14. April 2010, 21:25 Uhr

Der Chefeinkäufer der Diktatoren

Er baute dem Staatsgründer Nordkoreas ein Bett in den 600er-Mercedes und besorgte ihm Waffen und Luxusgüter aus dem Ausland. Vor 15 Jahren ist Kim Jong Ryul in den Westen geflüchtet, nun hat er ein Buch über sein Leben als Chefeinkäufer für die Kim-Diktatur geschrieben. Von Niels Kruse

Nordkorea, Kim Jong Il, Kim Il Sung, Flucht, Kim Jong Ryul, Emil, Pjöngjang, Buch, Im Dienst des Diktators, Diktatur, Diktator

Der treue Diener des Diktators: Kim Jong Ryul in nordkoreanischer Armee-Uniform©

Es ist nicht nur Verehrung sondern auch staatsbürgerliche Pflicht, dass in Nordkorea Bilder des "Großen Führers" und seines Sohnes, des "Geliebten Führers", einträchtig nebeneinander hängen: In ewiger Jugend lächeln sie in jede Wohnung hinein und dort in jedes Zimmer. Kim Jong Ryul wurde sogar eine besondere Ehre zuteil, um die ihn jeder beneidet: Es gibt Fotos, die ihn zusammen mit den Diktatoren zeigen. Er hat darauf verzichtet, sie aufzuhängen, trotz ihres gottgleichen Status'.

Es ist mehr als 15 Jahre her, dass der frühere Armee-Oberst zuletzt in seiner Pjöngjanger Wohnung war. Dass er seine Tochter gesehen hat, die so stolz gewesen wäre, ihren Vater Seit' an Seit' mit dem Diktatoren-Duo auszustellen. Und dass er dem letzten Befehl eines Regimes gefolgt ist, das, wie er heute sagt, "für sich alles und für das Volk nichts" tue.

18. Oktober 1994, Flughafen Bratislava: Kurz vor seinem Rückflug nach Pjöngjang setzt sich Kim ab. Bleibt einfach im Westen, flüchtet nach Österreich, wo er seitdem illegal lebt, "als U-Boot", wie er sagt. Jetzt, im Jahr 2010, ist der ehemalige Elite-Funktionär 75 Jahre alt und hat ein Buch über sein Leben geschrieben. "Im Dienst des Diktators" heißen seine Memoiren: Auf 207 Seiten erzählt er mit Hilfe der österreichischen Journalisten Ingrid Steiner-Gashi und Dardan Gashi seine Geschichte - die nordkoreanische Version der Legende vom Tellerwäscher zum Millionär. Und eine Abrechnung mit einem Staat, der von einer Handvoll Herrscher als Privateigentum betrachtet wird.

Er kennt nur Arbeit und quälenden Hunger

Kim Jong Ryul, Spross aus einfachsten Verhältnissen, lernt in den ersten zwölf Jahren seines Lebens vor allem zwei Dinge des Lebens kennen: harte Arbeit und quälenden Hunger. Als der Vater aus japanischer Gefangenschaft zurückkehrt, beschließt die Familie, das entbehrungsreiche Landleben aufzugeben und in die Hauptstadt Pjöngjang zu ziehen. Der Junge findet in einer Druckerei einen Job, obwohl er weder lesen noch schreiben kann. Doch die mittlerweile allmächtigen Parteikader lernen schnell die Qualitäten des Hochbegabten zu schätzen. Während des Krieges, der Anfang der 1950er Jahre über das Land hinein bricht, kann er sogar zur Schule gehen, macht Abitur und darf in der DDR studieren: Maschinenbau - eine Ausbildung, die ihm sämtliche Türen in dem stalinistischen Regime öffnen wird.

Zurück in Nordkorea verrichtet er jede ihm aufgetragene Arbeit gewissenhaft und präzise, er ist korrekt und linientreu und vor allem: Er stellt keine Fragen. Nicht, warum er kurz vor seiner Diplomprüfung so plötzlich aus Dresden zurückbeordert wird, und nicht, warum die Menschen in seiner Heimat Not leiden, während die Regierung scheinbar maßlos Panzer und Pistolen produziert. Sein Schweigen qualifiziert Kim für Höheres und führt ihn eines Tages in einen der zahllosen Paläste des Staatsgründers und Präsidenten Kim Il Sung.

Warum residiert der erste Mann im Staat so protzig?

Was er dort zu sehen bekommt, bringt ihn ins Grübeln: An den Decken hängen Kronleuchter, an den Wänden Seidentapeten, auf teuersten Möbeln kredenzen Bedienstete exotisches Essen. "Warum muss der erste Mann im Staat derartig protzig residieren, während die Bevölkerung hungert?", fragt sich der Ingenieur. Doch Grübelei, das weiß er, kann in Nordkorea der Anfang vom Ende sein. "Jeder Nordkoreaner hat drei Köpfe", schreibt Kim an einer Stelle: "einen für die Partei, einen fürs Überleben und einen für sich."

