Chinesen sorgen sich um vergiftete Milch, Bergwerksunglücke und die Schließung von Fabriken wegen der weltweiten Finanzkrise - die US-Wahl interessiert sie weniger. Die Pekinger stern.de-Mitarbeiterin Ellen Deng befragte ihre Landsleute - und traf auch auf einen Barack-Obama-Fanclub. Von Ellen Deng

Der Wechsel auf chinesisch: Obama-Plakat in Hongkong© Philippe Lopez/AFP
"Die Wahlen? Ein bisschen weiß ich darüber. Aber sie interessieren mich nicht. Mein ganzes Leben habe ich mich kaum an politischen Ereignissen beteiligt. Hatte weder Gelegenheit dazu noch bin ich daran gewöhnt. Ich konzentriere mich darauf, gute Musik zu schaffen." Das sagt Xie Tianxiao, der chinesische Rocksänger, der drei Alben veröffentlicht hat. Kürzlich trank er ein paar Bier mit ausländischen Freunden in einer Pekinger Kneipe. "Die Europäer reden viel über die Wahlen. Meine Sache ist das nicht. Hätten sie es mir nicht erzählt, wüsste ich nicht, dass es Präsidentendebatten gibt." Dabei hat Xie sogar einige Jahre in den USA gearbeitet. Dort spielten individuelle Meinungen eine große Rolle, hat er festgestellt, deshalb würden sich die Leute dort so gern selbst ausdrücken.
Ähnlich wie Xie äußern sich viele andere in meiner kleinen Umfrage. Zwar wussten 90 Prozent der Befragten etwas über die Wahlen, aber nur ein Drittel interessierte sich dafür. Als wichtigste eigene Sorge nennen die meisten die globale Finanzkrise. Dann folgen auf ihrer Liste: vergiftete Lebensmittel und Medikamente in China und die hier geplanten Reformen der Landwirtschaft und des Gesundheitswesens.
Die US-Hypothekenkrise und ihre Folgen spürt man auch hier. Tausende Fabriken, die ihre Produkte nach Amerika und Europa exportieren, steuern auf einen frostigen Winter zu. Die Studienabgänger, die eine gute Stelle in einer Investmentbank gefunden haben, fürchten, ihre Näpfe zu verlieren. Und jetzt hat eine Spielzeugfabrik in Guangdong und Hongkong begonnen, ihre Arbeiter zu entlassen.
Der alte Li ist über 50 und ein Bengbeng - so heißen hier die Fahrer der Dreiradtaxis. Er hat das Business um das Pekinger Arbeiterstadion beinahe monopolisiert. Mit meiner Frage nach den US-Wahlen scheint er nicht viel anfangen zu können. Über die Finanzkrise aber äußert er sich klar: "Wir sind mit denen wirtschaftlich so eng verbunden. Wenn es den USA gut geht, dann uns in China auch."
In Wahrheit ist die Finanzkrise nun ein Hauptpunkt im Kampf der beiden Kandidaten. Aber viele Chinesen sehen in den Wahlen und der Krise zwei verschiedene Dinge. Ein Manager für Geschäftsoperationen, der sich im Internet "Tessar" nennt, meint: Die Krise kann nicht gelöst werden, egal wer an die Macht kommt.
Zwei Drittel der von Befragten kannten die Namen der beiden Kandidaten, doch nur wenige wissen etwas über ihre politischen Ansichten. "Ich selbst konnte mich wenigstens noch daran erinnern, dass Esel und Elefant die Symbole der beiden Parteien sind, habe das selbst gelernt, als ich klein war", sagt Angel, die sich als Kinderbetreuerin an einer Pekinger Grundschule um "politische und ideologische Arbeit" kümmert. Aber von den Jungen und Mädchen, die sie heute unterrichtet, interessiere sich niemand für die Wahlen. Unter so genannten Intellektuellen und Büromitarbeitern ist das nicht anders: Zum einen liegt das an der Komplexität des amerikanischen Wahlsystems: Man braucht Zeit und Geduld, um es zu verstehen. Der zweite Grund ist die Sprachbarriere, der Dritte: Die meisten Chinesen haben keinen Zugang zu ausländischen Fernsehstationen (manche installieren insgeheim eine Satellitenschüssel, das ist aber verboten und kann bestraft werden), internationale Zeitungen bekommt man nur über eine einzige staatliche Agentur. Allerdings hilft heutzutage das Internet denen weiter, die wirklich etwas wissen wollen.
Doch während es der Kinderbetreuerin Angel peinlich ist, dass sie und ihre Schüler so "ignorant" sind, finden das viele andere Befragte nicht so wichtig. "Ich möchte lieber mehr über die Präsidentenwahlen in Taiwan wissen, da dies ein Experimentierfeld ist für Demokratie bei uns in China", meint Enclave, der als Journalist für eine chinesische Wochenzeitschrift über politische und soziale Themen schreibt. Seine Zeitschrift hat gerade Interviews in Taiwan geführt. Die lärmenden, aber durchsichtigen politischen Szenen in Taiwan und Hongkong haben direkteren Einfluss auf China als die amerikanische Politik.
Wie in den meisten anderen Ländern, hat Obama hier mehr Unterstützer. Von den Leuten die ich befragt habe, sind mindestens 18 von 20 für ihn. Das hat kaum etwas zu tun mit den Positionen der Kandidaten zur US-Politik gegenüber China. Selbst die, die kein klares politisches Argument für Obama nennen können, erwähnen seine Hautfarbe. Maggie, die als Managerin im Kundenservice eines Unternehmens arbeitet, mag seine Eigenschaften. Er sei "verträglich, ruhig und hat eine innere Kraft - und er ist auch gegen den Irak-Krieg, richtig?" Ein Bibliothekar beschreibt Obama mit Worten wie "jung, gesund, energisch, ein guter Redner".
Manchun, eine Planungsredakteurin in einem chinesischen Verlag, hat ihre eigenen Ansichten zu den Kommentaren mancher Leute, Obama würde "leere Phrasen dreschen: Ich habe römische Geschichte studiert. Politiker müssen die Bürger bewegen. Beredsamkeit ist eine Grundqualität für den Führer einer Nation. Obama ist ein befähigter Mann der Aktion. Alle seine Reden sind nicht nur gut ausgearbeitet, sondern drücken auch seine Ideen aus, kommen von seinem Herzen." Welche Schwächen hat Obama? Manchun sagt, er sei "zu idealistisch, geht manchmal ins andere Extrem - aber insgesamt sieht es bisher gut aus".
Manchun hat Jura studiert. Sie liest nun täglich die "New York Times" online. Anfangs hatte sie Zweifel, aber das änderte sich nach den Vorwahlen in Iowa: "90 Prozent der Leute in Iowa sind weiß, warum sollten wir Chinesen unsere Vorurteile nicht ablegen, wenn die meisten Amerikaner die Rassengegensätze überwunden haben?"
Ellen Deng ... ist Chinesin und arbeitet für den stern im Pekinger Büro.