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9. Februar 2007, 10:51 Uhr

"Der Kreml zieht die Fäden"

Dem zu acht Jahren Lagerhaft verurteilten Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski droht ein neuer Prozess. Russische Behörden wollen ihn anklagen, es drohen weitere 15 Jahre Haft. "Die Anschuldigungen sind frei erfunden", sagt sein Anwalt Robert Amsterdam stern.de. Von Katja Gloger, Washington

Chodorkowski-Anwalt Robert Amsterdam: "Diese Anschuldigungen sind frei erfunden"© Bernd Kammerer/AP

Er gehörte zu den ganz Reichen in Russland, der Öl-Milliardär Michail Chodorkowski, einst Chef des Yukos-Konzerns. Bis der Oligarch dem Kreml zu mächtig und zu kritisch wurde - 2003 wurde er verhaftet und in einem regelrechten Schauprozess zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Jetzt wurde erneut Anklage erhoben, ihm drohen bis zu 15 Jahren weiterer Haft. Sein Anwalt Robert Amsterdam sprach mit stern.de über die Hintrgründe.

stern.de: Herr Amsterdam, wie geht es Ihrem Mandanten?

Robert Amsterdam: Er ist sehr enttäuscht, traurig. Die neue Anklage gegen ihn ist so absurd, dass man sich so etwas eigentlich kaum ausdenken kann. Eine schändliche Farce, sagt er selbst.

Der ehemalige Chef des Ölkonzerns Yukos wurde bereits zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Jetzt werden ihm Geldwäsche und Veruntreuung von bis zu 25 Milliarden Dollar vorgeworfen, es drohen ihm bis zu 15 Jahre weiterer Haft.

Ja. All das ist ein weiterer Beweis für die absolute Willkür der russischen Generalstaatsanwaltschaft. Sie versucht ja noch nicht einmal, den Vorwürfen einen Anstrich von Rechtlichkeit zu geben.

Was wissen Sie über Chodorkowskis Alltag?

Er war 18 Monate im Arbeitslager Krasnokamensk inhaftiert. Dort, im GULAG...

...GULAG, so nannte man das Lager-System zu Zeiten Stalins, damals starben Millionen...

...es ist immer noch ein GULAG. Es ist gefährlich. Man stirbt an Krankheiten wie Tuberkulose, wird ständig Opfer von Willkür. Auch Chodorkowski kam für angebliche Vergehen immer wieder in Einzelhaft - etwa für unerlaubtes Entfernen von seinem Arbeitsplatz, als er eine kaputte Maschine meldete. Oder für den angeblich unerlaubten Besitz von Drucksachen, in diesem Fall die Gefängnisordnung. Er wurde Opfer eines Messerangriffes, der Täter wollte ihm ein Auge ausstechen, ihn entstellen.

Wo ist er jetzt?

Vor zwei Monaten wurde er nach Tschita in Ostsibirien verlegt, dort sitzt er im örtlichen Untersuchungsgefängnis. In Tschita soll der Prozess stattfinden.

Warum ausgerechnet dort?

Tschita liegt Tausende Kilometer von Moskau entfernt. Schwer zu erreichen, für Ausländer sowieso. Man kann alles viel besser kontrollieren. So wurden Chodorkowskis russische Anwälte noch in Moskau auf dem Flughafen verhaftet, als sie vergangene Woche zur Verlesung der Anklage nach Tschita reisen wollten.

Erst nachdem dies eine russische Radiostation sowie einige Nachrichtenagenturen meldeten, kamen sie frei.

Mehr noch: es wurden 150 schwerbewaffnete Sondereinheiten der Miliz nach Tschita verlegt, angeblich aus Sicherheitsgründen. Sie unterstehen den lokalen Behörden nicht. Und der Prozess selbst soll nicht etwa in einem Gerichtssaal stattfinden, sondern im Gefängnis. Damit kann jedem der Zutritt verwehrt werden. Es bedeutet - niemand wird unabhängig berichten können. Dieser Angeklagte wird ganz sicher kein faires Verfahren bekommen.

Warum jetzt ein neuer Prozess?

Zum einen hätte Chodorkowski nach russischem Recht die Möglichkeit, noch in diesem Jahr einen Antrag auf vorzeitige Entlassung zu stellen. Dies wird ein neues Urteil sicher verhindern. Mehr noch: Viele im Kreml würden von seiner erneuten Verurteilung persönlich profitieren. Denn bald steht die letzte Auktion im Fall Yukos an, die Versteigerung der angeblich bankrotten Firmenteile. Es geht also um Diebstahl. Chodorkowski selbst ist übrigens sicher, dass man ihn schuldig sprechen wird.

Yukos war einst der mächtigste Ölkonzern in Russland, von Chodorkowski mit zweifelhaften Methoden zusammengekauft. Nach seiner Verhaftung 2003 wurde Yukos zerschlagen, große Teile gelangten in den Besitz staatlicher Konzerne, wie etwa Gasprom.

Die Machthaber im Kreml ziehen die Fäden im Fall Chodorkowski. Und jetzt gilt es, die letzte Auktion zu legitimieren, den letzten Verkauf - etwa durch eine neue Anklage. Und ein Vorwurf wie "Geldwäsche" gegen Chodorkowski passt da gut - etwas angeblich "Kriminelles" würde ja schon an ihm kleben bleiben, meint man. Es ist ein gigantischer Betrug. Die ganze Welt weiß es. Und unternimmt nichts. Man zieht es meist vor, zu schweigen. Der Westen ist doch längst Geisel der russischen Energiepolitik. Gasprom, diese unglaublich korrupte Firma, konnte sogar Ihren ehemaligen Kanzler Schröder für ihre PR anheuern, und er verdient gut damit.

