. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
15. August 2006, 05:07 Uhr

"Ich sterbe mit Stiefeln an den Füßen"

Drei Tage lang haben sich 2003 der US-Filmemacher Oliver Stone und Kubas Staatschef Fidel Castro unterhalten - über die US-Politik, Flugzeugentführungen, Amnesty International und den Tod des "Comandante". stern.de bringt Auszüge aus der 358-seitigen Gesprächsabschrift.

Oliver Stone musste für sein wohlwollendes Gespräch mit Fidel Castro viel Kritik einstecken© Rose Serra/Corbis

Anfang 2002 hatten sich der Staatsmann und der Hollywood-Regisseur zum ersten Mal getroffen. Daraus entstand der Dokumentarfilm "Commandante". In den USA sollte der Film am 5. Mai 2003 ausgestrahlt werden; der Bezahlkanal HBO nahm ihn aber aus dem Programm, weil Castro kurz zuvor drei Kidnapper nach einem Schnellverfahren hatte hinrichten lassen.

Abgesehen von ein paar schwierigen Tagen unter John F. Kennedy und Richard Nixon, ist Kubas Revolution noch nie so bedroht gewesen wie im Moment. George W. Bush hat klargemacht, dass er die Wahlen (im November 2004, d. Red.) alles tun wird, um zu gewinnen. Offen gesagt glaube ich, dass seine Leute dafür sogar einen Krieg anzetteln würden. Vielleicht nicht gleich einen richtigen Angriffskrieg, aber eine Situation, die in Kuba für Unruhe sorgen wird. Müssen Sie da als Staatsmann nicht smarter sein als Bush?

Es ist sehr schwer, klüger zu sein als Mister Bush. Ich meine, nicht seine Ideen machen ihn stark, sondern die Gewalt, mit der die US-Regierung vorgeht. Ich würde ihm jedenfalls nicht raten, Kuba anzugreifen. Das wäre ein Fehler. Gut, wir besitzen nicht so eine kolossale Streitmacht wie die USA, aber wir bauen auf unser Volk. Auf seinen Patriotismus und die Kraft seiner Ideen. Unser Volk ist nicht bigott, lässt sich nicht vom Chauvinismus leiten, sondern von rationalen Kriterien.

Aber die Welt ist manchmal nicht so rational; es gab einen in aller Welt sehr erfolgreichen James Bond Film, in dem Kuba reichlich Biowaffen beherbergte.

Aber Wahlen in den USA haben doch auch etwas Irreales.

Da gebe ich Ihnen recht.

Der Präsident der USA würde aus einem Angriff gegen Kuba keinen Vorteil ziehen. Solch ein Krieg würde viel zu lange dauern - wenn er scheinbar zu Ende geht, würde er in Wirklichkeit erst anfangen. Wenn Bush glaubt, er könne gegen Kuba einen Krieg wie gegen den Irak führen, sollte er uns nicht unterschätzen.

Solch ein Krieg wäre für Bush auch nur das letzte Mittel. Doch er ist im Vorteil, weil er den Druck erhöhen kann. Zum Beispiel, indem er eine chaotische Massenauswanderung herbeiführt. Oder Gerüchte und Lügen über biologische Waffen in Umlauf setzt. Wir leben offenbar in einer Zeit, wo Logik keine Rolle mehr spielt.

Mir gefällt, wie ehrlich Sie ihre Fragen stellen, aber wir haben eine andere Sicht der Dinge. Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen nicht, dass auch nur ein einziger amerikanischer Soldat auf kubanischem Boden stirbt. Wir wollen keinen Hass, nicht einmal gegen Truppen, die eventuell unser Land besetzen könnten. Aber die Geschichte hat uns immer wieder gelehrt...

... hören Sie auf damit...

... hat uns endlos oft gelehrt, dass Schwäche und Feigheit noch nie einen Krieg verhindert haben. Fehlender Widerstandsgeist hat den Zweite Weltkrieg erst möglich gemacht. 50 Millionen Tote und heute...

...aber lassen Sie uns über die Stufen reden, die zu Krieg führen. Was tun Sie, wenn Bush ein Gesetz durchbringt, das es den vielen Exilkubanern in Miami verbietet, Geld hierher zu schicken? Oder was passiert, wenn es ihm irgendwie gelingt, in Venezuela das Ihnen wohl gesonnene Regime von Hugo Chavez zu stürzen und Kuba dadurch von dort das Öl nicht mehr gratis bekommt?

Da muss ich gleich etwas richtig stellen: Wir zahlen für das Öl aus Venezuela. Die instabile Lage dort hat uns sogar ermutigt, in Kuba eigenes Erdöl zu fördern.

