Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Karikaturenstreit hilft der Hamas

Der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen heizt die Stimmung im Nahen Osten an. stern.de sprach mit Heike Kratt, Leiterin des Willy-Brandt-Zentrums in Jerusalem, über die Karikaturen, den Wahlsieg der Hamas und die besondere Rolle der Deutschen als Vermittler.

Frau Kratt, welche Rolle spielen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen für die Palästinenser im Westjordanland und dem Gaza-Streifen?

In den besetzen Gebieten sind die Karikaturen schon ein großes Thema. In Gaza haben 50.000 Menschen gegen die Karikaturen demonstriert und selbst im relativ kleinen Bethlehem kamen knapp tausend Menschen zusammen. Die Demonstrationen spielen der Hamas in die Hände und sind eine gute Gelegenheit nach dem Wahlsieg ihre Popularität und Mobilisierungkraft zu zeigen. In Jerusalem merkt man dagegen nichts von den Protesten. Es ist nicht so, dass man als Europäer nun auf der Straße angefeindet wird. Die Leute sind freundlich wie immer.

Ist der Konflikt von der Hamas inszeniert?

Das lässt sich nicht sagen. Dass der Konflikt so hochgekommen ist, ist der Hamas aber keinesfalls unangenehm. Sie kann die Leute auf die Straße holen und zugleich davon ablenken, dass man noch nicht genau weiß, wie man mit der neu gewonnenen Regierungsverantwortung umgehen soll.

Wie waren die palästinensischen Reaktionen auf den Wahlsieg der Hamas?

Mit dem Sieg der Hamas hat niemand gerechnet, nicht einmal die Hamas-Anhänger selbst. Es war klar, dass die Hamas eine starke Opposition werden würde und darauf hatte sie sich auch selbst eingerichtet. Nach dem Sieg der Hamas waren die Anhänger, aber auch Politiker der Fatah am Boden zerstört und ziemlich ratlos. Das hat sich inzwischen geändert: Nun sehen vor allem die jüngeren Anhänger der Fatah den Zeitpunkt gekommen für eine Demokratisierung und Reform der Partei. Insofern ist die Stimmung bei der Fatah eher motiviert und positiv.

Wird die Fatah mit Hamas zusammenarbeiten oder eher in die Opposition gehen?

Welche Rolle die Fatah spielen wird, ist etwas spekulativ. Es scheint aber die Meinung vorzuherrschen, die Hamas mit der Regierungsverantwortung erst einmal allein zu lassen. Einige in der Fatah scheinen zu hoffen, dass Hamas die Wahlversprechen an die Bevölkerung nicht wird halten können und es bald zu Protesten und Neuwahlen kommt. Die Fatah ist im Parlament aber immer noch stark vertreten und stellt den mit vielen Befugnissen usgestatteten Präsidenten Mahmud Abbas. Insofern wird es de facto zu einer Zusammenarbeit kommen müssen.

Kommt es nun zu einer Islamisierung der palästinensischen Gesellschaft?

Diese Angst einer Islamisierung herrscht vor allem bei der christlichen palästinensischen Minderheit vor.

Was für einen Stellenwert haben die europäischen - und speziell die deutschen - Initiativen im Nahost-Konflikt?

Auf israelischer Seite herrscht schon länger eine große Skepsis gegenüber den Europäern, weil Europa auch in den Medien als pro-palästinensisch gilt. Die politische Hauptrolle wird auf der Seite der USA gesehen, die wiederum bei den Palästinensern als klar pro-israelisch gelten. Deutschland spielt eine Sonderrolle, weil es von beiden Seiten als zuverlässiger Partner wahrgenommen wird. Grundsätzlich wird aber keine Initiative von außen allein den Nahost-Konflikt lösen können – eine Lösung muss aus den beiden Gesellschaften selbst kommen und von ihnen getragen werden. Was machbar ist - und was wir im Willy-Brandt-Zentrum auch versuchen - ist, dass Israelis und Palästinenser sich an einen Tisch setzen und gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Das würden sie ohne die Vermittlung der deutschen Seite nicht machen. Solche Initiativen sind jetzt wichtiger denn je.

Halten Sie den Dialog mit Hamas-Anhängern für sinnvoll?

Ich persönlich denke, dass es auf jeden Fall falsch wäre, wenn Europa sich aus der Konfliktlösung total zurückzöge. Es würde bei den Palästinensern als heuchlerisch wahrgenommen werden, wenn die Europäer erst von Demokratisierung sprechen, aber sich nach der Wahl zurückziehen, weil ihnen das Ergebnis nicht passt. Das Vertrauen in „den Westen“ ist derzeit eh nicht besonders ausgeprägt, ein Rückzug könnte es sehr schwer beschädigen. Im Bereich unserer Arbeit sollte man meiner Meinung nach stärker darüber nachdenken, mit welchen Hamas-Wählern es Sinn macht zu reden. Es gibt viele junge Leute, die nicht dem Klischee von Fanatikern und Extremisten entsprechen, aber dennoch Hamas gewählt haben. Sie hatten genug von der Korruption und der Heuchlerei einiger der Vertreter der bisherigen Regierungspartei Fatah und wollten eine Veränderung. Mit diesen Leuten macht es Sinn zu reden und sie in einen Dialog einzubinden.

Das Interview führte Thomas Krause
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools