In seiner neuen Kolumne "Neues aus Amerika" beschreibt stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann das absurde Leben in den USA. Wer dort etwa zum Millionär aufsteigen will, sollte sich von einem Geländewagen überfahren lassen - eine Horrorreise durchs amerikanische Gesundheitssystem.

So ist das eben in Amerika: Wessen Krankenversicherung als unseriös gilt, wird zusammengeflickt und nach Hause geschickt© Mario Tama/Getty Images
Vor einiger Zeit schoss mich ein SUV von der Straße. Ein SUV ist eine Art gepanzerter Geländewagen, der einst für Waldarbeiter und Großwildjäger gedacht war, bis Amerikaner erkannten, dass sie SUV eigentlich auch in der Großstadt gebrauchen können, um die Schlaglöcher der Straßen zu vertiefen. SUV heißen ausgeschrieben Sports Utility Vehicles, sie haben etwa 150 PS und verbrauchen 25 Liter und können mit ihrem Kühler locker Elche von der Straße schieben. Oder Deutsche.
Die Fahrerin aus Boston entschied sich für einen Deutschen. Sie war auf einer einsamen, geraden Landstraße im Hinterland des Bundesstaates Maine unterwegs und fuhr frontal in mich hinein. Die Szene hatte etwas Surreales. Sie fuhr so gezielt in mich hinein, als sei sie auf Großwildjagd. Später sagte sie der Polizei, dass sie den Deutschen auf dem Fahrrad nicht gesehen habe und dass Fahrräder auf Straßen eigentlich nichts zu suchen hätten. Ich jedenfalls landete nach einem kurzen Flug einige Meter entfernt in einer Seitenstraße und merkte lange Zeit nichts mehr, und als ich wieder etwas merkte, begann eine jener sehr amerikanischen Geschichten, die Michael Moore gerade in seinem neuen Film "Sicko" erzählt.
Der Arzt in der Notaufnahme, ein Kriegsveteran mit ausrasiertem Nacken, sagte, dass der deutsche Fahrradhelm mir das Leben gerettet habe. Den Rest habe er besorgt, der Kriegsarzt. Er habe zwei Platten ins Bein gesetzt und ein paar Drähte und Schrauben und die 16 Knochenbrüche irgendwie wieder zusammen geflickt. Mit einer Kälte, die einen erschauern ließ, fügte er hinzu, dass es mit dem Sporttreiben nichts mehr werde in meinem Leben. Ich solle froh sein, eines Tages wieder gehen zu können.
Ich stellte mich auf einige Monate im Krankenhaus ein, doch schon am folgenden Tag sagte der Kriegsarzt plötzlich: "Alles Bestens. Sie können gehen."
"Gehen? Wie gehen?" fragte ich verwundert. Wie soll ich nach Hause kommen?"
"Nehmen Sie doch den Zug nach New York, dann sind Sie in 10 Stunden da", sagte er.
Es klang wie: "Entspannen Sie sich erstmal. Machen sie sich ein paar nette Tage."
Der Kriegsarzt setzte mich auf Morphium und ließ mich zwei Schritte auf Krücken machen und war außerordentlich zufrieden mit den Fortschritten. Erst als die russische Krankenschwester mich etwas später im Rollstuhl auf die Straße fuhr und ins Taxi legte, nahm ich meinen Mut zusammen und fragte, warum ich schon entlassen werde. Da blickte sie etwas mitleidig und sagte: "Ganz ehrlich, wir trauen Ihrer Krankenversicherung nicht. Sie hat so einen merkwürdigen Namen. Wir befürchten, dass wir keinen Cent sehen werden. So ist das eben in Amerika. It's all about money, honey."
Meine Versicherung hieß BKK und kam aus Itzehoe. Das war den Amerikanern suspekt. BKK. Betriebskrankenkasse. Das klang so ähnlich wie PKK. Oder KKK. Wenn US-Ärzte Zahlungsunfähigkeit wittern, schmeißen sie Patienten auf die Straße. Dann flicken sie die Patienten so weit zusammen, dass sie am Leben bleiben und setzen sie unter Drogen und sagen, dass alles Bestens sei.
Mehr als 43 Millionen Amerikaner geht es so. Sie haben keine Krankenversicherung. Sie sitzen zu Hause und hoffen, dass sie nicht krank werden. Und wenn sie krank werden, gehen sie nicht zum Arzt. Und wenn sie doch zum Arzt müssen, haben mehr als 40 Prozent dieser Menschen Probleme, die Rechnung zu bezahlen. 18.000 Amerikaner sterben jedes Jahr verfrüht, weil sie keine Versicherung haben. Die Säuglingssterblichkeit ist nach einer UN-Studie höher als die Malaysias. Aber das Durchschnittsgehalt eines Chefs der mächtigen Versicherungskonzerne beträgt 15 Millionen Dollar. Und dann kommt manchmal noch die deutsche Gesundheitsministerin auf Fortbildungsreise in die Vereinigten Staaten und besucht Tagungen mit Titeln wie: "Modell Amerika".
Ich schaffte es nicht bis nach New York, sondern nur ein paar Kilometer weiter in ein Hotel. Ich glaubte, ich müsste sterben vor Schmerzen und warf eine Menge der vom Kriegsarzt verschriebenen Pillen mit Namen Oxycontin ein. Sie rauben einem nicht nur die Schmerzen, sondern auch den Verstand und lassen einen weiße Leoparden beim Engtanz sehen und auf Abenteuerreise durchs Unterbewusstsein gehen. Sie sind inzwischen zu einer Art Lieblingsdroge in Hollywood geworden und sorgen für einen Run auf Entziehungskliniken und steigern das Bruttosozialprodukt wie sonst nur SUV und der Irakkrieg.
Neues aus Amerika Wie kauft man beim Kaffeetrinken in Texas ein Maschinengewehr? Wie wird man vom Fahrradfahrer zum Millionär? Wie verteidigt man Gerhard Schröder gegen den Vorwurf der Prostitution? stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann beschreibt in seiner wöchentlichen Kolumne "Neues aus Amerika" das manchmal sehr absurde Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.