In San Francisco blieben die Olympia-Proteste friedlich - weil der Bürgermeister beschloss, den Weg der Flamme geheimzuhalten und seine Bürger in die Irre zu führen. Eine stern.de-Reportage vom großen Warten auf ein Nichtereignis. Von Karsten Lemm, San Francisco

Kurzer Blick auf die Fackel: "Ich glaube, wir hier in San Francisco wissen, wie man ordentlich protestiert"© Kara Andrade/AFP
Noch drei Stunden bis zum Lauf der Fackel, doch die Schlacht um die Aufmerksamkeit der Welt hat längst begonnen. Ein Panzer rollt über den Embarcadero Plaza in San Franciscos Innenstadt und steuert auf die versammelte Menge von Demonstranten zu - ein Panzer aus Sperrholz und Pappe, zusammengezimmert von Tibet-Freunden, die den Missbrauch von Staatsgewalt in China anprangern wollen. "Stoppt das Töten, Freiheit für Tibet!", rufen Dutzende von Protestlern, während der Panzer in Richtung Ferry Building rollt, das Fährgebäude am Hafenrand, vor dem sich Pressefotografen und Kameraleute versammelt haben. "Schande über China!" skandiert die Menge, die Auslöser klicken, die Videobänder laufen.
Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wehen rote Flaggen am strahlend blauen kalifornischen Frühlingshimmel: In einem Pulk versammelt, stehen hier Freunde der chinesischen Regierung und brüllen zurück. "Lügner, Lügner!", schreien sie und schwenken ihre Fahnen. Viele tragen T-Shirts und zeigen stolz das Symbol der olympischen Spiele auf ihrer Brust: die fünf Ringe, die Eintracht und Harmonie symbolisieren sollen auf allen Kontinenten. "Wir sind so stolz, dass wir die Spiele ausrichten dürfen", sagt Weilin Pan, die ein Schild neben sich aufgestellt hat: "Ja zu den Olympischen Spielen in Beijing!" Die 34-jährige Stanford-Forscherin, eine gebürtige Chinesin, die seit zwölf Jahren in den USA lebt, kann nicht verstehen, dass Landsleute ihre Begeisterung nicht teilen, dass sie die Sportveranstaltung nutzen wollen, um Chinas kommunistische Regierung anzuprangern. "Lasst die Politik aus dem Spiel!", fordert sie. "Dies ist ein Ereignis für die ganze Welt, hier geht es doch gar nicht um China allein."
Aber das sehen viele anders, rund um die Welt, und deshalb herrscht heute Alarmstufe Rot am Golden Gate: Nach den Tumulten in London und Paris, bei denen die olympische Fackel mehrfach beinahe in die Hände von Protestlern gefallen wäre, richten sich alle Augen auf San Francisco - eine Stadt, die sich rühmt für ihre liberalen Ansichten, ihre Liebe zum Frieden und ihre weit geöffneten Arme für Menschen aus allen Himmelsrichtungen. San Francisco ist die Stadt der Hippies und der Happenings, immer noch und immer wieder, zumindest im nostalgisch verklärten Selbstverständnis der meisten Einwohner; deshalb wären Ausschreitungen, Gewalt und Blutvergießen eine Katastrophe. Sowohl für das Image der Stadt, die einzige Station der olympischen Fackel in Nordamerika, als auch für ihren Bürgermeister, den ehrgeizigen jungen Demokraten Gavin Newsom, dem Ambitionen auf höhere Ämter nachgesagt werden.
"Ich glaube, wir hier in San Francisco wissen, wie man ordentlich protestiert", verlautbart Newsoms PR-Mann in der Lokalzeitung, dem San Francisco Chronicle. "Wir sind nicht die Art von Leuten, die Rollstuhlfahrer attackieren, um das olympische Feuer auszupusten." Doch am schon am Montag ist klar, dass Ärger droht: Drei Demonstranten gelingt es, Transparente an der Golden Gate-Brücke aufzuhängen, auf denen Tibets Unabhängigkeit gefordert wird. Nichts weniger als "unser Ruf als ganzes Land" stehe beim Fackellauf auf dem Spiel, warnt daraufhin der Präsident des Olympischen Komitees der USA, Peter Ueberroth, und Newsom hat fraglos verstanden: "Die Wahrscheinlichkeit, dass sich etwas ändert ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass alles so bleibt", antwortet er am Dienstag kryptisch, als er gefragt wird, ob die Route der Fackel tatsächlich, wie geplant, am Wasser entlang verlaufen wird, vorbei am Ferry Building, hinüber zur Touristenattraktion Fisherman's Wharf und dann im großen Bogen zurück in die Innenstadt.
So weiß am nächsten Tag niemand, ob die 80 Fackelläufer tatsächlich diesen Weg nehmen werden, der von Absperrgittern und Tausenden von Schaulustigen gesäumt ist. Keiner der Läufer, darunter Lehrer, Ärzte, Sportler und Mitarbeiter des Sponsors Coca-Cola, darf ein Mobiltelefon bei sich tragen - die Route soll geheim bleiben. Damit haben auch Summer Staino und Jamie Jochums keine andere Wahl, als an der Stelle auszuharren, die ihnen vorher genannt wurde: Am Pier 30 warten die jungen Frauen im Schatten von Palmen auf den Beginn der Veranstaltung, um einer Freundin zuzujubeln, die unter den Fackelträgern ist. "Es ist ein Zeichen unserer Anerkennung für sie", sagt Staino und erzählt, dass die Freundin seit einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt ist, aber nicht aufgibt. "Unsere Unterstützung gehört heute unserer Freundin", erklärt die Managerin aus San Francisco - was nicht heißt, dass sie nichts übrig hat für die Protestler. "Jeder hat das Recht zu demonstrieren", sagt sie. "Hauptsache, es bleibt friedlich."