Washington macht es eine Nummer kleiner

21. Januar 2013, 11:30 Uhr

Die zweite Amtszeit von Barack Obama hat bereits begonnen, nun steht Teil zwei der großen Feierei in Washington an. Die Stadt lockt mit Promis und Fahnen, doch von Euphorie ist nicht viel zu spüren. Von Frauke Hunfeld und Martin Knobbe, Washington

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Etwas Militärpräsenz gehört natürlich dazu, wenn ein Präsident vereidigt wird. In diesem Fall ist es das Armeeensemble der "Old Guard Fife an Drum Corps" das bei der ersten Vereidigung aufspielt.©

Man hatte mit mehr gerechnet. 600.000 bis 800.000 Menschen werden am Montag in Washington D.C. erwartet, um der Vereidigung des neuen alten Präsidenten Barack Hussein Obama beizuwohnen. Vor vier Jahren waren es 1,8 Millionen Menschen, so viel wie nie zuvor, die den Wandel in Amerika bejubeln wollten. Obama und seine Frau Michelle hetzten während der Nacht zu zehn offiziellen Bällen. Diesmal gibt es – aus Kostengründen - nur zwei, und auch für die waren zwei Wochen vorher noch vereinzelt Tickets zu haben. Hotels reduzierten im letzten Moment noch die Zimmerpreise, Flüge nach D.C. waren längst nicht ausgebucht, und in den Klatschspalten von amerikanischen Boulevardzeitungen hieß es hämisch: "Ballgäste dringend gesucht".

Die Party wird fröhlich aber nicht euphorisch sein

Aber Washington hat sich herausgeputzt, die Pennsylvania Avenue ist über und über mit amerikanischen Flaggen geschmückt, überall an der Paradestrecke sind Stände und Bühnen aufgebaut, und das Aufgebot an Celebrities Promis kann sich trotzdem sehen lassen: Beyoncé wird vor dem Kapitol die Nationalhymne singen, für den offiziellen Ball im Convention Center mit 40.000 Gästen werden Katy Perry, Alicia Keys, Usher, Stevie Wonder und Soundgarden ihren Beitrag auf der Bühne leisten, etliche andere Stars werden einfach nur zum Feiern auf der Tanzfläche erwartet. Es wird eine Party werden, auf jeden Fall. Sie wird fröhlich sein, aber nicht so euphorisch wie beim letzten Mal. Die zweite Amtszeit Barack Obamas beginnt auf dem Boden der Tatsachen.

Er hatte mit mehr gerechnet vor vier Jahren, als er nach zwei langen Bush-Amtszeiten wie ein Erlöser das Land revolutionieren wollte. Obama wollte das Land gerechter machen – wie Robin Hood den Reichen nehmen und den Armen geben. Er wollte Millionen von unversicherten Amerikanern Zugang zum Gesundheitssystem ermöglichen. Er wollte Guantanamo schließen, er wollte Amerikas Soldaten heimholen, er wollte Diskriminierung bekämpfen, er wollte den Haushalt in Ordnung bringen, die Wirtschaft wieder in Schwung bekommen, er wollte den Klimawandel stoppen. Das alles in der zweiten Hälfte sogar gegen den Widerstand einer republikanischen Mehrheit im Parlament in einem wirtschaftlich und technologisch zurückgefallenen, von zwei Kriegen ausgebluteten, zutiefst verunsicherten und weltweit unbeliebtem Amerika. Ein bisschen viel.

Reiche müssen mehr Steuern zahlen, aber nicht viel mehr

Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen. 1,5 Millionen Immigranten ohne Papiere wurden in Obamas Amtszeit aus den USA deportiert – viele von ihnen sind in den USA zur Welt gekommen. Mit Mühe und Not hat das Land Anfang Januar seine Zahlungsfähigkeit gerettet, für ein paar Wochen bis zum März. Die große Steuerreform ist ausgeblieben, die Reichen müssen mehr Steuern zahlen, aber nicht viel mehr, die Armen auf Teile ihrer Sozialleistungen verzichten. Wesentliche Klimagesetze sind in den vier Jahren nicht verabschiedet worden. Amerika lebt auch weiterhin nicht nur finanziell, sondern auch energie- und emmissionstechnisch über seine Verhältnisse.

Der Krieg im Irak ist, für die Amerikaner, vorbei. Osama bin Laden ist tot, der Abzug aus Afghanistan ist eingeleitet. Die Grundlagen für ein Gesundheitssystem für alle Amerikaner sind gelegt. Die Wirtschaft springt wieder an.

Das Beste liegt noch vor uns, hat Obama in der Wahlnacht versprochen. Was er nicht gesagt hat: Das Schlimmste liegt wahrscheinlich hinter ihm. Die Rezession, der Zusammenbruch der amerikanischen Autoindustrie, die Immobilienkrise, die größte Umweltkatastrophe in der amerikanischen Geschichte, und zwei nicht wirklich gewonnene Kriege. Und in den letzten Tagen des Wahlkampfs das Massaker von Newtown. Doch: Der Präsident hat nichts mehr zu verlieren, ein drittes Mal kann er ohnehin nicht gewählt werden. Zwar steht die Mehrheit des Parlaments immer noch gegen ihn, aber Obama hat offenbar beschlossen, sich mit dem amerikanischen Volk gegen den Kongress zu verbünden und so auch öffentlich Druck gegen die Blockadepolitik der veränderungsunwilligen Republikaner zu machen.

Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Stärkeren

Nun wird der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sich an sein Volk wenden. Vor fünf amerikanischen Flaggen wird er auf zwei Bibeln schwören, auf eine Familienbibel und auf die der Bürgerrechtslegende Martin Luther King. Einen Tag zuvor, dem offiziellen Datum des Amtsantritts, hatte Obama bereits den Amtseid abgelegt, im Beisein von Frau und seinen beiden Töchtern.

Barack Obama wird dann vor dem Kapitol den Worten des Dichters Richard Blanco lauschen, der Sohn von Exil-Kubaner ist der erste Lateinamerikaner, der erste Homosexuelle und mit 44 Jahren bislang der Jüngste, den das Weiße Haus für diese Aufgabe ausgewählt hat. Auch das ist ein politisches Zeichen des Präsidenten.

Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Stärkeren

Und schließlich wird er zu seinem Volk reden, es ist der Moment, in dem gerne Geschichte geschrieben wird. John F. Kennedy sagte auf seiner Vereidigung den berühmten Satz: "Frage nicht, was das Land für Dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst." Und Gerald R. Ford, der Richard Nixon nach dessen Watergate-Affäre ablöste, rief aus ganzem Herzen: "Unser langer Albtraum ist zu Ende."

Barack Obama wird an seinem großen Tag die Brücke schlagen zu den Grundpfeilern des amerikanischen Traums: Ein Land der Möglichkeiten, wenn auch nicht mehr unbegrenzt, ein Land mit Einwanderer-Vergangenheit, dass seine Tore auch in der Zukunft nicht verschließen darf, ein Land, dass das Streben nach Glück mit der Rücksicht auf andere verbinden muss, und in der die Freiheit nicht nur die Freiheit der Stärkeren ist.

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