Es sind beeindruckende Drohgebärden: Erst lässt Kim Jong Il eine Atombombe testen, dann Raketen abfeuern, und schließlich wird locker von Krieg gesprochen. Pjöngjang muss man dabei in vielerlei Hinsicht ernst nehmen - einen Krieg kann sich Nordkorea aber nicht leisten. Er würde das Ende der Diktatur Kims bedeuten. Ein Kommentar von Janis Vougioukas, Shanghai

Anti-nordkoreanische Proteste in Seoul: Seit Monaten verschlechtert sich die Stimmung zwischen den beiden Koreas© Heon-Kyun/DPA
Seit drei Tagen schockiert Kim Jong Il die Welt mit ständig neuen Drohungen. Die jüngste Eskalationsstufe zündete Nordkoreas unberechenbarer Diktator Kim Jong Il nun mit der Ankündigung, den 1953 geschlossenen Waffenstillstand ab sofort zu ignorieren. Seine Gesandten sprachen sogar von "Militärschlägen" gegen den Süden. Künftig will der Norden auch die Sicherheit südkoreanischer und amerikanischer Schiffe vor der eigenen Küste nicht mehr garantieren.
Während die Welt erzittert, reagiert Südkorea vergleichsweise entspannt. Die Menschen haben sich längst an das Geschrei aus dem Norden gewohnt.Tatsächlich hatten viele Südkoreaner mit weiteren Provokationen gerechnet - ob verbal oder mit Soldaten.
Hintergrund der jüngsten Unruhen ist die Proliferation Security Initiative (PSI) - eine internationale Initiative gegen die weitere Verbreitung von atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen. Die amerikanische Regierung hatte die Initiative vor sechs Jahren ins Leben gerufen, um den Schurkenstaaten dieser Welt den Zugang zu atomaren Massenvernichtungswaffen zu erschweren. Anlass war der Fund von 15 russischen Scud-Raketen an Bord eines nordkoreanischen Frachters.
Damals gab es keine Möglichkeit, die Fracht zu beschlagnahmen - dass Schiff durfte unbehelligt weiterfahren. Südkorea hatte in der PSI bisher nur eine Beobachterrolle. Als Reaktion auf den Atombombentest hatte die Regierung in Seoul nun den Beitritt zur PSI verkündet. Niemand hatte ernsthaft erwartet, dass Kim Jong Il darauf nicht reagieren werde. Zumal Nordkorea in den vergangenen Jahren bereits mehrfach angekündigt hatte, den Beitritt des Südens zur PSI als Kriegserklärung zu werten.
Es blieb nicht nur bei Worten. Kims Armee testete jetzt eine weitere Kurzstreckenrakete - der sechste Test in nur drei Tagen. Doch Verteidigungsexperten gehen davon aus, dass die Raketen auch dazu dienen, amerikanische Spionageflugzeuge abzuschrecken, die sich für den Testort der Atombombe interessieren könnten. Selbst Nordkoreas einstiger Freund Russland hat inzwischen angekündigt, die Beobachtung Nordkoreas auszuweiten.
Tatsächlich haben sich die Beziehungen zwischen dem erzkommunistischen Norden und dem kapitalistischen Süden in den vergangenen Monaten immer weiter verschlechtert. Anfang Mai kündige Pjöngjang die Verträge für die gemeinsame Sonderwirtschaftszone Kaesong. Die südkoreanische Regierung erhöhte darauf den ökonomischen Druck und die Exportbeschränkungen für technologische Ausrüstungsgeräte. Trotzdem wissen Diplomaten und Militärs in beiden Ländern, dass jede Reaktion eine Gegenreaktion verursacht. Und niemand will im Moment ernsthaft einen Krieg beginnen.
Anlässlich des "gelungenen Atomtests" organisierte die Kommunistische Partei eine Festparade im Arbeiterstadion von Pjöngjang. Redner priesen die Bombe als einen "Schlag ins Gesicht der Vereinigten Staaten". Das Volksfest für die A-Bombe ist ein Zeichen dafür, die Explosion vor allem von den eigenen Landsleuten gehört werden sollte: Um das Militär zu einen, die Bevölkerung von den Problemen abzulenken und die Führung zu stärken. "Pjöngjang fühlt die wachsende Notwendigkeit zur Stärkung der nationalen Einheit, um die Menschen von der Flucht vor der schlechten Wirtschaftslage abzubringen und die Machtübergabe des gesundheitlich angeschlagenen Führers Kim Jong Il vorzubereiten", urteilte der Nordkoreaexperte Yoo Seok Ryul. Nordkoreas Gebrüll ist nichts als heiße Luft. Sogar Kim Jong Il weiß, dass ein Krieg für seine Diktatur das Ende bedeuten würde.