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18. Dezember 2007, 13:43 Uhr

Simulation einer Invasion

300 türkische Soldaten sind in den Nordirak einmarschiert. Ist dies die groß angekündigte Invasion? Nein, denn dem Einmarsch liegt eine stille Übereinkunft aller Seiten zugrunde, durch die ein großer Krieg verhindert wird und jeder das Gesicht wahren kann. Von Christoph Reuter

Türkische Soldaten an der irakischen Grenze: Panzer ungeeignet für eine Invasion© Cem Ozdel/AP

Der nun seit Monaten angekündigte Feldzug der türkischen Streitkräfte gegen die kurdische Separatistentruppe der PKK im Nordirak hat Züge eines bizarren Doppelspiels: Seit Jahresbeginn hat der türkische Generalsstab immer wieder darauf gedrungen, die rund 3000 PKK-Kämpfer anzugreifen, die sich seit Jahren in den unzugänglichen Bergzügen der autonomen kurdischen Zone im Nordirak verschanzt haben. Obwohl türkische Truppen dies in den vergangenen Jahrzehnten bereits mehr als ein Dutzend Mal erfolglos versucht haben.

Obwohl sich das Gros der PKK-Freischärler auf türkischem Terrain aufhält, wo sie mit ihren Anschlägen auf Soldaten Gegenschläge provozieren. Obwohl letztlich die PKK kaum alleiniges Ziel der türkischen Generalsstabspläne sein kann, denn dafür wären die seit Februar an der Grenze zusammengezogenen Panzerverbände nutzlos. Die könnte man einsetzen, um etwa die Annexion der umkämpften Ölstadt Kirkuk ans irakische Kurdengebiet zu verhindern. Aber ins Hochgebirge zu den PKK-Berglagern kommen selbst Maultiere nur mit Not. Panzer sicher nicht.

Es geht weniger um die PKK

Im Wesentlichen scheint es dem Militär weniger um die PKK zu gehen, als um die eigene Innenpolitik und die Verhinderung eines de facto unabhängigen kurdischen Staats der irakischen Kurden. Da ihnen angesichts der wiederholten Wahlsiege der gemäßigten Islamisten unter Tayyib Erdogan die jahrzehntelang gehaltene Kontrolle über den Staat weiter entgleitet, wollten sie Erdogan mit ihren Kriegsposen unter Druck setzen: Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung ist unter dem Eindruck der PKK-Anschläge zunehmend ins nationalistische Lager gerückt und fordert Vergeltung. Erdogan aber hat sich lange gesträubt, sich auf das militärische Abenteuer einer Invasion einzulassen, deren Ausgang völlig unabsehbar wäre.

Nun sind vergangene Nacht nach wiederholten Luftangriffen etwa 300 türkische Soldaten tatsächlich in den Nordirak einmarschiert. Sie seien leicht bewaffnet und hielten sich in der Bergregion Gali Rash auf, hieß es. Ist dies die groß angekündigte Invasion? Eben gerade nicht. Denn bereits im November gab es intensive Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung, irakischen Politikern in Bagdad und der kurdischen Hauptstadt Erbil - und der US-Regierung, die unbedingt verhindern will, dass zwei ihrer wichtigsten Verbündeten, Türkei und irakische Kurden, gegeneinander Krieg führen.

Washington sorgt für stille Übereinkunft

Washington habe dabei, so heißt es aus Kreisen beteiligter irakischer Politiker, eine stille Übereinkunft aller Seiten erreicht: Die Türken verzichten auf eine Invasion über die unmittelbare Grenzregion hinaus (wo ohnehin seit den neunziger Jahren türkisches Militär auf irakischem Grund stationiert ist). Dafür bekommen sie weiter US-Militärhilfe. Die irakischen Kurden schließen die Büros der PKK, verhindern zumindest das Einsickern weiterer Kämpfer, die aus Europa zur PKK stoßen wollen und akzeptieren türkisches Militär im Grenzgebirge. Vor allem aber: Sie lassen das fürs Jahresende angekündigte Referendum über den Verleib von Kirkuk vorläufig ruhen. Dort klagt zum einen die türkischstämmige Minderheit der Turkmenen über kurdische Unterdrückung, zum anderen wäre ein kurdischer Staat inklusive Kirkuks Öl wirtschaftlich lebensfähig. Die PKK wiederum zieht sich aus der Grenzgegend zurück. Ein großer Krieg ist verhindert, alle Seiten haben das Gesicht gewahrt.