Erfolgreich?

Ja, wir produzieren jetzt 700.000 Tonen pro Jahr, Tendenz steigend. Längst sind wir nicht mehr so abhängig von ausländischem Öl wie nach dem Zusammenbruch der UdSSR. 1990 setzte keiner auch nur einen Pfifferling auf uns, auf das Überleben unserer Revolution. Und niemand half uns. Gut, die Vietnamesen lieferten noblerweise 10.000 Tonnen Reis; wir hatten 100.000 Tonnen Zucker geschickt, als sie im Krieg gegen die USA standen. Nein, als der Sozialismus überall den Bach runter ging, da hielt sich unsere Revolution aus eigener Kraft.

Und was ist mit dem vielen Geld, das aus Miami fließt?

Darauf können wir zur Not auch verzichten, Kuba hat schon schwierigere Situationen überstanden. Doch um die Zahlungen zu verhindern, müssten die USA Tausenden von kubanischen Amerikanern verbieten, ihre Verwandten bei uns auf der Insel zu besuchen. Mehr als eine Million Menschen, die meisten davon ältere Kubaner, hätten darunter zu leiden.

Insider aus Washington sagen mir, wann immer der Präsident auf die nationale Sicherheit pocht, hat er die Mehrheit hinter sich. Und wenn Bush dann damit anfängt, dass er es neben dem Iran und Nordkorea mit nun noch mit dem verrückten Tyrannen auf Kuba zu tun hat, der dazu biochemische Waffen besitzt - warum sollten ihm die Amerikaner dann keinen Glauben schenken?

Seien sie vernünftig, Stone. Irgendwann wird niemand Bush die ganzen Storys mehr glauben. Es gibt da einen Satz von Abraham Lincoln: "Man kann vielleicht ein Teil des Volkes eine Zeitlang betrügen, aber niemals das ganze Volk die ganze Zeit." Und ich füge hinzu: Nicht einmal Teile der Bevölkerung lassen sich dauernd in die Irre führen. Vergessen wir nicht, dass immerhin 91 Prozent der Spanier gegen den Irak-Krieg waren.

Aber gebracht hat das nichts.

Okay, aber das gilt nur für eine bestimmte Zeit. Die Amerikaner wollen doch vom Rest der Welt nicht immer nur gehasst werden. Das geht gegen ihren Idealismus. Ich denke, das amerikanische Volk schließt sich einer ungerechten Sache nur an, wenn es fehl geleitet wurde - von bestimmten Politikern und Medien.

Oliver Stone Oilver Stone, geboren 1946 in New York, entstammt einem großbürgerlichen Elternhaus: Sein Vater war Börsenhändler, seine Mutter, eine Französin, gab rauschende Feste. Er meldete sich freiwillig für den Vietnam-Krieg. Anschließend studierte er an der Filmhochschule New York, bekannt wurde er mit "Platoon", für den er einen Oscar erhielt. Stone greift immer wieder kontroverse Themen auf ("JFK", "Natural Born Killers") und gilt als regierungskritisch, Scharfe Kritiken handelte sich Stone ein, als er 2003 in seinem Dokumentarfilm "Commandante" den kubanischen Diktator Fidel Castro wohlwollend porträtierte.

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Für Fidel zum 80. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Seit rund zehn Jahren lebt der Journalist Henky Hentschel in Kuba. Auch wenn der Alltag dort mit Hindernissen gespickt ist, genießt er die Errungenschaften der Revolution. Fidel Castro wünscht er deshalb auch einen angenehmen Geburtstag. mehr...

Oliver Stone Bush ist (k)ein Witz

Sein neuer Film "World Trade Center", eine Heldengeschichte vom 11. September, löste auch im Weißen Haus Begeisterung aus. Das Interview, das Oliver Stone dem stern gab, wird man im Weißen Haus nicht gerne lesen. mehr...

Fidel Castro "Werden unseren Freund verlieren"

Die Hinweise verdichten sich, dass Castro einen bösartigen Tumor haben könnte. Die kubanische Regierung dementiert dies freilich. Ein Nachfolger für Castro soll auch bereitstehen - und es ist nicht sein Bruder Raúl. mehr...

Kuba Bush mobilisiert Exilkubaner

Die Ära Fidel Castro geht offenbar dem Ende entgegen. Zum ersten Mal sprach ein Regierungsmitglied von einer "friedlichen Machtübergabe". George W. Bush mobilisiert derweil die Exilkubaner in den USA. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe