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Ein Sprössling der Revolution übernimmt die Macht

Xi Jinping, Sohn eines alten Revolutionsrecken, ist der neue starke Mann in China. Der 59-Jährige lebte in einer Höhle und ist mit einem Popstar verheiratet. Porträt eines unbekannten Pragmatikers.

Von Niels Kruse

  Der neue Machthaber in Peking lächelt schon einmal vom Platz des Himmlischen Friedens aus auf sein Volk herab

Der neue Machthaber in Peking lächelt schon einmal vom Platz des Himmlischen Friedens aus auf sein Volk herab

Es gibt da diese Geschichte aus seiner Zeit in der Verbannung. Auf einem Dorf musste sich der verwöhnte Junge aus der Stadt plötzlich mit Getreidekübeln und Entwässerungsgräben herumärgern. Abends kehrte der damals 15-Jährige in eine Höhle zurück und fraß sich im Schimmer einer Petroleumfunzel von einem Buch durchs nächste. Seine Nachbarn in Liangjiahe verstand er so wenig, wie sie ihn. Irgendwann aber versammelten sie sich immer häufiger bei Xi Jinping. Er beeindruckte nicht nur durch körperliche Kraft, sondern auch mit Ratschlägen und Geschichten aus seiner Pekinger Zeit. Jahre später durfte er wieder in die Hauptstadt zurückkehren - und Xi hatte in dieser beklemmenden und bitterarmen Welt eines gelernt: Der Kommunismus mag das Ziel sein, aber der Weg dahin führt nur über den Kapitalismus.

Jetzt, mehr als 30 Jahre später, ist der 59-Jährige kurz davor, zum mächtigsten Mann Chinas, und neben Barack Obama, zum mächtigsten Mann der Welt zu werden. Auf dem 18. Parteitag der Kommunistischen Partei wurde Xi zum Generalsekretär gekürt. Im März dann folgt seine Ernennung zum Präsidenten Chinas. So sehen es seit Jahrzehnten die Regeln der Partei-Nomenklatur vor. Auf dem mit Twitter vergleichbaren Kurznachrichtendienst Weibo witzelte jemand: "Die Amerikaner haben's schwer. Einen Tag vor der Wahl wissen sie noch nicht, wer ihr nächster Präsident sein wird. Wir wissen das schon seit fünf Jahren."

Exil im wahren Leben

Vielleicht hat es Xi Jinping auch schon länger gewusst oder zumindest geahnt, denn er gehört zur Riege der so sogenannten "Prinzlinge" - den Söhnen altgedienter Revolutionshelden, die in der noch jungen Volksrepublik zu den Führungskadern zählten, und deren Sprösslinge nun in die höchsten Ämter streben. Xis Vater Xi Zhongxun war bereits Kommunist, als die Partei noch im Untergrund kämpfte. Ab den 50er Jahren machte Zhongxun Karriere und stieg in die Führungszirkel auf. Der junge Jinping ging auf ein Elite-Internat, der Familie fehlte es im Gegensatz zum gesamten Rest des Landes an nichts. Bis 1962. Dann fielen die Xis bei Mao Tse-Tung in Ungnade und einige Jahre später, Ende der 60er, wurde Jinping, in die Verbannung geschickt. Ins Dorf in Liangjiahe, in der Provinz Shaanxi. Es war ein Exil im wahren Leben.

Denn hier, irgendwo im Nirgendwo lebte er sieben Jahre in einer Höhle, die die Menschen in die Erde gegraben hatten, es mangelte an allem. Doch diese kargen Wurzeln machten Xi Jinping zu dem, der er ist. Zumindest, zu dem, was man über ihn zu wissen glaubt: Der Kronprinz gilt als vorsichtig, realistisch, pragmatisch, ehrgeizig, konzentriert und effizient. Und, das ist selten auf höheren Hierarchieebenen in China, als weitgehend unkorrupt. Zwar soll er über Aktien und Immobilien im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar verfügen, aber Beweise für eine unredliche Herkunft gibt es nicht. Allerdings ist die KP Chinas mittlerweile ein Businessclub, in dem die Grenzen zwischen guten Geschäftskontakten und politischer Einflussnahme ohnehin fließend sind.

