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"Wir sind die größte geistige Provinz der Welt"

Norman Birnbaum ist eine der wichtigsten kritischen Stimmen der USA. Sein Land drehe unter Präsident Bush durch, sei wirklich gefährlich. Und Deutschland? Europa? Viel zu unterwürfig, findet der streitbare Amerikaner.

Werter Professor Birnbaum, Sie sind verrückt.

Wieso? Das verbitte ich mir!

Sie schreiben ein Buch über den Sozialismus, einen 500 Seiten dicken Wälzer. Mein Herr, das interessiert heute doch kein Schwein mehr!

Ich bin Professor, ich habe eine gewisse historische Verantwortung gegenüber der Nachwelt.

Wie? Sie wollen mit ihren Büchern die Welt retten?

Ach was, so vermessen bin ich nicht. Ohne große Hoffnung schreibe ich für die Hoffnung. Es ist ein Kampf gegen die geschichtliche Bewußtlosigkeit, die rasant um sich greift. Gegen diesen weltweiten Alzheimer.

Das klingt sehr pathetisch

Meinen Sie? Ich sehe das sehr profan. Es geht darum, dass der freie Markt, der die Welt rücksichtslos nach amerikanischen Muster umpflügen will, und wie eine neue Religion vergöttert wird, nicht die Erinnerung auslöscht, dass Werte wie Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit wichtig für die Menschen sind.

Diese Worte nehmen heute nicht mal mehr Sozialdemokraten - zumindest wenn sie an der ´Macht sind - in den Mund

Es kann ja sein, dass ich untergehe. Dass so amerikanische Dissidenten wie ich, Norman Mailer oder Noam Chomsky verschwinden. Egal. Ich mache weiter, wohl wissend, dass wir Amerikaner auf einem großen Kontinent leben, der die größte geistige Provinz der Welt ist. Beschämend primitive, unwissende Menschen bringt unser System hervor. Lehrer werden verachtet, sind unterbezahlt. 90 Millionen Amerikaner können kaum lesen und ...

Ihrer Klage zum Trotz: Amerika ist das Vorbild für viele. Der Publizist Alexander Schuller forderte unlängst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Die Vereinigten Staaten müssen Hegemon der Menschheit werden." Das sei "unsere Chance. Eine andere haben wir nicht".

Mein Gott, ich staune, nein, mich erschüttert diese totale Unterwürfigkeit gegenüber meinem Land. Ich fasse es kaum, wie bereitwillig eigentlich kluge Menschen die Schattenseiten unseres Landes ausblenden. Die breite Blutspur unserer militärischen Interventionen im Ausland. Zu Hause die zynische Verachtung der Regierung für die eigenen Bürger - Über 40 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Aber dennoch wird unser Land bereitwillig verklärt. Ich registriere auch mit Verwunderung, wie Leute wie Josef Joffe ...

...der Chefredakteur der "Zeit"...

... diesen rückgratlosen Lobgesang auf Amerika mitträllern. Mich erinnert diese Liebedienerei an die politische Elite der DDR, die sich dem sowjetischen Hegemon stets willigst unterwarf. Ich habe unlängst Angela Merkel an meiner Universität erlebt, und in ihrem Vortrag hat sie wortreich betont, wie wichtig das transatlantische Bündnis sei. Am Schluss sagte ein amerikanischer Student, er war merklich verblüfft: "Es ist sehr schön, was Sie sagen. Aber ich habe den Eindruck, wenn Sie von gemeinsamer Zusammenarbeit sprechen, heißt das, dass Deutschland zu allem, was das Weiße Haus befiehlt, brav Ja und Amen sagt." Sie hat dazu nichts gesagt, sie hat sich stattdessen aus dem Staub gemacht. Die Deutschen könnten, finde ich, langsam erwachsen oder mündig werden.

Amerika muss man dankbar sein, heißt es, schließlich hat Ihr Land nach dem Krieg die Demokratie nach Deutschland gebracht.

