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10. April 2008, 10:04 Uhr

Wo geht's denn hier zur Flamme?

In San Francisco blieben die Olympia-Proteste friedlich - weil der Bürgermeister beschloss, den Weg der Flamme geheimzuhalten und seine Bürger in die Irre zu führen. Eine stern.de-Reportage vom großen Warten auf ein Nichtereignis. Von Karsten Lemm, San Francisco

Kurzer Blick auf die Fackel: "Ich glaube, wir hier in San Francisco wissen, wie man ordentlich protestiert"© Kara Andrade/AFP

Noch drei Stunden bis zum Lauf der Fackel, doch die Schlacht um die Aufmerksamkeit der Welt hat längst begonnen. Ein Panzer rollt über den Embarcadero Plaza in San Franciscos Innenstadt und steuert auf die versammelte Menge von Demonstranten zu - ein Panzer aus Sperrholz und Pappe, zusammengezimmert von Tibet-Freunden, die den Missbrauch von Staatsgewalt in China anprangern wollen. "Stoppt das Töten, Freiheit für Tibet!", rufen Dutzende von Protestlern, während der Panzer in Richtung Ferry Building rollt, das Fährgebäude am Hafenrand, vor dem sich Pressefotografen und Kameraleute versammelt haben. "Schande über China!" skandiert die Menge, die Auslöser klicken, die Videobänder laufen.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wehen rote Flaggen am strahlend blauen kalifornischen Frühlingshimmel: In einem Pulk versammelt, stehen hier Freunde der chinesischen Regierung und brüllen zurück. "Lügner, Lügner!", schreien sie und schwenken ihre Fahnen. Viele tragen T-Shirts und zeigen stolz das Symbol der olympischen Spiele auf ihrer Brust: die fünf Ringe, die Eintracht und Harmonie symbolisieren sollen auf allen Kontinenten. "Wir sind so stolz, dass wir die Spiele ausrichten dürfen", sagt Weilin Pan, die ein Schild neben sich aufgestellt hat: "Ja zu den Olympischen Spielen in Beijing!" Die 34-jährige Stanford-Forscherin, eine gebürtige Chinesin, die seit zwölf Jahren in den USA lebt, kann nicht verstehen, dass Landsleute ihre Begeisterung nicht teilen, dass sie die Sportveranstaltung nutzen wollen, um Chinas kommunistische Regierung anzuprangern. "Lasst die Politik aus dem Spiel!", fordert sie. "Dies ist ein Ereignis für die ganze Welt, hier geht es doch gar nicht um China allein."

Alarmstufe Rot am Golden Gate

Aber das sehen viele anders, rund um die Welt, und deshalb herrscht heute Alarmstufe Rot am Golden Gate: Nach den Tumulten in London und Paris, bei denen die olympische Fackel mehrfach beinahe in die Hände von Protestlern gefallen wäre, richten sich alle Augen auf San Francisco - eine Stadt, die sich rühmt für ihre liberalen Ansichten, ihre Liebe zum Frieden und ihre weit geöffneten Arme für Menschen aus allen Himmelsrichtungen. San Francisco ist die Stadt der Hippies und der Happenings, immer noch und immer wieder, zumindest im nostalgisch verklärten Selbstverständnis der meisten Einwohner; deshalb wären Ausschreitungen, Gewalt und Blutvergießen eine Katastrophe. Sowohl für das Image der Stadt, die einzige Station der olympischen Fackel in Nordamerika, als auch für ihren Bürgermeister, den ehrgeizigen jungen Demokraten Gavin Newsom, dem Ambitionen auf höhere Ämter nachgesagt werden.