An diesem Wochenende eröffnet Präsident Putin die Münchener Sicherheitskonferenz. Was sollte der Westen unternehmen?

Ein Mann wie Putin hat ja offenbar tödliche Angst vor jeder Opposition. Er redet ja oft von der "Diktatur des Gesetzes". In Wahrheit herrscht viel Diktatur - und kein Gesetz. Heute decken juristische Verfahren in Russland die Korruption. Solche Willkür, solche Lügen dürften im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr möglich sein. Westliche Firmen, wie etwa die italienische ENI, dürften an der geplanten, von Anfang an manipulierten Auktion nicht teilnehmen. Wir müssen endlich Rechtstaatlichkeit von Russland fordern. Und die Freilassung von Michail Chodorkowski.

Von Katja Gloger, Washington
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
monkell (10.02.2007, 11:26 Uhr)
wer zieht die fäden?
Müsste man nicht einmal die Frage stellen, wer die Fäden zieht bei der laufenden Putin-Bashing-Kampagne?
Bekommt der Leser ein objektives Bild, wenn man den Anwalt des "westlich-orientierten-Hoffnungsträers" seine PR-Kampagne ausbreiten lässt?
Chodorkowski ist ein Räuber und Betrüger, der sich nach der Auflösung der Sowjetunion in krimineller Weise auf Kosten des Volkes bereichert und ein Vermögen von 15 Milliarden Dollar angehäuft hatte. Sein Imperium zahlte kaum Steuern. Er wollte den Oelriesen Jukos an die US-Giganten Exxon und Texaco verkaufen und damit Russland die Verfügungsgewalt über die eigenen Ressourcen entreissen. Dass er daneben auch noch versuchte, sich politischen Einfluss zu erkaufen macht die Sache nicht besser. Welches Land hätte das toleriert?
Etwas mehr Objektivität anstatt Desinformation wäre auch im Falle Russland wünschenswert.
Thomas_H. (09.02.2007, 16:42 Uhr)
Völlig neben der Sache
sind insbesondere einige der vorhergehenden Kommentare, wie "auf einen Oligarchen mehr oder weniger kommt`s nicht an" oder "wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein". Solange rechtsstaatliche Mindeststandards in Russland untergraben oder einfach ingnoriert werden - dies noch mit stillschweigender Billigung der neuen Regierung, der EU und des Gasprom-Laudators Schröder (kann es fast nicht glauben, dass der mal Anwalt war; er verdient nicht einmal die Bezeichnung) - sollte jeder vernünftige Mensch und Demokrat sich auf er Stelle einmischen. Es mag sein, dass ein einzelner Protest nicht viel an den russischen Verhältnissen bewirkt. Viele Proteste können jedoch ein Klima nachhaltig verändern. Zumindest ist es die Igonaranz und die Passivität der Menschen gegenüber den eigenen Politikern, die derart Rechtsstaatswidriges zulassen und fördern. Jeder hier in Deutschland sollte anfangen, Druck auf die eigenen Politiker zu machen. Es kann und darf keine Freude für deutsche Politiker bereiten, schmutzige Geschäfte zu Lasten der Menschenrechte zu abzuschließen. Schaut nicht weg, sondern mischt euch ein!
Nebu (09.02.2007, 13:05 Uhr)
Russland ein Einzelfall?
Solche Vorgehensweisen sind doch nix neues. Jeder Staat macht unliebsame und gefährliche (Auslegungssache) irgendwie unschädlich. Vielleicht lehne ich mich jetzt weit raus und behaupte. Keiner in hoher Position ist frei von Schuld, schon garnicht in der Regierung. Bei den meisten kommts nur nicht raus.
Wie sagte einmal ein weisser Mann: Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein.
S.H. (09.02.2007, 12:20 Uhr)
Recht
Unter dem Gesichtspunkt der Rechtsstaatlichkeit macht Rußland mir schon lange Angst, ich bin wirklich froh kein Russe zu sein. Vielleicht droht Rußland keinem anderen Land mit militärischen Angriffen und ist kein "Terrorstaat", aber die Vorgehensweisen der REGIERUNG würde ich als ausreichend ansehen einen neuen Begriff ähnlich der "Achse des Bösen" einzuführen.
Marty_D (09.02.2007, 12:10 Uhr)
Unglaublich
Unglaublich was ich da lesen muss, schwer zu glauben das ein Staat solche schmutzigen Tricks nötig hat. Und das diese GULAGS immmer noch existieren, das ist ja Mittelalterlich. Schwer zu sagen was der gute Herr Chodorkowski wirklich getan hat. Wenn es tatsächlich Leute im Kreml gibt die die Fäden ziehn ist das wirklich traurig, auch die Zensur in Russland halte ich für extrem gefährlich. Das arme Volk.
tagora-sagittara (09.02.2007, 12:10 Uhr)
wer weis,..
was wir von Yukos zu erwarten gehabt hätten. Das Gasprom keinen Deut besser ist, ist uns schon klar, aber was Rußland mit in Ungnade gefallenen Bürgern macht, ist uns ja allen bekannt. Auf einen Oligarchen mehr oder weniger kommt`s nicht an.
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