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Die (un)heimlichen Menschenjäger geraten außer Kontrolle

Die Navy Seals sind die glorifizierteste Elitetruppe der Welt. Der "New York Times" ist es gelungen, hinter die Kulissen der US-Kämpfer zu gucken. Sie zeichnet ein verstörendes Bild der Menschenjäger.

Von Niels Kruse

  Navy-Seal-Einsatz gegen Osama Bin Laden - zumindest so, wie es sich Hollywood im Film "Zero Dark Thirty" vorstellt

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Nach der Lektüre fühlt man sich an einen Zusammenschnitt der heftigsten James-Bond-Szenen erinnert. Es geht um Alkoholexzesse, um wilde Schießereien, um nächtliche Fallschirmsprünge, um obskure Waffen, um zahllose Tote. Solche, die absichtlich auf den Schlachtfeldern ums Leben gebracht und solche, die als Kollateralschäden in Kauf genommen wurden. Und alles natürlich: streng geheim. So top secret, so halb- bis illegal, dass Militär und Kongress lieber keine Details wissen wollen. Was die #link;www.nytimes.com/2015/06/07/world/asia/the-secret-history-of-seal-team-6.html;"New York Times" nun in einem wuchtigen Dossier beschreibt#, ist aber nicht der Fantasie von Ian Fleming entsprungen, sondern Alltag bei den Navy Seals, der geheimnisumwitterten Elitetruppe des US-Militärs.

"Sie sind eine Art 0800-Hotline geworden, wenn irgendjemand irgendwas erledigt haben will", sagt Bob Kerrey, früherer Senator und früherer Navy Seal über die Truppe. Anders gesagt: Wo immer die USA glauben eingreifen zu müssen, ohne sich dafür rechtfertigen zu wollen, da kommt die Eliteeinheit zum Zug. Die "New York Times" schreibt: "Einst waren die Seals auf wenige, schwierige Einsätze spezialisiert. Doch innerhalb eines Jahrzehnts ist aus ihnen eine Maschine für die weltweite Menschenjagd geworden." Die genaue Zahl ihrer Aktionen ist nicht bekannt, Insider und Experten, mit denen das Blatt gesprochen hat, schätzen sie auf mehrere zehntausend – alle angesiedelt im Graubereich aus Soldatentum, Spionage und Stillschweigen.

Geisel versehentlich mit der Handgranate getötet

Doch die Truppe, seit 2001 auf rund 2000 Soldaten angewachsen, gerät anscheinend immer wieder außer Kontrolle. Am bekanntesten ist wohl das Team 6 der Navy Seals, die glorifizierte Eliteeinheit unter den Eliteeinheiten - die zuletzt durch die Ergreifung und Ermordung von Osama Bin Laden von sich reden machte. Die US-Zeitung hat beispielhaft eine Reihe von Details einiger ihrer Operationen aufgeführt:

