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16. Juli 2006, 19:14 Uhr

Die Kindersoldaten von Pater Gerner

Als erstes werden ihnen die Finger abgeschnitten oder die Lippen - als "Erziehungsmaßnahme". Um die traumatisierten Kindersoldaten in Uganda kümmert sich Pater Josef Gerner. stern.de hat mit ihm gesprochen.

Pater Gerner im Kreise Nord-Ugandischer Kinder, denen er Schutz vor der Rekrutierung aufständischer Rebellen gibt© Missio Aachen

Jeden Abend drängen sich 800 Kinder in der Missionsstation Kitgum im Norden Ugandas. Sie finden kaum genug Platz zum Schlafen in der Kirche, aber alles ist besser, als in ihren Dörfern allein bei ihrer Familie zu bleiben. Die Kinder suchen Schutz vor den brutalen Überfällen der Lord's Resistance Army, die seit fast zwanzig Jahren im Kampf gegen die Regierung die Bevölkerung terrorisiert.

Mehr als 25.000 Kinder haben die Rebellen seitdem verschleppt, brutal misshandelt und zu Tötungsmaschinen gedrillt. Oft müssen Neuankömmlinge als erste "Erziehungsmaßnahme" einem anderen Kind, das gewagt hat zu widersprechen oder gar zu flüchten versuchte, Finger, Ohren oder Lippen abschneiden.

Pater Josef Gerner aus Meckenhausen in Mittelfranken betreut seit acht Jahren Tausende dieser Kinder, die von den Kriegsgräueln traumatisiert sind. Er beobachtet mit steigender Wut, wie jede neue Friedens-Initiative der Regierung Ugandas wirkungslos verpufft. Zurzeit befindet sich der Pater in Deutschland.

Pater Gerner, die ugandische Regierung schickt Unterhändler zu den Rebellen in den Sudan, der Präsident bietet dem Rebellenführer Joseph Kony eine General-Amnestie an. Ist dies die Chance auf eine Lösung des Konflikts?

Keine Initiative der Regierung hat bisher irgendetwas an der Situation der Zivilbevölkerung im Norden geändert. Im Gegenteil. Über 1,6 Millionen Menschen hat die Regierung zwangsweise in so genannte "Schutzdörfer" umgesiedelt. Aber sie sind dort alles andere als geschützt. In den Lagern können sie weder ihr Land bestellen noch ihre Tiere hüten. Die fruchtbaren Äcker liegen brach, die Menschen hungern. Der Stamm der Acholi, der hier im Norden lebt, hatte immer genug zu essen, oft sogar dreimal am Tag. Jetzt sind die Menschen zum Nichtstun gezwungen. Und trotz aller Beteuerungen: Seit Jahren macht die Regierung keinerlei Anstalten den Menschen zu helfen, dass sie wieder in ihre Dörfer zurückkehren können. Es bleibt die Frage, wer das fruchtbare Land erhalten soll, das jetzt brach liegt.

Joseph Kony von der Lord's Resistance Movement ist einer der meistgesuchten Rebellenführer der Welt© AFP

Was würde der Zivilbevölkerung denn wirklich helfen?

Der Rebellenführer Joseph Kony führt im Grunde Krieg gegen seinen eigenen Stamm. Er kommt selber aus der Volksgruppe der Acholi. Eigentlich ist die Rebellenbewegung vor zwanzig Jahre aus Protest gegen die Benachteiligung gerade dieses Stammes entstanden. Doch inzwischen ist Kony mit seiner "Widerstands-Armee des Herrn" zu einem Schreckgespenst seines eigenen Clans geworden. Ich glaube, dass sich eine Lösung des Konflikts aus der Tradition des Stammes der Acholi entwickeln muss. Die Religionsführer des Landes haben ein Amnestie-Angebot ausgehandelt, dass auf eben diesen Traditionen basiert: Da kommen die Führer der Clans zusammen, die Geschädigten erzählen von ihren Opfern und eine symbolische Entschädigung wird ausgehandelt. Am Ende reichen sich alle die Hände und trinken gemeinsam ein sehr bitteres Gebräu. Dann ist beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren.

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