Cyberwar, Piraten, Terror - die Nato verkämpft sich an zu vielen Fronten. Denn das Bündnis hat zu viele Feinde und keinen klaren Gegner wie einst die Russen. Dringend gesucht: eine neue Strategie. Von Claus Hecking

Nato-Generalsekretär Rasmussen auf einer Pressekonferenz in Brüssel zum anstehenden Lissabonner Gipfel© Thierry Roge/REUTERS
Es riecht nach Männerschweiß und abgestandenem Kaffee hinter der mehrfach gesicherten Pforte, fahle Neonröhren beleuchten den beigen Plastikboden des Korridors. Kabelbündel ziehen sich entlang der niedrigen Decke; hinter den teils unverputzten Wänden wummern die Server. Der "Bunker", wie die Nato-Militärs ihr IT-Nervenzentrum nennen, macht seinem Spitznamen alle Ehre. Kein Strahl Tageslicht dringt hier hinein, dabei liegt der Bunker gar nicht unter der Erde. Hier ins Innerste ihres militärischen Europa-Hauptquartiers Shape hat die Nato die Abteilung zur Abwehr von Computerangriffen eingebettet. Im Allerheiligsten, dem Kontrollraum, sitzen ihre IT-Experten vor schwarzen Bildschirmen. Die großen Monitore sind abgeschaltet; kein Besucher soll sehen, was sie wirklich beschäftigt. Ohne Voranmeldung kommen nicht einmal hohe Offiziere hinein. Es geht um die digitale Verteidigung.
"Eine gezielte, professionelle Cyberattacke kann heute die gleiche Wirkung haben wie ein Angriff mit herkömmlichen Waffen", sagt General Kurt Herrmann und schaut ernst durch seine großen Brillengläser. "Diese Bedrohung wächst nicht linear, sondern exponentiell."
Fast drei Jahrzehnte lang beschäftigt sich der Mann mit dem fast kahlen Kopf hauptberuflich mit Computern, schon als junger Soldat hat er mitgeschrieben am ersten IT-Konzept der Bundeswehr. Jetzt ist der 60-Jährige Dreisternegeneral und leitet die Agentur für Kommunikations- und Informationssysteme (NSCA), den IT-Dienstleister der Nato. Auch der Bunker gehört zu seinem Reich, wo 120 Spezialisten mittlerweile bis zu 1000 Hackerangriffe auf die Rechner des Hauptquartiers pro Tag abwehren müssen. Der Deutsche fürchtet, dass die 2004 geschaffene Abteilung dem Ansturm bald nicht mehr gewachsen ist. 60 neue Leute will Herrmann einstellen, doch die Zusage seiner Vorgesetzten steht noch in den Sternen. "Es wird nicht berücksichtigt", sagt der General, "dass wir in der Cyberverteidigung noch erheblichen Aufwand betreiben müssen, um künftigen Herausforderungen wirksam entgegenzutreten."
Die Nato steckt im Dilemma. Ihre Aufgaben werden immer vielfältiger - und ihre Kassen zugleich immer leerer. Am Freitag startet das Militärbündnis seinen Gipfel in Lissabon, um eine neue Strategie zu beschließen. Das Konzept soll eine Antwort geben auf all die neuen Bedrohungen für die internationale Sicherheit: Terrorismus, Massenvernichtungswaffen in den Händen unberechenbarer Regime, Energiekrisen und Klimawandel, Piraten und natürlich auch Angriffe aus dem Netz.
Genauso aber werden die Chefs der 28 Mitgliedsstaaten auch über den strikten Sparkurs sprechen, den sie der Nato verordnet haben: Höchstens sieben statt bisher elf Hauptquartiere, maximal 9000 statt 12.500 Beschäftigte, drei statt 14 Agenturen wollen sie noch bezahlen. Die Wirtschaftskrise sowie die ausufernden Kosten für den unterschätzten Afghanistan-Einsatz zwingen zu diesem historischen Umbruch. Mit Ausnahme der USA fahren fast alle Mitgliedsstaaten ihre Militärbudgets herunter.
Früher war alles so einfach. "To keep the Americans in, the Russians out and the Germans down", war das Motto des ersten Generalsekretärs Hastings Ismay. Bis 1990 hatte das Bündnis nur einen echten Gegner - aber Ressourcen en masse. Danach dehnte es sich aus gen Osten, startete umstrittene, unpopuläre Auslandseinsätze im Kosovo und in Afghanistan. Heute sieht sich die Nato vielen neuen, unberechenbaren, teils unsichtbaren Feinden gegenüber, und Gegenwaffen muss sie erst noch entwickeln. Wer will, wer kann, wer soll das bezahlen?
"Es ist gut, dass die Nato eine gemeinsame Sicht auf die Probleme gefunden hat", sagt Johannes Varwick, Autor mehrerer Bücher über die Nato und Professor für politische Wissenschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg. Doch er warnt: "Vielleicht sollte sich die Nato nicht so viel auf einmal zumuten. Sie sollte sich beschränken auf die Kernpunkte der Sicherheit."
Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sieht das anders, und er hat eine simple Antwort parat. "Wir müssen das Fett wegschneiden und zugleich Muskeln aufbauen", sagt er. Mit "Fett" meint der Däne den "schwerfälligen bürokratischen Überbau" der Nato oder Truppen, die an einen festen Standort gebunden sind. Muskeln, das sind für ihn mobile, flexible Streitkräfte sowie vor allem "Investitionen in neue Fähigkeiten". Und einen schmissigen Namen für das Konzept hat Rasmussen auch schon: Nato 3.0. Jamie Shea, Vizechef für "aufkommende Sicherheitsrisiken", soll die Vision in die Tat umsetzen. "Der Generalsekretär unternimmt gerade große Anstrengungen, um Geld freizumachen und diese Mittel neu zu verteilen", sagt der grauhaarige Brite. Er selbst gehört zum alten Inventar, 30 Jahre dient der 57-Jährige schon der Nato. Als "Mister Kollateralschaden" wurde der damalige Pressesprecher im Kosovo-Krieg 1999 weltbekannt, weil Shea bei seinen täglichen TV-Auftritten immer so schöne Worte für schreckliche Ereignisse fand.
Shea und seine 65 Mitarbeiter sind nun für alle Arten von Bedrohungen zuständig: Proliferation und Massenvernichtungswaffen, Terror, Energieknappheit und Klimawandel. Shea soll eine Art Superthinktank formen, Praktiker wie Herrmanns IT-Experten mit Politikern und Strategen zusammenbringen, gemeinsam Antworten erarbeiten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Cyberwar will Shea dabei besondere Priorität geben. Früher mussten sich Herrmanns Leute vor allem mit Einzelpersonen herumschlagen: sogenannten Hacktivists, die Webseiten verfälschen oder anderen Unfug im Nato-Netz anstellen wollten. Heute sehen sich die IT-Verteidiger immer wieder groß angelegten Angriffsversuchen gegenüber, hinter denen sie organisiertes Verbrechen oder gar staatliche Organisationen vermuten. Die Attacke mit dem Virus Stuxnet etwa, der vor einigen Wochen den iranischen Atomreaktor Buschehr lahmlegte, wäre ohne eine Kombination von Geheimdienstwissen, Hacker-Erfahrung und Ingenieurexpertise über die blockierten Siemens-Steuerungssysteme nicht möglich gewesen, behaupten sie. Solche Offensiven lassen sich auf Dauer kaum von ein paar Verteidigern im Shape-Bunker stoppen.
Gefunden in... ... der Financial Times Deutschland.