. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. September 2006, 12:36 Uhr

Eine Gefangene ihres Schicksals

Natascha Kampusch versuchte, ihr öffentliches Bild zu kontrollieren. Doch viele Fragen blieben offen, die Neugier der Menschen ungestillt. Ihr Weg ins Alltagsleben wird immer schwerer. Von Markus Götting und Uli Hauser

Natascha Kampusch heftet der Journalistin Marga Swoboda von der österreichischen "Kronen Zeitung" vor dem Interview das Mikrofon ans Revers© Martin A. Jöchl/Kronenzeitung

Jetzt hat es schon wieder geklingelt. Es sind ziemlich anstrengende Tage für die Anwälte von Natascha Kampusch. Gerald Ganzger holt sein Handy aus der Sakkotasche, er springt vom Stuhl des Straßenrestaurants auf und vergisst dabei seinen Blackberry auf dem Tisch; er läuft am Ufer des Donaukanals auf und ab, telefoniert, gestikuliert, genau wie sein Kanzleikollege Gabriel Lansky. Und auf dem Tisch piept der Blackberry. "In dieser Medienwirklichkeit", sagt Lansky in einer ruhigen Minute, "kriegen Sie den Geist nicht mehr in die Flasche zurück."

Es sind einige Tage vergangen seit Natascha Kampuschs spektakulärem Fernsehauftritt, und geblieben sind mehr Fragen als Antworten. In der Presse täglich das jüngste Gerücht. Und immer wieder eine neue Wahrheit. Was verschweigt, was verdrängt, was verklärt sie? Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, im Kellerverlies sich selbst überlassen zu sein. Was es heißt, in der Angst leben zu müssen, jederzeit getötet zu werden. So ein Schicksal sollte nur in Therapiesitzungen behandelt, allenfalls in polizeilichen Befragungen geklärt werden. Aber Natascha Kampusch hat sich zu einer öffentlichen Figur gemacht, die gleichzeitig Privatheit verlangt. Und die nun damit konfrontiert ist, dass die Leute Dinge von ihr wissen wollen, die niemanden etwas angehen: Wie genau sah das ambivalente Verhältnis zu ihrem Peiniger aus? Was bedeutet es denn, wenn man sagt, dass Menschen in so einem Abhängigkeitsverhältnis, einem anderen ausgeliefert auf Leben und Tod, sich arrangieren müssen?

Dietmar Ecker, einer der profiliertesten Medienstrategen des Landes, hatte Kampuschs Medienwirklichkeit zu gestalten versucht. Drei Tage nach dem Fernsehinterview ist er aus dem Team ausgestiegen. In einer Umfrage fanden 78 Prozent ihrer Landsleute Natascha Kampusch sympathisch, das neue Boulevardblatt "Österreich" ernannte sie zur "Königin der Herzen". Mission erfüllt?

Ecker sitzt in seinem Büro und denkt an die vergangenen Wochen, er sagt: "Ich habe fast nur mit einer Fassade kommuniziert, nicht mit dem Leid." Aber während er stundenlang mit ihr das Interview geprobt hat, die Fragen, die Antworten, da bekam er eine Ahnung davon, was hinter dieser Fassade steckt. Er sagt: "Das alles ist ein psychologischer Grenzfall. Die Urangst - das Mädchen hat alles erlebt, was man nicht erleben will, grauenhafte Geschichten, und einige davon nehme ich als Geheimnis mit in meine Holzkiste."

Ludwig Koch mit Frau Georgina auf der Eckbank in seinem Haus bei Wien unter Souvenirs und einem Foto seiner Tochter Natascha© Philipp Horak

Ecker, Vater zweier Töchter, zwölf und 19, hat nachts von Natascha Kampusch geträumt; bei ihren Erzählungen habe es ihm immer wieder das Wasser in die Augen gedrückt. Er sagt: "Ich habe in die Hölle geguckt."

"Frau Kampusch wird nun rumgereicht wie eine Zirkussensation", sagt Ecker, "jetzt gelten die Gesetzmäßigkeiten der Soap Opera." Die aktuelle Episode heißt: Natascha - das neue Glück mit ihrer Mutter. So stand es in der Zeitung. Anwalt Lansky linst über den Rand seiner Brille, er sitzt beim Türken um die Ecke von seinem Büro. Im 1. Bezirk sieht Wien aus wie ein Freilichtmuseum. Lansky spricht vom Verhältnis seiner Mandantin zur Mutter, Brigitta Sirny, und den beiden Halbschwestern. Er sagt: "Von der Mutter aus ist das eine sehr warmherzige, nette, fürsorgliche Beziehung. Da wird Natascha gut aufgefangen. Vielleicht war das früher anders, aber dass es da eine traumatische Beziehung gibt, das schließe ich durch meine Menschenkenntnis aus."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2006

  zurück
1 2 3 4
 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe