den Gründen fragt hier schon lange niemand mehr. Seit Beginn der zweiten Intifada wurden rund 2600 Palästinenser, darunter an die 470 Kinder unter 18, von israelischen Sicherheitskräften getötet. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt geht nun ins vierte Jahr, und ein Ende ist nicht in Sicht. Beide Seiten sind davon überzeugt, nur der andere sei schuld am Desaster.

"Es geht jeden Tag weiter abwärts", klagt Mutter Agapia, die resolute, russisch-orthodoxe Leiterin der Mädchenschule in Betanien. Sie kommt aus New York und ist überzeugt, dass die Mauer in ihrer Nachbarschaft "nur die Infrastruktur zerstört und damit den Terror weiter anheizt". Seit zwölf Jahren lebt sie in Jerusalem und hat keinerlei Sympathie für Arafat, dessen Polizei sie schon 50 Tage eingesperrt hat. Aber eines verwundert die fromme Frau doch: "Dass die Palästinenser so stillhalten. Ich als Amerikanerin wäre viel wütender, wenn man mir solch ein Monster vor die Nase bauen würde." Der Widerstand gegen die Mauer kommt weniger von Palästinensern als von Israelis.

Die Chemieprofessorin Victoria Bruch aus Jerusalem, deren Großmutter erst im Warschauer Ghetto festsaß, dann in Treblinka ermordet wurde, sprüht mit großen roten Lettern ihren Protest auf die Betonbarriere: "Ghetto Abu Dis". "Ich musste etwas tun", erklärte sie. "Ist es nicht unfassbar, dass es nun ausgerechnet wir sind, die ein anderes Volk einsperren?"

Claus Lutterbeck/print
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