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29. Januar 2004, 09:18 Uhr

Die Mauer von Jerusalem

Mit einem gigantischen Grenzwall will sich Israel gegen den Terror abschotten. Das Sperrwerk zerschneidet Äcker, Gärten, Straßen. Nicht nur Palästinenser fühlen sich an die Teilung Berlins erinnert.

Im Jerusalemer Vorort Abu Dis verläuft die neue Grenze mitten durch die Straße Im Sarasihr. Friedensaktivistin Angela Godfrey sprüht ihren Protest auf den Beton: "Israelis gegen die Mauer"© Heidi Levine

Sie kommen morgens um fünf, brechen die Türen der Mietshäuser auf und stürmen die Treppenhäuser hoch. Israelische Elitesoldaten mit schwarz vermummten Gesichtern besetzen die Dächer und richten ihre Maschinengewehre auf die leere Straßenkreuzung. Lautsprecherwagen der Armee verkünden auf Arabisch eine viertägige Ausgangssperre, fahrbare Scheinwerfertürme leuchten die Jericho-Straße aus. Januar 2004, der Ort Abu Dis wird geteilt. Der kleinere Teil kommt zu Jerusalem, der größere landet im Nichts. Die Wild-West-Bank, wie die Bewohner spotten, das bankrotte Reich des rettungslos korrupten Milliardärs Jassir Arafat, beginnt erst einige Kilometer weiter.

Er wäre gern auf der israelischen Seite gelandet, sagt Hani al-Gazali, 26. Nicht, dass er die Juden liebte, aber bei ihnen gibt es wenigstens Arbeit. Er geht ans vergitterte Fenster seiner Wohnung im vierten Stock und schaut hinunter. Bulldozer reißen den Asphalt metertief auf, dann bringen Speziallaster die Mauer-Fertigteile. Zehn Meter hoch, 1,30 Meter breit, mit einem gespreizten Fuss, der zwei Meter tief in der Erde versenkt wird. Ein Kran richtet die Betonplatten auf und zerreißt dabei Strom- und Telefonleitungen. Nach vier Tagen Bauzeit, Tag und Nacht, ist das einstmals quirlige Viertel eine Geisterstadt, abgetrennt von Ost-Jerusalem, von allen wichtigen Schulen, Büros und Krankenhäusern.

Ein schmutziger Ort, beladen mit Geschichte

Auf der Ostseite des Ölbergs liegt Abu Dis an der alten Römerstraße nach Jericho, "etwa 15 Stadien von Jerusalem entfernt", wie im Johannes-Evangelium steht. Es ist heute ein schmutziger Ort, beladen mit Geschichte. Juden wohnen hier nicht. Einst zog Jesus durch, um Lazarus, der ein paar hundert Meter weiter tot in einer Höhle lag, wieder zum Leben zu erwecken. Ein Wunder wäre in Betanien dringend wieder fällig, denn die Lage ist hoffnungslos wie nie. In seiner jüngsten Rede zur "Lage der Nation" hat US-Präsident George W. Bush den Nahost-Konflikt gar nicht mehr erwähnt. Amerika, die einzige Macht, die in diesem Konflikt etwas bewegen könnte, will sich im Wahljahr nicht die Finger verbrennen. Ariel Sharon, der mit allen Wassern gewaschene israelische Premier, nutzt die Gunst der Stunde und lässt in 24-Stunden-Schichten historische Fakten schaffen. Nächstes Jahr, wenn es in den USA wieder eine handlungsfähige Regierung gibt, ist die neue Ost-Grenze zu den Palästinenser-Gebieten dicht.

Der Mauerbau ist ausgeschrieben worden, und weil sie am billigsten arbeiten, errichten nun vor allem arabische Firmen mit arabischen Arbeitern einen Wall, den sie heimlich verfluchen: "Wenn wir es nicht tun", sagt ein junger Caterpillar-Fahrer, "dann macht es ein anderer. Besser, ich verdiene daran." Die Not macht unterwürfig, in den völlig verarmten palästinensischen Gebieten geht es mittlerweile ums nackte Überleben. Weil die Nachtschicht mit 500 Schekel (100 Euro) doppelt bezahlt wird, verdient ein Bauarbeiter in zwei Nächten mehr als ein Arafat-Polizist im Monat (160 Euro).

Razim Abu Hilel, 45, einem Bauern aus Abu Dis, hat die Armee gerade den Acker weggenommen. Das Land nicht enteignet - dagegen könnten die Betroffenen klagen -, sondern auf Grundlage des UN-Artikels 51 und der Haager Landkriegsverordnung von 1907 "vorläufig beschlagnahmt". Das ist erlaubt, wenn das Überleben eines Staates auf dem Spiel steht. Bauer Hilel bleibt weiterhin Besitzer seines Landes, nur wird auf ihn geschossen, falls er es betritt. Er hat die Besatzer trotzdem gefragt, ob sie nicht einen Job für ihn hätten. Zwei Wochen lang hat er mitgeholfen, seinen Besitz zu zerstören, für 150 Schekel (30 Euro) am Tag. Am Ende hat er die Israelis verflucht: "Die Mauer in meinem Garten wird euch nicht beschützen, weiß Gott, es gibt viele Wege, euch zu überfallen."

Als er gegen die Planierraupe protestierte, wurde er beschossen

Die amtlichen Beschlagnahme-Schreiben werden nicht persönlich zugestellt, sondern meist an Telefonmasten genagelt, beim Möbelhersteller Munther Bandak, 52, wurde der Brief in einen Olivenbaum geklemmt. Als Bandak hinauslief, um gegen die Planierraupe zu protestieren, wurde er beschossen. Der Unternehmer, der einst 50 Arbeiter beschäftigte, steht vor dem Ruin. Schuld daran seien Scharon und Arafat, "zwei alte Männer, die den Konflikt nicht lösen, sondern verschärfen wollen, weil jeder glaubt, er könne den anderen vernichten". Wie viele Palästinenser hat er "nichts gegen eine Mauer - aber warum bauen sie die nicht bei sich?"

Die Stacheldraht-Zungen reichen an manchen Stellen kilometertief in das palästinensische Gebiet hinein. Warum, fragte der linke Abgeordnete Haim Ramon in der Knesset, ist die "grüne Linie", die uns seit der Unabhängigkeit 1948 von der Westbank trennt, nur 373 Kilometer lang, der künftige "Sicherheitswall" aber 728 Kilometer?

Das "Monstrum" ist so lang, argwöhnt der linke Abgeordnete Ran Cohen, weil die Regierung Scharon möglichst viele der rund 230 000 jüdischen Siedler auf der Westbank mit einschließen will. Ein Mitglied der israelischen Regierung, das anonym bleiben will, sagte dem stern: "Die grüne Linie ist bedeutungslos, sie ist keine Grenze, sondern wurde 1948 willkürlich gezogen. Eine Grenze, die nicht auch die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria (so Israels Bezeichnung für die Westbank) einschließt, ist für uns undenkbar." Derzeit, so frohlockt das Jerusalem Institute for Israel Studies, werde "die dramatischste Veränderung seit dem Sechstagekrieg 1967 geschaffen", man dürfe der Regierung nicht glauben, wenn sie behaupte, der teure Wall sei nur temporär: "Dies wird wohl die neue Westgrenze des Palästinenser-Staates sein."

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