  • 2009 sollen sich Mitglieder der Navy Seals dem CIA und afghanischen Paramilitärs angeschlossen haben. Zusammen wurde eine Gruppe junger Kämpfer überfallen, die mindestens einen Amerikaner als Geisel gehalten haben sollen. Sämtliche Kidnapper wurden dabei getötet; der Vorfall führte zu Spannungen zwischen den Afghanen und der Nato. Selbst die befreite Geisel fragte später, warum all diese Menschen sterben mussten.
  • Im März 2002 starb der erste Angehörige des Team 6. Bei einer Schlacht in der Nähe der pakistanisch-afghanischen Grenze sprang Neil C. Roberts aus dem Hubschrauber und landete auf al-Kaida-Gebiet. Bevor die US-Truppen ihn retten konnten, wurde er von den Dschihadisten verstümmelt und im Schnee zurückgelassen. Nach dieser Schlacht änderten die Taliban ihre Strategie und flohen in die unzugänglichen Berge in der Region.
  • Zwischen 2006 und 2008 soll Team 6 in einigen Nächten zehn bis 15 Menschen getötet haben, in heftigeren bis zu 25. Ein ehemaliger Führungsoffizier sagte der "New York Times": "Diese Gemetzel wurden irgendwann zur Routine. Es gab so viele Ziele, jedes Opfer war nur noch ein weiterer Name."
  • Im Team 6 kamen sogar Tomahawks zum Einsatz, die auch im Emblem der Einheit auftauchen. Die indianischen Streitäxte wurden extra in North Carolina angefertigt, und "dienten nicht nur als Wandschmuck", wie das Blatt schreibt. Sie wurden zum Aufbrechen von Türen und Schlössern benutzt, bei Kämpfen Mann gegen Mann und mindestens ein Mensch wurde damit ermordet.
  • Ein Großteil der Einsätze wird im Schutz der Dunkelheit durchgeführt. "Ich habe in Häusern von Leuten herumgeschnüffelt, während die schliefen. Wenn ich sie mit einer Waffe erwischt habe, habe ich sie erschossen, so wie jeder andere das auch getan hätte", schreibt ein ehemaliger Navy Seal in seinem Buch "No Hero". Dabei wurden meist Gewehre mit Schalldämpfern verwendet – gerne auch aus deutscher Produktion.
  • Neben solchen "Kill and Capture"-Missionen, also Töten und Gefangennehmen, zählt auch die Befreiung von Geiseln zum Tagesgeschäft der Elitekrieger. Oft genug gingen die allerdings gehörig schief, wie etwa 2010. Damals sollte eine britische Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation aus den Händen der Taliban befreit werden. Kämpfer der Navy Seals wurden mit dem Hubschrauber in das Einsatzgebiet geflogen, nach ihrer Landung stellte das neueste Mitglied der Kampftruppe fest, dass sein Gewehr nicht funktionierte - und warf, offenbar überfordert, eine Handgranate in einen Graben, wo er feindliche Kämpfer vermutete. Nachdem die Seals die Taliban getötet hatten, wurde die Geisel gefunden – zerfetzt von einer Explosion. Zunächst gaben die US-Soldaten an, die Frau sei durch eine Sprengstoffweste ums Leben gekommen. Doch das Video des Einsatzes zeigte, dass sie durch die Handgranate ihrer "Befreier" starb.

Dass solche fürchterlichen Fehleinschätzungen überhaupt ans Tageslicht kommen, ist selten. Verantwortlich für die Navy Seals ist das "Joint Special Operations Command", eine Kommandoeinheit für Spezialeinsätze, die sich wiederum vor allem selbst überwacht. Was dazu führt, dass niemand die meist hochgeheimen Aktionen und Einsätze der unsichtbaren Krieger unter die Lupe nimmt. Was natürlich auch genauso gewollt ist: "Wenn man will, dass diese Leute Dinge tun, die gelegentlich das internationale Recht dehnen, dann will man das sicher nicht in der Öffentlichkeit verhandeln", sagt James Stavridis, ein ehemaliger Nato-Oberkommandeur.

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Zeit für neue Genfer Konventionen?

Doch das Dilemma bleibt: All zu oft entscheidet eine Handvoll, zwar gut trainierter, aber extremsten Situation ausgesetzter Soldaten über Leben und Tod, über richtige und falsche Opfer, und letztlich auch darüber, wie streng oder lasch der Westen mit seinen eigenen Werten umgeht – in modernen, asymmetrischen Kriegen, die keine klare Fronten und Regeln mehr haben. "Das traditionelle Kriegsrecht hat ausgedient, es wird Zeit für neue Genfer Konventionen", zitiert die "New York Times" Militärexperten. Denn sicher scheint, so das Blatt seufzend, dass die Einsätze der Schattenkrieger eher mehr statt weniger werden.

Sicher ist auch: Aus der Horde Elite-Raufbolde, die zu ihren Anfangszeiten die unendlichen Wartezeiten noch mit viel Alkohol überbrückten, ist mittlerweile ein Haufen extrem spezialisierter Kampfmaschinen erwachsen, die mit Diplomatenpass und Hightech-Waffen auch die ganz dreckigen Jobs erledigen. Der Preis dafür ist hoch: Sehr viele Navy Seals kommen bei Einsätzen und selbst im Training ums Leben, wer die Einsätze überlebt, leidet nicht selten unter körperlichen und geistigen Folgeschäden. Und Ruhm gibt es auch nicht zu ernten. Wer redet, fliegt in Schimpf und Schande. Wie etwa Robert O'Neill, der Mann, der Osama Bin Laden erschoss.

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