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6. April 2009, 18:51 Uhr

Also sprach Bruder Hussein

Nach seiner Gipfel-Tour ist Barack Obama in der Türkei eingetroffen. Millionen Muslime haben gespannt auf die erste Rede des neuen US-Präsidenten in einem muslimischen Land gewartet. Sie wurden nicht enttäuscht. Ein Gastkommentar von al-Dschasira-Korrespondent Aktham Suliman.

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Applaus für den US-Präsidenten: "Man kann Feuer nicht mit Flammen löschen"© Getty Images

Besonders in einem Punkt haben sich die Berater Obamas Mühe gegeben, nämlich bei der Suche nach einem türkischen Sprichwort. Und sie wurden fündig: "Man kann Feuer nicht mit Flammen löschen", sagte Obama in seiner Rede vor dem türkischen Parlament in Ankara. In muslimischen Ohren hören sich diese Worte wie eine Entschuldigung an. Eine Entschuldigung für mehr als eine Million Tote und drei Millionen Vertriebene, unter denen der Irak seit der "Befreiung" durch die Amerikaner leidet. Kurzum: Für einen großen Fehler namens George W. Bush. Was für ein Unterschied zwischen der vorherigen und der jetzigen US-Regierung - nicht nur, aber vor allem in Bezug auf die islamische Welt.

Die Zeiten mit Formulierungen wie "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns" und Begriffe wie dem des "Islamfaschismus" sind vorbei. "Wir wollen die Beziehung zur islamischen Welt nicht auf Terrorismusbekämpfung reduzieren", sagt der Präsident, während Millionen Muslime weltweit auf die Bildschirme starren und wahrscheinlich ungläubig denken: "Wo warst Du bloß in den letzten acht Jahren? Wie heißt noch einmal das Land, dessen Präsident Du bist?" In der islamischen Welt ging es bislang nicht um Politik, wenn ein US-Präsident sprach, sondern eher um einen "Wetterbericht": Wird es demnächst Bomben hageln? Muss ich Lebensmittelvorräte anschaffen?

Es wird demnächst keine Bomben hageln, und die Einkäufe werden auch normal ausfallen, Wirtschaftskrise hin oder her. Beruhigend sind nicht nur die Inhalte von Obamas Rede. Vielleicht einmal abgesehen von dem latenten Vorwurf an den Iran, Atomwaffen entwickeln zu wollen. Ein Vorwurf, der immer einhergeht mit einem Lob an die Verhandlungsbereitschaft Teherans sowie die Kultur- und Zivilisationsleistungen des Landes. Es ist auch nicht so sehr die Betonung der Demokratie türkischer Prägung oder der prinzipiellen Zugehörigkeit der Türkei zu Europa und in Zukunft zur EU. Und es sind auch nicht die Bekenntnisse zu einem längst im Koma liegenden Nahost-Friedensprozess.

Nein, es ist vor allem die Sprache, die Gestik und der Ton, mit denen Obama überrascht. Es ist diese bewusst gewählte "Wir"-Form. Dieses "Wir" steht bei ihm nicht für Westler oder Christ, oder selbst ernannter Demokrat, oder, wenn man Pech hat, Demokratisierer. Mit seinem "Wir" versammelt Obama alle, die gegen den Terror sind und unterstreicht ein wie auch immer geartetes Miteinander. Kein Land alleine kann alles überwältigen - das ist die Botschaft. Eine einfache Erkenntnis, Bruder Hussein Barack Obama! Auch für Deinen Vorgänger und sein Team. "Man ist nicht immer einer Meinung. Man muss das gar nicht sein", sagt der Neue im Weißen Haus. Wie bitte? Darf man wirklich anderer Meinung sein? Landet man dann nicht in Guantanamo Bay? Nein, das geht gar nicht, es wird ja geschlossen.

Es ist genau diese Fähigkeit Obamas, Kritik vorwurfsfrei anzusprechen. Wenn er das privat genauso gut beherrscht, dann haben wir das Geheimnis der ewig glücklich lächelnden Michelle gelüftet. Oder hätte sich irgendjemand vorstellen können, dass wer auch immer mitten im türkischen Parlament das hochsensible Problem des Massakers an den Armeniern ansprechen würde? Hussein Barack Obama tat es. Freilich: Zuvor hypnotisierte er die türkischen Abgeordneten mit rücksichtsvoller Gestik: Den anderen anlächeln, nachdenkend gucken und auf den Einsatz des Zeigefingers verzichten. Es sei hier an just diesen Finger von George W. Bush erinnert, vor allem dann, wenn er von der "Achse des Bösen" sprach.

Das Auftreten und seine selbstkritische Sprache, die ohne Vorwürfe auskommt, sind das Geheimnis von Barack Obama, im Übrigen nicht nur im Dialog mit der islamischen Welt. Und wenn selbst das nicht reicht, dann bedient sich der Präsident seines ganz persönlichen Kunstgriffs: der Suche nach Gemeinsamkeiten. So verweist er etwa beim Thema "Wertschätzung des Islam" auf die Errungenschaften dieser Religion und lässt eine Formulierung einfließen wie: "Meine Familie gehört dazu". So etwas würde dem Texaner Bush natürlich nicht in dem Sinn kommen. Nicht einmal, wenn seine Verwandtschaft dazu gehören würde. Überhaupt: Acht Jahre lang haben die Muslime, und nicht nur diese, von Bush vor allem zu Hören bekommen: "Ihr musst euch ändern!" Die Antwort, ausgesprochen oder schweigend, lautete stets: "Das kannst Du knicken!" Heute kommen aus dem Weißen Haus Sätze wie: "Wir alle müssen uns ändern!". Wem erzählst Du das, Bruder Hussein Obama? Lass uns alle schnell damit anfangen!

Der Autor

Der Autor Aktham Suliman, 39, ist seit 2002 Korrespondent und Büroleiter des Nachrichtensenders al Dschasira in Deutschland. Der Deutschsyrer hat an der FU Berlin Publizistik, Politologie und Islamwissenschaften studiert und bis 2002 unter anderem bei der Arabischen Redaktion der DW-Radio und Abu Dabi TV gearbeitet.

 
 
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