Wir lieben ihren Schmäh und belächeln ihren Schmu. Wir fahren immer wieder zu ihnen in Urlaub, obwohl sie uns schon auf dem Weg dahin abzocken. Sie aber können uns einfach nicht leiden. Schon deshalb ist jede Begegnung Österreich gegen Deutschland ein Klassiker. Nicht nur im Fußball. Von Claus Lutterbeck

Auf dem Platz vor Schloss Schönbrunn kickt der frühere Stürmerstar Toni Polster symbolisch die Europameisterschaft an© Peter Rigaud
Hinterm Wiener Westbahnhof hatte meine Frau sich mal verfahren, sie kurbelte das Fenster runter und fragte höflich: "Entschuldigen Sie bitte…" Ein Mann im Unterhemd, der so aussah, als wäre er von Deix in den Mazda hineingezeichnet worden, brummte: "Aan Biefge sogi goanix", und fuhr weiter. Einem Piefke sagt er gar nichts.
Er mag uns nicht. Wir können machen, was wir wollen, der Österreicher mag uns nicht. Wir übernachten 48 Millionen Mal in seinen Betten, von denen einige viel zu kurz sind, wie meins neulich in der Pension "Neuer Markt" in Wien. Wir retten mit unseren Tourismus-Milliarden jedes Jahr den rot-weiß-roten Staatshaushalt, ihre Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie unsere. Aber der Österreicher kann uns nicht leiden. Die Deutschen seien "großzügig, nicht verbohrt, hilfsbereit und einschüchternd intelligent", seufzt der Schriftsteller und Kolumnist Franzobel in seinem Buch "Großer Fußballtest", "trotzdem, ich mag sie nicht, niemand mag sie".
Falls wir nicht mit 130 auf seinen paar Metern Autobahn dahinschleichen, kassiert er uns gnadenlos ab. Er verkauft uns aberwitzig teure Maut-Pickerl, die man nie wieder von der Autoscheibe abkriegt. Die Kinder von jedem Salzburger Tankwart fahren schneller Ski als unsere Nationalmannschaft. Eigentlich könnten sie ganz gelassen sein, aber nein: "Wann i an Deitschn seh", sagt der Stürmer Hans Krankl, "wer' i zum Rasnmäher."
Umgekehrt: Warum können wir sie leiden? Toni Polster beispielsweise, der es einst für den 1. FC Köln hat polstern lassen. Er konnte das "Rechthaberische" an uns nie ausstehen, das "zack, zack", die "Verbissenheit", für "jeden Dreck gibt es eine Strafe", und dass man ihm dauernd in die Ohrläppchen gestochen hat wegen der Laktatwerte. Das Ergebnis: In Köln ist der Toni noch heute ein Volksheld, als jüngst der Aufstieg in die Bundesliga gefeiert wurde, ließ man ihn extra einfliegen.
Oder der gelernte Milchfachmann und promovierte Kirchenrechtler Helmut Thoma, 69, der RTL einst mit Softsex und Ratespielen so profitabel gemacht hat, dass sich das deutsche Fernsehen bis heute nicht davon erholt hat. Weshalb so viele Alpenländler auf germanischen Spitzenposten sitzen? Thoma, geboren in der Talentweltzentrale Wien: "Weil die Talentdichte in Deutschland nicht ganz so hoch ist."

Sogar den Almdudler Hansi Hinterseer, der in seiner Hotelsuite mit Fan-Rosen schmust, verzeihen die Deutschen ihren Lieblingsnachbarn© Peter Rigaud
Wenn der Pole so vorlaut wäre, würden wir wahrscheinlich morgen bei ihm einmarschieren. Dem Österreicher aber lassen wir alles durchgehen. Wir mögen ihn, weil wir seinem Grünen Veltliner, seinem schwarzen Schmäh, seinem Weißen Rössl, seinem Charme und seinen Mozart-Kugeln wehrlos ausgeliefert sind. Alles zuckern sie ein, vor allem uns. Wir können den Fernseher einschalten, wann wir wollen - entweder kocht Johann Lafer oder singt Hansi Hinterseer. Und wir kriegen nie genug, ihre Einschaltquoten sind besorgniserregend hoch.
Wir sind vernarrt in sie. Nach einem harten Tag auf der Skipiste stehen wir Germanen abends im geheizten Bierpilz an der Liftstation und grölen mit DJ Ötzi "I bin so schön, i bin so doll, i bin der Anton aus Tirol", so laut, dass man es noch in Husum hört. Der Österreicher denkt sich dabei: "Wie tief kann ein Volk im Urlaub eigentlich sinken?", schenkt uns noch einen Jagatee nach und erzählt folgenden Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem deutschen Touristen und einem deutschen Terroristen? Der Terrorist hat im Ausland Freunde.
Zugegeben, manchmal geht unsere Sympathie ein bisserl weit. Als der 19-jährige Kölner Robert A. neulich in der Notschlafstelle Fünfhaus den Wiener Josef S. mit einer Hantel erschlug, aufschlitzte und annagte, schrieb ein Wiener Boulevardblatt vorwurfsvoll: "Deutscher tötet und isst Österreicher." Der unappetitliche Vorfall bestätige nur einen Verdacht, den man immer gehabt habe, lästert der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer, dass nämlich der Deutsche, selbst wenn er "auswärts esse", nicht viel von guter Küche verstehe. "A Feinschmecker kann's net gwesn sein, ich als Kannibale würd' doch keinen 49-jährigen österreichischen Obdachlosen essen."
Als ob unser Verhältnis nicht belastet genug wäre, will der Kannibale nun auch noch im Alpenland studieren, Medizin, ließ er kürzlich aus dem Knast verlauten. Seine Chancen stehen schlecht. Für die 550 Medizin-Studienplätze an der Uni Innsbruck haben sich im vergangenen Semester 447 Österreicher und 2147 Deutsche beworben, genommen werden nur wenige. Der Ösi gönnt uns nix.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2008