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15. Dezember 2003, 16:27 Uhr

"Wir sind die größte geistige Provinz der Welt"

Norman Birnbaum ist eine der wichtigsten kritischen Stimmen der USA. Sein Land drehe unter Präsident Bush durch, sei wirklich gefährlich. Und Deutschland? Europa? Viel zu unterwürfig, findet der streitbare Amerikaner.

Robert Birnbaum© Walter Schels

Werter Professor Birnbaum, Sie sind verrückt.

Wieso? Das verbitte ich mir!

Sie schreiben ein Buch über den Sozialismus, einen 500 Seiten dicken Wälzer. Mein Herr, das interessiert heute doch kein Schwein mehr!

Ich bin Professor, ich habe eine gewisse historische Verantwortung gegenüber der Nachwelt.

Wie? Sie wollen mit ihren Büchern die Welt retten?

Ach was, so vermessen bin ich nicht. Ohne große Hoffnung schreibe ich für die Hoffnung. Es ist ein Kampf gegen die geschichtliche Bewußtlosigkeit, die rasant um sich greift. Gegen diesen weltweiten Alzheimer.

Das klingt sehr pathetisch

Meinen Sie? Ich sehe das sehr profan. Es geht darum, dass der freie Markt, der die Welt rücksichtslos nach amerikanischen Muster umpflügen will, und wie eine neue Religion vergöttert wird, nicht die Erinnerung auslöscht, dass Werte wie Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit wichtig für die Menschen sind.

Diese Worte nehmen heute nicht mal mehr Sozialdemokraten - zumindest wenn sie an der ´Macht sind - in den Mund

Es kann ja sein, dass ich untergehe. Dass so amerikanische Dissidenten wie ich, Norman Mailer oder Noam Chomsky verschwinden. Egal. Ich mache weiter, wohl wissend, dass wir Amerikaner auf einem großen Kontinent leben, der die größte geistige Provinz der Welt ist. Beschämend primitive, unwissende Menschen bringt unser System hervor. Lehrer werden verachtet, sind unterbezahlt. 90 Millionen Amerikaner können kaum lesen und ...

Ihrer Klage zum Trotz: Amerika ist das Vorbild für viele. Der Publizist Alexander Schuller forderte unlängst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Die Vereinigten Staaten müssen Hegemon der Menschheit werden." Das sei "unsere Chance. Eine andere haben wir nicht".

Mein Gott, ich staune, nein, mich erschüttert diese totale Unterwürfigkeit gegenüber meinem Land. Ich fasse es kaum, wie bereitwillig eigentlich kluge Menschen die Schattenseiten unseres Landes ausblenden. Die breite Blutspur unserer militärischen Interventionen im Ausland. Zu Hause die zynische Verachtung der Regierung für die eigenen Bürger - Über 40 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Aber dennoch wird unser Land bereitwillig verklärt. Ich registriere auch mit Verwunderung, wie Leute wie Josef Joffe ...

...der Chefredakteur der "Zeit"...

... diesen rückgratlosen Lobgesang auf Amerika mitträllern. Mich erinnert diese Liebedienerei an die politische Elite der DDR, die sich dem sowjetischen Hegemon stets willigst unterwarf. Ich habe unlängst Angela Merkel an meiner Universität erlebt, und in ihrem Vortrag hat sie wortreich betont, wie wichtig das transatlantische Bündnis sei. Am Schluss sagte ein amerikanischer Student, er war merklich verblüfft: "Es ist sehr schön, was Sie sagen. Aber ich habe den Eindruck, wenn Sie von gemeinsamer Zusammenarbeit sprechen, heißt das, dass Deutschland zu allem, was das Weiße Haus befiehlt, brav Ja und Amen sagt." Sie hat dazu nichts gesagt, sie hat sich stattdessen aus dem Staub gemacht. Die Deutschen könnten, finde ich, langsam erwachsen oder mündig werden.

Amerika muss man dankbar sein, heißt es, schließlich hat Ihr Land nach dem Krieg die Demokratie nach Deutschland gebracht.

Ja? Das ist doch Quatsch. Deutschland hat - spätestens seit 1848 - eine lebendige demokratische Tradition, und vor 1933 war Deutschland ja auch eine Demokratie. Aber dass sich diese Phrase, "die USA haben die Deutschen zu Demokraten gemacht", so tief hier im Bewusstsein hat verankern können, ist ein Ausdruck der polit-historischen Verödung. Denken ist eine Qual. Quellenstudium ist mühsam. Es ist einfacher, Rituale nachzubeten. Die Amerikaner waren nach dem Krieg so sanft und hilfsbereit, weil sie von den Deutschen besonders viel wollten.

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