Die Verantwortlichen haben das Ausmaß des Öl-Desasters vor der US-Küste unterschätzt. Jetzt schaltet sich Präsident Barack Obama persönlich ein, doch die Betroffenen vor Ort fühlen sich getäuscht. Denn der Ölteppich breitet sich weiter aus.

In der betroffenen Region werden Öl-Barrieren ausgelegt© Ann Heisenfelt/DPA
Das war eine einzige Verschleierungsaktion, von Anfang an", schimpft der Mann mit dem sonnenverbrannten Gesicht, der hier an der Marina von Venice in diesem Moment so etwas wie der Wortführer der Garnelenfischer zu sein scheint. "Zuerst gab es angeblich nur ein einziges Leck auf der verdammten Ölplattform, alles angeblich ganz harmlos", wettert David Buorjois. "Doch jetzt stellt sich Schritt für Schritt heraus, dass es mehrere Lecks gibt und wir hier mitten im Desaster sitzen". Die Männer um ihn herum nicken. "Sie haben uns einfach nicht die Wahrheit gesagt", meint einer. "Desaster in slow motion", nennt er das. Katastrophe in Zeitlupe - besser kann man das, was sich derzeit vor den Küsten Louisianas abspielt, nicht ausdrücken.
Auf der anderen Seite der Marina von Venice, dort, wo die Schiffe der Küstenwache mit den roten Öl-Sperren und den Chemikalien an Bord auslaufen, um das Desaster aufzuhalten, äußert sich Tom Mackenzie. Mackenzie ist Sprecher des Fish und Wildlife Service, ein drahtiger Behördenmann, der mit einer diskreten Klarsichtmappe zum Interview eilt. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir es mit einem Ölleck erheblichen Ausmaßes zu tun haben." Konkreter wird er nicht. Mackenzie sagt das, was er sagen darf; seine Stimme klingt dabei seltsam flach, seine Worte verwehen im Wind. Die Betroffenen und die Regierung - hier in Venice sind das derzeit zwei getrennte Welten, die Schwierigkeiten haben, eine gemeinsame Sprache zu finden.
Obwohl die Hauptsaison der Shrimpfischer gerade begonnen hat und die Austernsaison auf dem Höhepunkt ist, sind die Boote schon seit Tagen nicht mehr ausgelaufen. Den Fischern droht der Ruin.
Dass ihr Präsident jetzt eigens nach Louisiana kommt, interessiert bestenfalls am Rande. "Dazu hab' ich keine Meinung", sagt der junge Shrimpfischer namens Ray. Es klingt ziemlich abfällig. "Er wird wohl keine Ölsperren aussetzen". Das klingt mehr als nur abfällig. "Was hat Obama uns schon zu sagen?" meint sein älterer Kollege. "Hat er Geld, etwas zu unternehmen? Bei den leeren Kassen?" Das klingt nicht abfällig, das klingt resigniert.
Obama geht es darum, mit seiner Kurzvisite in Louisiana den "Katrina-Effekt" zu vermeiden. Sein Vorgänger George W. Bush hatte damals bei dem schweren Hurrikan Wochen gezaudert, bevor er das Katastrophengebiet in der Region New Orleans mit einem Hubschrauber überflog - der Imageschaden für Bush war enorm, er erschien herzlos und ohne Mitleid. Doch am Dienstag ist die Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko ebenfalls zwei Wochen her. Kann Obama dem "Katrina-Effekt" entkommen?
Alle Beteiligten haben die Folgen des Unfalls zunächst grob falsch eingeschätzt. Zunächst hatten die Verantwortlichen des britischen BP-Konzerns die Gefahr eines Lecks gar nicht erwähnt. Als die Bohrinsel später sank, war von einem eher kleineren Leck die Rede - alles schien glimpflich zu verlaufen.
Kritiker meinen, die PR-Strategie der Öl-Leute lautete: Gefahren kleinreden, Optimismus zeigen. Erst scheibchenweise kam es an den Tag: Es sprudelt viel mehr Öl ins Meer als zunächst bekanntgegeben. Alle Versuche, die Lecks zu schließen, sind bislang fehlgeschlagen. Und plötzlich offenbart sich die Ratlosigkeit von BP, plötzlich ist von der potenziell schwersten Öl-Katastrophe in der US-Geschichte die Rede.
Doch auch die Regierung Obama, Umwelt-Experten sowie die Medien nahmen den Fall zunächst nicht ernst. So konzentrierten sich die Politiker noch vergangene Woche auf das Hick-Hack der Finanzreform - obwohl der Ölfilm bereits in Richtung Küste trieb. Selbst Experten von renommierten Instituten mutmaßten, alles werde wohl nicht so schlimm werden. Die großen Fernsehsender ließen das Thema links liegen.