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Obama gönnt sich keine Pause

Er kam, redete und lächelte kaum: Vor zwei Millionen Menschen, die sich in Washington versammelt hatten, sprach Barack Obama zum ersten Mal als US-Präsident. Nicht so pathetisch wie sonst, dafür kämpferisch, ja fast dramatisch. Die Botschaft: Genug gefeiert - jetzt geht's an die Arbeit.

Von Giuseppe Di Grazia, Washington

  • Giuseppe Di Grazia

Er ist endlich Präsident. Gefühlt ist das Barack Obama ja schon länger, spätestens seit seiner Wahl am 4. November 2008. Man hatte ja schon die ganze Zeit über den Eindruck, dieser Mann kann es nicht abwarten, das Amt zu übernehmen. Die letzten Wochen hat er schon so viel auf den Weg gebracht, als führe er bereits das Land.

Obama hat sich ja auch viel vorgenommen: Der 44. Präsident der USA will nichts weniger als Amerika neu zu erschaffen. Er möchte, dass Amerika von vorne beginnt. Da ist nicht nur jeder Tag wichtig, für Obama zählen Minuten. Kurz nachdem er vor dem Capitol in Washington vereidigt worden war und seine Antrittsrede gehalten hatte, ließ er sich ins Oval Office, in sein neues Büro bringen, um wichtige Dokumente zu unterschreiben. Das tat er sogar noch vor der Parade zum Weißen Haus. So eilig hatte es vermutlich noch kein US-Präsident vor ihm.

Siegesfeiern sind nun endgültig vorbei

Das Signal des 47 Jahre alten Barack Obama an alle ist: Die Siegesfeiern sind nun endgültig vorbei: ab an die Arbeit. Das war schon bei seiner Rede sehr deutlich geworden. Sie war nicht so pathetisch wie sonst, dafür kämpferischer, energischer, fordernder, ja fast dramatisch. Die mehr als zwei Millionen Menschen, die sich bis hinunter zum Lincoln Memorial versammelt hatten, jubelten Obama zu, sie waren schon seit dem vergangenen Wochenende in Feierlaune, aber es brach keine Euphorie aus. Zu klar hatte Obama den Menschen die Lage seines Landes vorgeführt, zu düster war das Bild, das er von Amerika zeichnete. Er sagte: "Dass wir uns mitten in einer Krise befinden, weiß inzwischen jeder. Unsere Nation ist im Krieg gegen ein Netz der Gewalt und des Terrors. Unsere Wirtschaft ist geschwächt, als Konsequenz aus Gier und Unverantwortlichkeit bei einigen wenigen - aber auch weil wir es als Kollektiv versäumt haben, harte Entscheidungen zu treffen und diese Nation auf die neue Zeit vorzubereiten."

Viele hätten ihr Zuhause verloren, andere ihre Arbeitsplätze, Geschäfte seien bankrott. "Unser Gesundheitssystem ist zu teuer, unsere Schulen werden vielen nicht gerecht, und jeder weitere Tag zeigt uns deutlicher, dass die Art und Weise, wie wir Energie verwenden, unsere Gegner stark macht - und den Planeten in Gefahr bringt", rief Obama den Zuschauern mit fester Stimme zu. "Die Lage ist ernst, wir haben viele Probleme, die wir nicht auf die Schnelle werden lösen können. Aber lassen Sie mich dies sagen: Amerika wird sie lösen."

Dabei nahm Obama seine Landsleute in die Pflicht, er machte den Amerikanern bewusst, dass es nicht die Regierung alleine sei, die den Neuanfang leisten könne. Barack Obama möchte, dass jeder Amerikaner dazu beiträgt und auch dafür verantwortlich ist, dass es ihm und dem Land besser gehen wird. Er beschwor Amerikas Kraft und Werte, er erinnerte an den Wiederaufstieg der Nation aus tiefen Krisen. Obama rief dazu auf, den neuen Herausforderungen mit alten Werten zu begegnen, als da wären: "harte Arbeit und Ehrlichkeit, Mut und Fairplay, Toleranz und Neugier, Loyalität und Patriotismus". Diese Werte seien "die stille Kraft des Fortschritts in unserer gesamten Geschichte" gewesen. Er forderte die Menschen trotz der Unsicherheit auf, trotz der Ängste und Sorgen, nicht die Hoffnung zu verlieren. "Mit klarem Blick und Gottes Hilfe wird die USA den Stürmen der Zeit trotzen".