Ja? Das ist doch Quatsch. Deutschland hat - spätestens seit 1848 - eine lebendige demokratische Tradition, und vor 1933 war Deutschland ja auch eine Demokratie. Aber dass sich diese Phrase, "die USA haben die Deutschen zu Demokraten gemacht", so tief hier im Bewusstsein hat verankern können, ist ein Ausdruck der polit-historischen Verödung. Denken ist eine Qual. Quellenstudium ist mühsam. Es ist einfacher, Rituale nachzubeten. Die Amerikaner waren nach dem Krieg so sanft und hilfsbereit, weil sie von den Deutschen besonders viel wollten.

Sie sprechen in Rätseln.

Westdeutschland war ein Schaufenster der Amerikaner gegen den Osten. Außerdem wollten sie Soldaten, viele Soldaten, eine tüchtige, gehorsame, prowestliche Bundeswehr. Lesen Sie doch die Stuttgarter Rede von 1946 des damaligen Auáenministers Byrnes nach!

Das amerikanische Volk wolle, sagte er damals, "dem deutschen Volk helfen, seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt".

Ja, das ist der Text, der die Wiederbewaffnung nach dem Krieg ermöglichte. Ein ganz kühles machtpolitisches Kalkül hinter schön klingenden Worten. Nochmals: Es gibt keinen Grund für eine überschwängliche Dankbarkeit der Deutschen gegenüber Amerika. Das ist Unsinn, auch wenn das bei Ihnen so etwas wie ein nationaler Konsens ist. Ich meine, Frankreich wird ja nun von George Bush wegen des Irak-Kriegs abgestraft. Aber die Franzosen könnten sagen, Moment mal, ihr Amerikaner habt dankbar zu sein - auf ewig, ohne uns gäbe es euch gar nicht! Schließlich haben französische Truppen Washington im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer gerettet!

Stattdessen heißen in Amerika Pommes frites nicht mehr "French fries", sondern "Freedom fries".

Und das zeigt, in einer Nussschale, sowohl die Kleingeistigkeit als auch die Gefährlichkeit meines Staates. Das hat etwas Totalitäres. Das Imperium erlaubt kein Abweichlertum - weder innen noch drauáen. Entweder seid ihr für uns, oder ihr seid gegen uns. Die blau-weiß-rote Fahne soll in jedem Gehirn flattern und sonst nichts. Und sie soll weltweit flattern, überall.

Sie übertreiben.

Nein, das wäre ja schön. Aber die Leute um und hinter Bush - und das wird weltweit immer noch unterschätzt - sind wirklich gefährlich. Sie kümmern sich einen Dreck darum, was andere denken. Das ist für sie irrelevant, Peanuts. Und deswegen kann Wolfowitz auch ungerührt sagen, das mit den Massenvernichtungswaffen im Irak, sorry folks, das war nur ein praktischer Vorwand, um Krieg zu führen. Das ist die Chuzpe von Imperatoren.

Wolfowitz, der stellvertretende Verteidigungsminister, hat auch schon mal den Begriff des "totalen Kriegs" benutzt.

Das mag für andere verrückt klingen, für ihn ist das rational. Er hat seine wissenschaftliche Karriere als Kriegstheoretiker angefangen, er hat den deutschen Philosophen Carl Schmitt, einen ideologischen Vorbereiter des Faschismus, akribisch studiert. Er will die amerikanische Weltherrschaft. Wolfowitz denkt perspektivisch. Der Irak-Krieg ist für ihn ein kleiner, erster Schritt. Es ging in diesem Krieg nicht nur um den Nahen Osten. Es ging darum, den Chinesen eine Lehre zu erteilen: "Wir lassen uns nichts bieten!"

Den Chinesen? Wieso den Chinesen? Herr Birnbaum, das ist doch Paranoia!