Kronprinz von Gnaden der grauen Eminenz

Den Weg nach ganz oben hat Xi Jinping mit dem Studium von Chemie und marxistische Theorie. Dann die Ochsentour für die Parteikarriere: Funktionär auf dem Dorf, im Kreis, in der Stadt und beim Militär. Als Gouverneur und Parteichef führte er die Küstenprovinzen Fujian, Zhejiang, sowie Shanghai - drei der dynamischsten Wirtschaftsregionen Chinas, die am ehesten mit europäischen Staaten vergleichbar sind. 2007 dann wurde er als Nachfolger für den nun scheidenden Hu Jintao auserkoren - vom früheren Staats- und Parteichefs Jiang Zemin persönlich, der mit seinen 86 Jahren im Hintergrund immer noch die Fäden in China zieht. Seitdem ist er zwar mächtigster Mann der Welt im Wartestand, doch wer im Land nach seinem Namen fragt, kriegt meist dies zur Antwort: Xi Jinping ist der Mann von Peng Liyuan.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Xi gilt als vorsichtiger Reformer, das könnte ein Vorteil sein

  Wer ist Xi Jinping? Der Mann von Peng Liyuan!

Wer ist Xi Jinping? Der Mann von Peng Liyuan!

"In meinen Augen ist er nur mein Ehemann"

In der patriarchalen Gesellschaft Chinas ist es eher ungewöhnlich, dass der Mann über den Status seiner Frau definiert wird. Vor allem, wenn es sich um das künftige Staatsoberhaupt handelt. Doch Peng Liyuan ist eine der berühmtesten Volkssängerinnen des Landes. Die Menschen lieben sie wegen ihrer Auftritte in weißer Uniform bei den großen Fernsehgalas und für ihr Engagement für Erdbebenopfer und HIV-infizierte Bauern.

Im Westen wären die beiden ein Paar mit Starqualitäten - doch in China wird eher ein bescheidenes, altmodisches Image gepflegt. "Wenn er nach Hause kommt, denke ich niemals, dass ein großer Führer ins Haus kommt. In meinen Augen ist er nur mein Ehemann", sagte die 49-Jährige. "Und wenn ich nach Hause komme, sieht er in mir nicht einen berühmten Star. In seinen Augen bin ich einfach nur seine Frau." Das Paar hat eine Tochter, die unter einem Pseudonym seit zwei Jahren an der Harvard Universität in den USA studiert.

Darüber hinaus allerdings weiß niemand besonders viel über den neuen, starken Mann. Vielleicht noch, dass er ein Bücherwurm ist und in seine, oft freigehaltenen Reden Zitate aus Popsongs und TV-Werbung einfließen lässt. Ein Diplomat, der den bisherigen Vizepräsidenten jüngst zweimal getroffen hat, sagt: "Wir kennen unsere Risiken", soll Xi Jinping einem ausländischen Regierungschef gesagt haben. "Chinas Entwicklung ist unkoordiniert und wenig nachhaltig." Es ist auch seine Vergangenheit als Exilant und Provinzpolitiker, die ihn klarer auf das Land schauen lässt, als mancher Pekinger Spitzengenosse. "Er hat ein besseres Verständnis vom System als sein Vorgänger Hu Jintao", so der Diplomat weiter.

Der bespiellose wirtschaftliche Aufschwung des Landes hat zwar Abermillionen von Chinesen Wohlstand gebracht, ist aber an noch mehr Abermillionen vorbeigegangen. Während es sich in den Städten leben lässt wie im Westen, darbt das unübersichtliche Meer von Bauern und Wanderarbeitern weiter in Armut vor sich hin. Die sozialen Spannungen könnten über kurz oder lang ein echtes Problem für China und die Führung in Peking werden. Dazu kommen noch die Unruheprovinzen Tibet und Xinjiang, wo es den Menschen nach mehr Unabhängigkeit dürstet. Xi weiß, dass das große Versprechen "Wohlstand für alle" nur zu halten ist, wenn er das Land zusammenhält.

Dazu muss er nicht zuletzt auch die in peinliche Skandale und Intrigen versinkende Partei wieder auf Kurs kriegen. Denn ohne die Genossen läuft nichts im Reich der Mitte. Dass Xi nur als vorsichtiger Reformer gilt, könnte sein Vorteil sein. Denn ein möglicher Übereifer würde viele konservative Parteigänger vor den Kopf stoßen. Wie hoch der Druck auf den Neuen in Peking ist, vertraute Noch-Parteichef Hu Jintao einmal George W. Bush an: "Ich habe schlaflose Nächte bei dem Gedanken, dass ich 25 Millionen Arbeitsplätze pro Jahr schaffen muss", zitiert ihn der frühere US-Präsident in seinen Memoiren.

Mitarbeit: Janis Vougioukas und mit AFP/Reuters/Reuters

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