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Liebe Griechen!

Ein offener Brief von stern-Autor Walter Wüllenweber hat viele Griechen in Rage gebracht. Nun erklärt der Autor, warum der Ärger auch sein Gutes hat - auch auf Griechisch.

Liebe Griechen!

Das geht Euch sicher nicht anders als uns Deutschen: Wenn wir an die Europäische Union denken, dann erscheint vor unserem inneren Auge diese verwirrende Maschinerie in Brüssel, in der bestbezahlte Bürokraten zusammen mit in der Heimat aussortierten Politikern laufend nervige Regeln produzieren. So habe ich das bisher gesehen. Doch plötzlich habe ich ein ganz anderes Bild von Europa und der EU. Das habe ich Euch zu verdanken.

Angefangen hat alles mit einem Brief an Euch Griechen, den ich vor einigen Wochen im stern geschrieben habe. Ich muss zugeben: Da standen heftige Vorwürfe drin. Und Ihr habt geantwortet, dass mein E-Mail-Briefkasten noch immer überläuft. Der Streit, der nun seit Wochen zwischen Deutschen und Griechen tobt, ist wild und voller Emotionen, aber er ist notwendig und vor allem: Es ist ein wirklich fruchtbarer Streit. Und seitdem ist die EU für mich nicht mehr nur ein Paragrafengebirge. Mit dem Streit zwischen Euch Griechen und uns Deutschen hat Europa für mich erst so richtig angefangen.

Ich habe viel von Euch gelernt

Bisher war es doch so: Wenn Griechen und Deutsche etwas miteinander zu besprechen haben, dann treffen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Giorgos Papandreou. Wir Bürger sind dabei nur Zuschauer. Vor dem Fernseher. Jetzt, in dieser Krise, haben wir Bürger endlich begonnen, alleine, ohne unsere Regierungschefs, miteinander zu sprechen. Die deutsch-griechische Debatte ist der Beginn einer echten, europäischen Öffentlichkeit.

Dabei zeigt sich: Streiten ist besser als schweigen. Die endlich ausgesprochenen Vorwürfe bringen uns tatsächlich weiter. Beide.

Natürlich hat die Auseinandersetzung auch weh getan. Wenn wir Euch vorwerfen, korrupt zu sein und den Rest Europas zu betrügen, klar, das macht Euch keine gute Laune. Und wenn anonyme Briefeschreiber mir anbieten, mich zu Gyros zu verarbeiten, oder griechische Zeitungen die Gold-Else auf der Berliner Siegessäule mit Hakenkreuz zeigen, da muss ich schon schlucken. Doch insgesamt habe ich viel von Euch gelernt: Dass deutsche Handelsketten wie Lidl oder Saturn Griechenland erobert haben, und somit deutsche Unternehmen aktiv die von mir kritisierte, griechischen Wirtschaft mitgestalten, davon hatte ich keine Ahnung.

Und ich wusste auch nicht, wie gigantisch die deutsche Waffenindustrie an Euch verdient. Allein 13 Prozent aller deutschen Waffenexporte gehen nach Griechenland. Ihr kauft so viele unserer Panzer und Knarren, weil Ihr Euch von unserem Nato-Verbündeten Türkei bedroht fühlt. Und wer liefert die Waffen an die Türkei? Wieder wir Deutschen. Die deutsche Rüstungsindustrie ist also Profiteur eines Konfliktes, den die große Mehrheit der deutschen Bürger für überflüssig hält. Ich muss zugeben: In dieser Frage habt Ihr Griechen ein gutes Argument auf Eurer Seite.

Natürlich eine Einmischung in Eure Angelegenheiten

In meinem Brief hatte ich das Gefühl der Ohnmacht von uns Deutschen geschildert, weil auch unsere wirtschaftliche Stabilität von den Entscheidungen Eurer Regierung abhängig sind. Einer Regierung, die wir nicht wählen können. Doch die öffentliche Debatte in Deutschland ist in Griechenland nicht ohne Wirkung geblieben. Sie hat Euch Griechen noch mehr dazu gezwungen, Euch den Problemen zu stellen. Ich behaupte: Der Protest von uns Deutschen erleichtert es Eurer Regierung, die notwendigen, harten Sparmaßnahmen durchzuziehen. Es gibt also nicht nur eine neue Öffentlichkeit in Europa. Sie wirkt sogar.

Natürlich müsst Ihr Griechen das als Einmischung in Eure inneren Angelegenheiten empfinden. Denn genau das ist es auch. Die deutsche Öffentlichkeit hat sich in Fragen eingemischt, die in Griechenland entschieden werden müssen. Ist das überhaupt zulässig? Als junger Reporter habe ich aus dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien berichtet. Selbst bei schlimmsten Verletzungen der Menschenrechte war es damals völkerrechtlich verboten, sich in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einzumischen. In diesem Punkt wurde das Völkerrecht inzwischen geändert. Doch in der Wirtschafts- und Finanzpolitik sind die Staaten weiterhin vollständig souverän.

Griechische Wirtschaftspolitik ist inzwischen auch deutsche

Theoretisch. In der Realität haben sich in der Globalisierung die Wirtschaften der Länder so eng, so untrennbar miteinander verflochten, dass die Entscheidungen der Regierung eines Landes unvermeidliche Folgen für die Wirtschaft und damit das Leben der Menschen in einem anderen Land auslöst. In der EU ist diese Wirkung noch stärker und unmittelbarer. Die Wirtschaftspolitik der Regierung Papandreou ist also immer auch eine Einmischung in die deutsche Wirtschaft, obwohl sie das nicht beabsichtigt.

Und darum ist es absolut verständlich und legitim, dass sich die deutsche Öffentlichkeit und die deutschen Bürger in die politischen Entscheidungen Griechenlands einmischen. Und umgekehrt!

Und genau das ist es, was ich in den letzten Wochen bei unserem Streit gelernt habe: In der EU gibt es keine inneren Angelegenheiten mehr.

Herzliche Grüße

Walter Wüllenweber

Walter Wüllenweber/print
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