Nein. Amerika hat schon seit dem 19. Jahrhundert China im Blick. China ist einerseits ein großer Markt, aber andererseits ist dieses Land für Amerika in der Zukunft eine objektive Gefahr - so in 20 oder 30 Jahren, denkt Wolfowitz. Und er weiß: Man kann in China nicht einfach einmarschieren, dazu ist es zu groß. Also bereitet er sich auf einen neuen kalten Krieg vor. All die Leute um Bush haben diese imperiale Vision von Amerika. Und was besonders gefährlich ist: Die ökonomischen Interessen vieler Regierungsmitglieder werden noch zusätzlich befeuert von fundamentalistisch-christlichen Ansichten. Das alles schafft ein unglaublich hohes Maß an Selbstgerechtigkeit, Selbstgefälligkeit, Arroganz und gefährlicher Aggressivität. Sie haben ein ganz genaues Bild, wie Amerika sein soll, wie die Welt sein soll. Sie betrachten Amerika als ihre Kirche.

Norman Mailer meinte, Bush gehe es um eine "moralische Erneuerung" Amerikas.

Ja, sicher. Aus Bushs Sicht sind weite Teile Amerikas dekadent, moralisch verkommen, viel zu sittenlos. Aus Sicht der christlichen Fundamentalisten war die Bombardierung Bagdads eher zweite Wahl.

Wie bitte?

Ja, glauben Sie mir, die würden tatsächlich viel lieber Bomben auf New York oder San Francisco werfen: Für sie sind diese Städte zu modern, zu multikulturell, bevölkert mit zu vielen Künstlern und viel zu vielen Homosexuellen, igitt! Sündenpfuhl. Babel. Und dieses Bild haben sie letztendlich auch vom "alten Europa", deswegen kritisieren und attackieren diese Leute den europäischen Sozialstaat so vehement: Diese Europäer arbeiten nicht, die wollen nur lange Ferien. Die Bush-Gang denkt alttestamentarisch: Man soll sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen. Und die Europäer schwitzen zu wenig.

Das ändert sich ja nun. Mit der Agenda 2010 bringt die SPD den deutschen Sozialstaat auf amerikanischen Kurs.

Und das ist fatal, es ist ein Verrat an der europäischen Tradition. Schauen Sie doch mal, was der Sozialdemokrat Blair mit seinen Privatisierungen angerichtet hat? Das Londoner U-Bahn-System - marode. Die Eisenbahn - lebensgefährlich. Das Gesundheitssystem - heillos überfordert. Es ist noch nicht zu lange her, da dachte die geistige Elite Europas und auch Amerikas - und das reichte von der Linken bis ins konservative christliche Lager -, in einer gespaltenen Gesellschaft mit um sich greifender Armut möchten wir nicht leben. Das ist vorbei, vor allem in Amerika. Die Moral ist dort in den letzten Jahren abhanden gekommen. Die Elite hat sich eine dicke Hornhaut zugelegt. Das Leid soll unsichtbar werden, und so wird nun in Polizei und Gefängnisse investiert statt in Schulen und Ausbildung.

Ich bitte Sie: Die amerikanischen Universitäten, Yale oder Harvard, gelten als die besten der Welt. Wer es zu etwas bringen will, geht dorthin.

Das stimmt, wir haben großartige Universitäten, beeindruckende Forschungseinrichtungen - aber die Qualität besteht nur auf der allerhöchsten Ebene, für ganz, ganz, ganz wenige.

Amerikanische Jugendliche, klagt Norman Mailer voller Kulturpessimismus, "können nicht mehr lesen, nur noch bumsen".

Ja, das stimmt. Die meisten Leute beziehen ihr Wissen aus dem Fernsehen. Die große Masse verdummt. Wir sind ein Volk ohne Wissen. Schauen Sie sich doch mal die Liste der amerikanischen Nobelpreisträger an. Das sind meistens Ausländer, die ihre Arbeit in Amerika machen. Wir locken die Weltelite ins Land. Wir holen den jungen deutschen Chemiker aus Göttingen - es kann aber auch ein Junge aus einem indischen Slum sein -, der auf einer kostenlosen, staatlichen Schule so gut ausgebildet wurde, wie es bei uns nicht geschieht. Diese Leute sind für uns billiger, als das Geld in die Ausbildung armer amerikanischer Weißer, renitenter Schwarzer zu stecken.

