Mal schüchtern, mal belehrend und immer in der Defensive: Barack Obama hat das TV-Duell gegen Mitt Romney nach allen Regeln der Kunst verloren. Was war los mit dem US-Präsidenten? Von Niels Kruse

Sieht so ein Sieger aus? Nein - jedenfalls nicht, wenn man die US-Amerikaner fragt, ob Obama das TV-Duell gewonnen hat.© Justin Sullivan/Getty Images/AFP
Gelegenheiten zum Kontern hätte der Amtsinhaber genug gehabt. Etwa als sein Herausforderer die These aufstellte, unter Barack Obama seien 23 Millionen Menschen ohne Arbeit gewesen oder hätten aufgehört, sich einen Job zu suchen. Nur wenige Stunden nach der ersten TV-Debatte zwischen dem Präsidenten und Mitt Romney urteilten die Faktenexperten der US-Seite "Factcheck": Die Behauptung des Republikaners war übertrieben. Tatsächlich sind unter der stattlich klingenden Arbeitslosenzahl auch rund acht Millionen Amerikaner, die in Teilzeit arbeiten, aber lieber eine Vollzeitstelle hätten. Obama hätte dieses Detail wissen können, vielleicht sogar wissen müssen. Aber was entgegnete er? Wenig bis nichts. Müde, beinahe schüchtern wirkte der Präsident während des 90-minütigen Duells, in der er sich widerstandslos die Show stehlen ließ. Was ist los mit dem einstigen Superwahlkämpfer?
Vielleicht haben ja doch diejenigen Kritiker recht, die auf ihm auf seinen berühmt gewordenen Slogan "Yes, we can!" mittlerweile "No, you can't!" entgegnen. Schon länger berichten Beobachter in Washington davon, dass sich Obama zunehmend zurückzieht, als beratungsresistent bis arrogant gilt und überhaupt ermattet zu sein scheint angesichts seiner überfrachteten Agenda und dem erbitterten Widerstand, der ihm seit seinem Amtsantritt entgegenschlägt. Der Strahlemann, Hoffnungsträger und Friedensnobelpreisgewinner hat vier Jahre vielleicht an zu vielen Fronten gekämpft. Jetzt, wo er die Wähler um eine zweite Amtszeit bittet, geht ihm die Kraft aus, ihnen auch zu erklären, warum sie das überhaupt tun sollten.
Natürlich hatte Barack Obama den Vorteil, sich etwas auf seinen Amtsbonus ausruhen zu können. Und natürlich war es an Herausforderer Mitt Romney, das Staatsoberhaupt zu piesacken und anzugreifen. Und er tat es, wo es dem Staatsoberhaupt besonders schmerzte: in Sachen Wirtschaft. Auch wenn die Eckdaten der US-Ökonomie längst nicht mehr so übel aussehen, wie oft kolportiert wird, ist der Hauch des Aufschwungs noch lange nicht bei der Bevölkerung angekommen. Noch immer liegt die Arbeitslosigkeit bei über acht Prozent - ein magischer Wert. Noch nie wurde ein US-Präsident bei so einer hohen Erwerbslosenquote wiedergewählt. Vorteil Romney, dem Mann von der Wall Street. Umso unverständlicher, warum sich Obama von seinem Sparringspartner John Kerry bei diesen heiklen Themen nicht besser hat trainieren lassen.
"Er war unfähig auf seinen Rivalen auf der Faktenebene zu reagieren", fasste die italienische Zeitung "Corriere della Sera" Obamas glanzlosen Auftritt kühl zusammen. Wie sprachlos das Staatsoberhaupt während der Sendung war, zeigte sich unter anderem an der Behauptung Romneys, dass sich die Benzinpreise während Obamas Präsidentschaft verdoppelt hätten. Eine Aussage, die auch stimmte, die Obama aber auch leicht hätte relativieren können. Doch er verpasste es schlicht, sie einzuordnen. Laut "Factcheck" nämlich lag der Preis zu Beginn seiner Amtszeit wegen der Wirtschaftskrise extrem im Keller. Kurz zuvor, im Sommer 2008, noch unter George W. Bush, hätte er sogar höher gelegen als im Moment. Beim Obama-freundlichen TV-Sender MSNBC hieß es nur: Der Präsident sei "unbewaffnet in eine hitzige Debatte gegangen".
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