In Neapel toben seit Wochen blutige Auseinandersetzungen der Mafia - die damit einmal mehr offenbart, wie tief sie sich in die Hafenstadt gefressen. Im stern-Interview spricht Sonderermittler Giovanni Corona über die Macht der Clans, die Ohnmacht der Justiz und Neapels blutjunge Killer.

Staatsanwalt Giovanni Corona und Mitarbeiter© Francesco Cito/Panos Pictures
Das Blutbad hat noch nicht die Dimension von 2004 erreicht. Damals starben knapp 140 Menschen, weil sich der mächtige Clan der Di Lauro gespalten hatte, weil alte und neue Bosse und ihre "Soldaten" um Macht und Pfründen kämpften. Betroffen war vor allem die Peripherie im Norden der Stadt. Die Toten und die Gewalt in jüngster Zeit aber gehen auf das Konto einer diffusen Bandenkriminalität, die nur indirekt mit der Camorra zu tun hat - und sie macht sich im ganzen Stadtgebiet bemerkbar.
Das sind zum Teil blutjunge Kleinkriminelle, 16-, 17-, 18-Jährige, meist zugekokst und schwer bewaffnet, die in einem Klima zunehmender Verrohung wegen Kleinigkeiten töten: Da wird ein Zeitungshändler überfallen und erstochen, um seine Tageskasse zu rauben. Da erschießt ein Junge im Streit um ein Mädchen einen Gleichaltrigen. Waffen und Drogen sind in dieser Stadt an jeder Ecke billig zu haben. Dafür hat die Camorra gesorgt. Doch diese Jungen sind wie herrenlose Hunde, die - anders als die straff organisierten Clans - ohne Regeln töten. Deshalb wächst das Klima der Angst in Neapel: Jeden kann es treffen.
Die wichtigen Geschäfte der Clans laufen längst nicht mehr nur auf dem Pflaster Neapels. Dort versuchen sich ständig neu formierende Klein-Gangs ihre Mini-Reviere zu sichern. Das ist oft nicht mehr als ein Straßenzug, wo sie Schutzgelder kassieren und Drogen verkaufen. Gelder, von denen die Camorra als Lieferant und Oberaufseher am Ende immer auch profitiert. Das Milliarden-Business der Clans aber spielt sich auf nationaler und internationaler Ebene ab.
Unmöglich, das genau zu sagen: Es können 100, es können 200 Clans sein, die Szene wandelt sich ständig. Das ist bei der sizilianischen Mafia anders: Dort herrscht meist eine Gruppe, zurzeit die Corleonesi. Unklar ist auch, wie viele "affiliati", also Bandenmitglieder, es gibt: Der Auftragskiller gehört als Teil des ausgesprochen familiär organisierten Clans natürlich dazu. Aber was ist mit den Jungs, die im Stadtteil Secondigliano, dem größten Drogenumschlagplatz Europas, in Acht-Stunden-Schichten Schmiere stehen oder dealen? Der Mutter in Scampia, die mit den Töchtern gestrecktes Kokain in Portionstütchen abpackt? Der Familie in Ponticelli, die in einem der von den Clans besetzten Häuser eine Wohnung zugeteilt bekommt und sich im Gegenzug verpflichtet, Waffen oder Flüchtige zu verstecken?
Es gibt keine Statistiken, keine Zählungen. Aber eines ist klar: Die gesamte Nord- und Ost-Peripherie Neapels, etwa ein gutes Dutzend Stadtviertel, sowie ein Großteil der Kommunen im Hinterland sind absolute No-go-Areas, in denen der Staat keinerlei Kontrolle mehr hat und die Camorra der größte Arbeitgeber ist. Von denen man nicht einmal weiß, wie viele Menschen genau dort leben.
Das 30-Milliarden-Vermögen der Casalesi-Bosse haben wir aus Zeugenaussagen ehemaliger Clanmitglieder und durch Beschlagnahme-Aktionen rekonstruiert. Fakt ist: Drogenhandel, Produktpiraterie von Luxusgütern, durch Korruption und Erpressung erlangte Großaufträge im Baugewerbe, Waffenhandel, illegale Müllentsorgung und Schutzgelderpressung sind - in dieser Reihenfolge - die Säulen des Milliardengeschäfts der Clans. Aber auch hier können wir nur hochrechnen. Allein im Viertel Secondigliano etwa gibt es ungefähr 20 Drogenumschlagplätze, an denen rund 500 Pusher täglich zwischen 800 und 1000 Euro umsetzen. Macht allein dort Tageseinnahmen von bis zu einer halben Million Euro. Mindestens die gleiche Menge an Drogen pro Platz geht nach unserer Schätzung täglich an die "Filialen" in Mittel- und Norditalien.