Aber in Deutschland schwärmen Politiker und Ökonomen vom amerikanischen Jobwunder, und sie freuen sich, wie flexibel die amerikanischen Arbeitnehmer seien.

Na ja. Ich weiß nicht, ob diese Experten tatsächlich so viel über unser Land wissen. Bei Frau Merkel habe ich gemerkt, die weiß nun gar nichts. Das amerikanische Modell ist ja alles andere als erfolgreich. Seit Bush Präsident ist, haben wir zwei Millionen Arbeitslose mehr. Außerdem ist es erbärmlich, was für Jobs in den letzten Jahren geschaffen worden sind, keine produktiven Jobs - eine neue Kaste rechtloser Diener ist entstanden. Die Leute müssen mehr strampeln als früher, sie führen ein atemloses Leben, und im Nacken ist die Angst vor dem Absturz. Da gibt es ja diesen Witz über Ex-Präsident Clinton, der sich bei einer Rede lobt, wie er drei Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat. Und der puerto-ricanische Kellner sagt: "Herr Präsident, da haben Sie Recht, ich habe davon drei."

Warum leben Sie noch in den USA?

Ich kenne die ganze Welt, ich könnte in Berlin, Paris, Madrid oder Rom wohnen, ich spreche all die Sprachen, ich habe berall Freunde, aber ich bleibe hier. Ich kann dieses Land nicht verlassen, nicht vor diesen Bushmännern fliehen.

Ihr Kollege Noam Chomsky hat ein düsteres Bild von den USA entworfen. Das sei keine Demokratie mehr, es sei Faschismus.

Es gibt faschistische Züge hier, aber noch haben wir Dissidenten, Noam Chomsky oder Norman Mailer, Raum und Luft, um uns zu bewegen. Und diese Leute sagen nicht: Es bringt nichts. Hör auf. Ich will nun nicht in grübelnde Selbstverleugnung fallen. Aber die Angst nimmt zu.

Sie haben doch nicht Angst, verhaftet zu werden?

Ich bin jetzt 76 Jahre alt. Ich bin ein gesetzestreuer Bürger. Und doch hatte ich neulich - und das war das erste Mal in meinem Leben - Angst, als ich auf dem Flughafen in Washington war, um nach Deutschland zu fliegen. Es war eine unbestimmte, bedrückende Angst, als ich vor dem Grenzbeamten stand. Es sind düstere Zeiten. Es ist schwierig, Außenstehenden diese Stimmung zu erklären. Sie sehen die strahlende Julia Roberts auf der Leinwand, aber Sie merken wohl kaum, was für ein Mehltau über dem Land liegt. Was für eine schreckliche Gleichschaltung. Wir treiben in eine fahnenschwingende Uniformität hinein. Es gab keine Debatten über den Irak-Krieg. Keine wahrhafte Information. Die Massenproteste gegen den Krieg kamen in unseren Medien nicht vor. Es sind Kleinigkeiten, die einem Hoffnung geben: Ein Freund bei der britischen Tageszeitung "Guardian" hat mir gesagt, dass seit dem Irak-Krieg Zehntausende Amerikaner täglich auf ihre Internetseiten klicken, um ein bisschen besser informiert zu sein.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat wohl auch deswegen einen fast verzweifelten Hilferuf nach Europa geschickt: Für ihn wäre es eine Tragödie, wenn Europa sich der amerikanischen Herrschaft fügen würde.

Er hat Recht. Umso bedrückender ist es für mich zu sehen, wie die europ„ischen Sozialdemokraten ihre Geschichte entsorgen, wie kampflos sie das europäische Kultur- und Sozialmodell aufgeben wollen. Und es ist entwürdigend mitzubekommen, wenn beim Weltwirtschaftsgipfel in Evian einer aus der Entourage von Kanzler Schröder beglückt notiert, dass Präsident Bush dem Kanzler zugezwinkert hat. Armes, altes, gutes Europa - Kopf hoch!

Interview: Arno Luik/print
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