Jeder scheint sich an die Vereinbarung zu halten. Teil des Ganzen ist ein Etikettenschwindel, der in den vergangenen Wochen sichtbar wurde: Tatsächlich verließen PKK-Kämpfer ihre Stellungen, die von unmittelbar nachrückenden Gruppen der Pejak eingenommen wurden. Offiziell eine unabhängige Kurdenmiliz, die gegen den Iran kämpft, de facto die iranische Abteilung der PKK. Die sind den Türken egal und den USA willkommen. Den Iranern wiederum ist ihr Einfluss im Gesamtirak wichtiger als der politische Showdown im Kleinkrieg gegen die steten Angriffe der Pejak.

Insofern dürfte der jetzige Einmarsch eher die Simulation einer Invasion sein. Dafür spräche auch die laue Reaktion eines Sprechers der kurdischen Regionalregierung: Wenn das türkische Militär begrenzte Operationen gegen die PKK-Kämpfer durchführe, sei das deren Angelegenheit. Man möge nur acht geben, dass keine Zivilisten zu Schaden kommen.

Von Christoph Reuter
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Opelfahrer (18.12.2007, 19:44 Uhr)
@nese
anscheinend haben alle mein kommentar verstanden, nur du hast es nicht! es reicht nicht einfach stupide zu lesen sondern auch das geschriebene zu verstehen. jeder, der zumindest die 12.klasse hinter sich hat kann aus meinem kommentar erkennen wie ich rhetorisch deutlich gemacht habe, dass die türken nicht gegen die kurden kämpfen (wie in den meisten artikeln gedeutet wird a la "BBC: Turks attacks Kurds".) nein, wenn das der fall gewesen wäre hätte die türkei schon in den 80er jahren den kurden aus dem irak nicht gegen die tyrannerei von saddam geholfen. nordiraks wirtschaftshauptader läuft durch die türkei, bei einer feindlicher absicht wäre es sofort unterbunden. und alles andere was ich beim ersten beitrag niedergeschrieben habe auch!
also solltest du schon verstanden haben worauf ich hindeuten wollte, die türkei greift ausschließlich pkk nester an und nicht die kurden! da ich dein niveu schleußlich finde, verkneife ich mir irgendwelche gegenbeleidungen..
nese (18.12.2007, 16:51 Uhr)
@Opelfahrer
Opelfahrer, ich glaub, du verstehst kein Deutsch. Lies mal den Artikel genauer durch. Die Türkei hat nicht den Irak angegriffen, die Türkei kämpft gegen die PKK, die sich in Nordirak verschanzt hat. Dort werden Terroristen ausgebildet, die in der Türkei Terror verbreiten und sowohl Zivilisten, als auch Soldaten töten. Das alles scheinst du nicht kapiert zu haben. Ich dachte, daß die Witze über OpelManta-Fahrer harmlose Witze sind, doch ich sehe nun, daß doch ein bißchen Wahrheit dahinter steckt.
shine (18.12.2007, 15:59 Uhr)
re: Wirklichkeit als Eingreifreserve
Wirklichkeit als Eingreifreserve?? Ja klar, 300 türkische, leicht bewaffnete Soldaten :) Die Türkei hat kein Interesse an einem Krieg mit dem Iran, auch nicht indirekt. Im Gegenteil, die Geschäftsbeziehungen sind zwischen beiden Nachbarstaaten ist hervorragend. Solange es gutes Business gibt, will dort keiner einen Krieg... Naja, keiner außer Bush...
alestopholus (18.12.2007, 15:25 Uhr)
Alternativ
wäre es auch denkbar, das die türkischen Truppen dort in Wirklichkeit als Eingreifreserve stehen, wenn die Amis den Krieg mit dem Iran beginnen.
Alles andere nur davon ein Ablenkmanöver ist.
KUYUPINAR (18.12.2007, 15:18 Uhr)
Nicht die Pkk??
In dem die Türkei in der Wirtschaft wesentlich besser da steht.Sind die angriffe der pekaka da um dieses zu verhindern.Damit die Türkei nicht noch mehr ansehen in der heutigen Globalisierenden Gesellschaft bekommt.Das ist fakt.Die Türkei ist nicht gegen ein Kurden-Staat,man sollte besser recherchieren.Und wenn die Europäische Gemeinschaft gegen so ein Angriff ist und man stuft die pekaka als terrororganisation ein,dann sollte man erklären warum man einen gesuchten pekaka (Anführer) im europäischem parlament eine rede halten lässt.Wie soll man den europäern noch trauen.Danke.
Opelfahrer (18.12.2007, 15:11 Uhr)
das ist es ja auch
hauptsache kommen keine zivilisten ums leben.
einpaar punkte sollte man noch hinzufügen:
-nordiraks größter handelspartner ist wiederum die türkei
-das größte teil iraks öl fließt wiederum durch die türkei ins aussenwelt
-nordiraks strom kommt auch aus der türkei
-im nordirak sind auch viele türkische geschäftsleute, die unter anderem auch krankenhäuser bauen
nur damit das klar ist, die türkei ist nicht die seite die einen ethnischen konflikt will
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