Es war eine von vielen Stellen in seiner Rede, an der das Publikum in lautem Jubel ausbrach, den neuen Präsidenten mit Sprechchören feierte, doch Obama lächelte nicht, wie er es sonst tut. Er hatte eine klare Botschaft, da passte kein strahlendes Gesicht dazu. "Wir haben uns an diesem Tag versammelt, weil wir die Hoffnung gewählt haben - und nicht die Furcht. Die Einheit und Entschlossenheit - und nicht die Zwietracht oder den Konflikt." Es sei an der Zeit, sich auf die amerikanischen Ideale zu besinnen, "diese großartige Idee weiterzutragen, die von Generation zu Generation weitergegeben worden ist: Das gottgegebene Versprechen, dass alle Menschen gleich sind, alle frei sind - und ein Recht darauf haben, ihr Glück zu versuchen". Heute könne jemand, dessen Vater vor 60 Jahren in einem Restaurant in Washington nicht bedient worden wäre, vor dem Capitol stehen und den Amtseid des Präsidenten der Vereinigten Staaten ablegen, sagte so Obama weiter. Er spielte damit an Erfahrungen seines Vaters an, der in Kenia zur Welt kam, in den USA studierte und wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Obama seine Landsleute motiviert und wer ihn als Film-Präsident beerben soll

Der islamischen Welt versprach Obama das Bemühen um neue Beziehungen im Geist des beiderseitigen Interesses und des gegenseitigen Respekts. Er werde aber auch alles tun, um Amerika vor der terroristischen Bedrohung zu schützen. "Wir werden uns nicht für unsere Art zu leben entschuldigen, noch werden wir in dessen Verteidigung nachlassen", sagte Obama. Zu den Plänen eines Abzugs aus dem Irak sagte er: "Wir werden den Irak verantwortungsvoll den Irakern überlassen." Obama kündigte an, sich intensiv um einen Frieden in Afghanistan zu bemühen.

Er schloss seine Rede mit einem Appell an Geschlossenheit und Durchhaltevermögen. "Lasst uns voller Hoffnung und Stärke den eisigen Strömungen trotzen und alle Stürme, die da kommen mögen, ertragen", rief er in die Menge. "Unsere Kindeskinder sollen einst sagen können, dass wir uns geweigert haben, diese Reise enden zu lassen, als wir geprüft wurden. Dass wir uns weder abgewendet haben noch ins Taumeln gerieten. Sondern dass wir, den Horizont fest im Blick und mit Gottes Gnade, das großartige Geschenk der Freiheit weitergetragen und sicher an folgende Generationen übergeben haben." Und am Ende erinnerte Barack Obama an einen Trainer, der seine Mannschaft aufs Feld schickt: "Amerika darf keine Zeit verlieren. Mit dem heutigen Tag müssen wir anfangen, uns alle am Riemen zu reißen und die Ärmel hochzukrempeln. Mit dem heutigen Tag müssen wir anfangen, Amerika neu zu gestalten."

Vor seiner Rede hatte Obama den Eid abgelegt und war dabei kurz ins Stocken geraten. Der Präsident des Obersten Gerichtshofs, John Roberts, hatte beim Vorsprechen die Reihenfolge des Wortlauts verdreht, Obama schwieg deshalb zunächst irritiert, machte dann aber weiter. Obamas Hand lag während des Schwurs auf der Bibel, auf der einst auch Abraham Lincoln seinen Amtseid 1861 ablegte. Lincoln ist Obamas großes Vorbild.