Seinen eigenen Kopf schaltet der Offizier so gut es geht aus, nicht einmal seiner Frau vertraut er sich an. Diese Loyalität befördert ihn in das "Personenschutzministerium", eine monströse Behörde mit fast 100.000 Beschäftigten, die nichts anderes macht, als der Diktatorenfamilie das Leben zu versüßen: Gärten und Paläste instand halten, Straßen und Gebäude sichern, die Lagerhäuser mit kostbaren und teueren Luxusgüter füllen und, die Aufgabe von Kim Jong Ryul, den präsidialen Fuhrpark pflegen. Hier baut er dem Präsidenten ein Bett in den Mercedes 600 Pullmann ein oder erfüllt ihm den Wunsch nach "absolut geräuschlosem Fahren". Als der Sohn und jetzige Staatschef Kim Jong Il einmal seinen Sportwagen bei einem Unfall zerlegt, muss das Auto innerhalb einer Nacht wieder vollständig repariert werden.

Zu viele Reparaturen im Mercedes-Fuhrpark

Weil die Mercedes-Sammlung des "Großen Führers" unablässig wächst und damit der Reparaturaufwand, wird Kim Jong Ryul direkt in die Fabrik nach Stuttgart geschickt. Das erste Mal geht es für den mittlerweile 40-Jährigen ins Herz des Feindes, ins kapitalistische Ausland. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Techniker wird er in die Geheimnisse der Luxuswagen eingeweiht. Weil Kim brav zurückkehrt und mal wieder zur Zufriedenheit aller gearbeitet hat, entsendet ihn der Staat immer häufiger nach Europa.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Österreich für die nordkoreanischen Emissäre so attraktiv ist und wieso das stalinistische Regime so schnell nicht zusammenbrechen wird

Seite 1: Der Chefeinkäufer der Diktatoren
Seite 2: In Österreich gibt es alles, was es in Nordkorea nicht gibt
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Diktator Europa Kim Il-sung Nordkorea
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Neugieriger12 (15.04.2010, 13:58 Uhr)
@ undjetztnochder (15.04.2010, 10:20 Uhr)
...und bei der Gelegenheit können sie die Rechten gleich mitnehmen. Denen gefällts dort sicher auch.
bernie-abg (15.04.2010, 11:30 Uhr)
Nordkorea...
...das Traumland aller Neoliberalen.
Alles für die "Elite", nur Staub und Hunger für den Rest.
Denn Leistung muß sich wieder lohnen.
undjetztnochder (15.04.2010, 10:20 Uhr)
Die Linke
zeigt Ihr wahres Gesicht - diesmal in Nordkorea. Aber in der DDR, Sowjetunion, Kuba etc. war bzw. ist es nicht anders: die Eliten schwelgen im Luxus, und das Volk hungert. Also fast wie im Kapitalismus, nur dass bei uns das Volk nicht hungert, sondern dass es den Leuten selbst auf Hartz-IV-Niveau vergleichsweise gut geht.

Man kann den Linken bei uns im Land nur empfehlen, baldigst in kommunistische Länder auszuwandern und uns hier mir Ihren Parolen und leeren Utopien in Ruhe zu lassen.
Nana_Xiaojie (15.04.2010, 08:23 Uhr)
Die exakt gleiche Geschichte...
...war doch vor ein paar Wochen in der Welt...?
MEHR ZUM ARTIKEL
Nordkorea Un statt Il

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il hat offenbar seinen jüngsten Sohn als Nachfolger bestimmt. Laut Medienberichten mussten die wichtigsten Institutionen eine Treueerklärung auf Kims jüngsten Sprössling Jong Un abgeben. Unterdessen verdichten sich die Hinweise auf einen weiteren Raketentest.

Nordkoreaner in Südkorea Lernen, die Waschmaschine zu bedienen

Immer mehr Nordkoreaner flüchten vor dem menschenverachtenden Regime des Diktators Kim Jong Il. Ihr Ziel: Der Bruderstaat Südkorea. Dort haben die Behörden nun die Tore eines Integrations-Lagers geöffnet. Flüchtlinge berichten hier von ihrem schweren Weg in das moderne Leben.

Das Reich von Kim Jong Il So tickt Nordkorea

Wieso baut ein Land, dessen Bewohner nicht einmal einen Dollar am Tag verdienen, Atombomben? Warum sind die Friedensverhandlungen zwischen den beiden Koreas gescheitert, und was verbirgt sich hinter dem umstrittenen Atomprogramm? Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Nordkorea.

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?