Sehr profitabel - und dabei weniger riskant. Vor gut zehn Jahren ist die Camorra groß ins Fälschergeschäft eingestiegen: In unzähligen Schwarzbetrieben rund um den Vesuv stellen eingeschmuggelte Chinesen - zum Teil unter Anleitung heimischer Schneidermeister - perfekt gefälschte Designerkleidung her, von A wie Armani bis Z wie Zegna. Auch lassen die Bosse im Zuge der Globalisierung direkt in China produzieren: neben Kleidung etwa falsche Bosch-Bohrer oder Canon-Digitalkameras. Die Ware wird dann mit breitem Verteilernetz in aller Welt als authentische Markenware verkauft. Oft wehren sich die Originalhersteller gar nicht, haken den Handel mit ihrem gefälschten Label als unfreiwillige Image-Werbung ab.
Nach unseren Erkenntnissen vor allem in Immobilien: Die Camorra investiert vorzugsweise in spanische Wohn- und Bürohäuser, aber auch in Hotels, Bingo-Hallen und Spielcasinos etwa in Kroatien. Daneben werden reihenweise Firmen in Osteuropa und China aufgekauft. Wir wissen, dass mindestens 30 Millionen Euro, die im Ausland durch Fälscherware erwor-ben wurden, von Camorra-Filialen in Deutschland gewaschen und über die Konten von Strohmännern oder mit Hilfe bestochener Banker nach Italien zurückgeleitet wurden.
Saviano war mutig, sich mit den Bossen anzulegen. Er hat einen interessanten Roman geschrieben, in dem er die Realität, sagen wir, "pulp"-mäßig angereichert hat. Aber die Fakten, die hat er aus unseren Ermittlungakten, aus Zeugenaussagen, Telefonmitschnitten, Beschlagnahmungsaktionen. Wir müssen professionell arbeiten, dichten hilft da nicht. Über 500 Clanchefs haben wir in den vergangenen fünf Jahren verhaftet. Mächtige Paten wie Paolo Di Lauro, der heute unter verschärften Haftbedingungen im Hochsicherheitstrakt sitzt, oder wie Francesco Schiavone, der im letzten Jahr zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Unter Polizeischutz lebe ich schon lange.
Noch hilfloser als die Mängel in unserem Justizsystem macht uns, was ich das "Hydra"-Problem nenne: Für jeden Kopf, den wir verhaften, wachsen mindestens zwei nach. Die Clans spalten sich, weil etwa der vormalige Vize wie der leibliche Filius des Inhaftierten mit ihren Gefolgsleuten an die Macht drängen. Solange sich die Söhne nicht lossagen von ihren Verbrecher-Vätern, wird sich nichts ändern. Auch nicht durch 1000 neue Polizeibeamte oder 24-Stunden-Videoüberwachung, wie jetzt von Rom geplant.
Für die Menschen in Neapels Problemvierteln gibt es keine legalen Wohnungen, kaum ehrliche Arbeit. Für alles sorgen die Clans - darin liegt die Erklärung. Die Bosse lassen Häuser besetzen und teilen Wohnungen zu, sie bieten den Jungen leicht verdientes Geld und "Karriere": ein festes Wochensalär von 600 Euro für den, der Wache schiebt und vor Polizeistreifen warnt, das ist mehr, als ein junger Pizzabäcker im Monat bekommt. Wer "aufsteigt", kann sich ein Leben in Luxus leisten, mit Nobelkarossen und pharaonischen Villen - und wird seinerseits zum Erfolgsmodell für die Jungen. Wird einer von ihnen verhaftet oder gar getötet, zahlt die Camorra Anwalt oder Beerdigung und leistet eine Art monatlicher "Sozialhilfe" an die Familien. Sogar Lebensmittel werden frei Haus geliefert.
Bisher zu wenig. An der Lage wird sich trotz Polizeieinsatz und Anti-Mafia-Ermittlungen auch wenig ändern, solange es keine reguläre Arbeit gibt und man die Ghettos sich selbst überlässt. Nur soziale Sicherheit macht gegen das Gift der Hydra immun.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 46/2006
Giovanni Corona Der 41-Jährige Staatsanwalt hat in sieben Jahren 500 Clanmitglieder verhaftet. Trotzdem geht das Morden weiter.