Auch Obamas Motto für die Amtseinführung des ersten afro-amerikanischen Präsidenten geht auf Lincoln zurück, es lautet: "Eine neue Geburt der Freiheit". Es stammt aus einem Zitat aus der Gettysburg-Rede von Abraham Lincoln. Lincoln hatte in dieser Rede, während des Bürgerkriegs, seine Landsleute daran erinnert, dass sie nicht nur für die Einigkeit des Landes kämpften, sondern auch für eine "neue Geburt der Freiheit", die gleiche Rechte für alle Menschen bringen werde.

Jimmy Carter, George Bush sen. und Bill Clinton auch dabei

Bei der Zeremonie waren alle noch lebenden früheren US-Präsidenten - Jimmy Carter, George Bush sen. und Bill Clinton - und ihre Ehefrauen dabei. Und der aus dem Amt scheidende George W. Bush und Frau Laura. Nach seiner Antrittsrede ging Obama als erstes zu Bush, die beiden umarmten sich innig. Der Mann, der Amerika in die Krise geführt hatte, und der Mann, der es wieder neu beleben will - es war eines der erstaunlichsten Bilder dieses denkwürdigen Tages.

Mit der Vereidigung des Demokraten Barack Obama ging die achtjährige Präsidentschaft von George W. Bush zu Ende. Der Republikaner scheidet als einer der unpopulärsten Präsidenten der amerikanischen Geschichte aus dem Amt. Bush und seine Frau Laura verließen Washington nach der Zeremonie mit einem Helikopter. Vor der Feier hatten sich die Ehepaare Bush und Obama zu einem Frühstück im Weißen Haus getroffen.

Zwei Grad minus um 11.30 Uhr

Als die Zeremonie um 11.30 Uhr Ortszeit begonnen hatte, war es war bitter kalt, minus drei Grad, dazu strahlender blauer Himmel. Viele der Ehrengäste, die nahe am Capitol saßen, waren in Daunenmäntel oder Pelzen gehüllt. Es tummelten sich vermutlich mehr Prominente hier als bei einer Hollywood-Party. Die Schauspieler Samuel L. Jackson, Dustin Hoffman, John Cusack, der Regisseur Steven Spielberg, der frühere Basketball-Superstar Michael "Magic" Johnson, Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, Hip-Hop-Star Jay-Z und seine Frau, die Popsängerin Beyoncé, und und und. Die Boxlegende Muhammad Ali, der von Parkinson gezeichnet ist, saß neben seiner Frau in den ersten Reihen. Auf Fragen antwortete er nicht, seine Frau sagte für ihn: "Er wollte auf jeden Fall bei der Amtseinführung des ersten schwarzen US-Präsidenten dabei sein."

Alis ehemaliger Promoter Don King war wie immer in einem exzentrischen Outfit gekleidet, einer Krawatte und Jeansjacke im Design der amerikanischen Flagge, und posaunte herum: "Ich habe bisher oft die Republikaner gewählt, aber es kommt nicht auf die Partei an, es kommt auf den besten Mann an. Und Obama ist der beste Mann. Er hat an uns allen gesagt, was zu tun ist."

Wesentlich ruhiger gab sich Denzel Washington. Er wählte seine Worte sorgfältig, sprach langsam bedächtig, fast wie ein Politiker. "Es kommt nicht nur alleine auf Obama an. Alle Amerikaner müssen den Weg, den er uns vorgibt, einschlagen. Er gibt die Richtung vor, wir müssen ihm folgen und nicht darauf warten, dass sich die Dinge von alleine ändern." Nach jedem seiner Sätze schickte Washington ein Lächeln hinterher. Ein sehr charmantes Lächeln. Vielleicht übte der Schauspieler schon mal für seine nächste Rolle. Barack Obama hatte mal auf die Frage, wer ihn in einem Film verkörpern solle, geantwortet: Denzel Washington.

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