"Ich glaube, wir hier in San Francisco wissen, wie man ordentlich protestiert", verlautbart Newsoms PR-Mann in der Lokalzeitung, dem San Francisco Chronicle. "Wir sind nicht die Art von Leuten, die Rollstuhlfahrer attackieren, um das olympische Feuer auszupusten." Doch am schon am Montag ist klar, dass Ärger droht: Drei Demonstranten gelingt es, Transparente an der Golden Gate-Brücke aufzuhängen, auf denen Tibets Unabhängigkeit gefordert wird. Nichts weniger als "unser Ruf als ganzes Land" stehe beim Fackellauf auf dem Spiel, warnt daraufhin der Präsident des Olympischen Komitees der USA, Peter Ueberroth, und Newsom hat fraglos verstanden: "Die Wahrscheinlichkeit, dass sich etwas ändert ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass alles so bleibt", antwortet er am Dienstag kryptisch, als er gefragt wird, ob die Route der Fackel tatsächlich, wie geplant, am Wasser entlang verlaufen wird, vorbei am Ferry Building, hinüber zur Touristenattraktion Fisherman's Wharf und dann im großen Bogen zurück in die Innenstadt.

Wird die Fackel tatsächlich diesen Weg nehmen?

So weiß am nächsten Tag niemand, ob die 80 Fackelläufer tatsächlich diesen Weg nehmen werden, der von Absperrgittern und Tausenden von Schaulustigen gesäumt ist. Keiner der Läufer, darunter Lehrer, Ärzte, Sportler und Mitarbeiter des Sponsors Coca-Cola, darf ein Mobiltelefon bei sich tragen - die Route soll geheim bleiben. Damit haben auch Summer Staino und Jamie Jochums keine andere Wahl, als an der Stelle auszuharren, die ihnen vorher genannt wurde: Am Pier 30 warten die jungen Frauen im Schatten von Palmen auf den Beginn der Veranstaltung, um einer Freundin zuzujubeln, die unter den Fackelträgern ist. "Es ist ein Zeichen unserer Anerkennung für sie", sagt Staino und erzählt, dass die Freundin seit einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt ist, aber nicht aufgibt. "Unsere Unterstützung gehört heute unserer Freundin", erklärt die Managerin aus San Francisco - was nicht heißt, dass sie nichts übrig hat für die Protestler. "Jeder hat das Recht zu demonstrieren", sagt sie. "Hauptsache, es bleibt friedlich."

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Georges13437 (10.04.2008, 21:58 Uhr)
Die Mär vom Staffellauf
Der Olympische Staffellauf hat keine geschichtliche Berechtigung. Weder in der olympischen Frühgeschichte noch bei den ersten Olympiaden der Neuzeit gab es den Staffellauf. Einmal bitte festhalten, der erste Staffellauf fand 1936 in Berlin statt, also eine Deutsche Olympiageschichte. Ich will ja kein Klugscheisser sein, aber ein paar Kommentarschreiber scheinen diese Vorgeschichte nicht zu wissen.
MfG Georges P.
Malt (10.04.2008, 14:03 Uhr)
Führt sich selbst ad absurdum!
Die Olympischen Spiele, respektive der olympische Geist führt sich doch, durch den IOC, selbst ad absurdum.
Erst wird der Fakellauf versteckt durchgeführt, damit das Volk, für welches diese Spiele eigentlich gedacht waren (früher mal... vor Coca-Cola und Co.) auch ja nicht damit in Berühreung kommt... was kommt als nächstes? Finden die Spiele evtl. garnicht in China, sondern an einem geheimen Ort statt, damit diese Werbeveranstalltung auch ja nicht zweckentfremdet werden kann? Eine Farce ohne Ende... und wenn man dann noch die Typen vom IOC reden hört könnte man meinen, dass sich diese Herren nicht mal darüber bewußt sind, WAS mit dem olympische Geist eigentlich gemeint ist!
antwone (10.04.2008, 12:38 Uhr)
mal wieder typisch westlich!!!
für die "freiheit" tibets laufen tausende auf die straße aber gegen korruption und misswirtschaft wird nichts getan. weshalb wohl ...
sachsenwini (10.04.2008, 12:15 Uhr)
Als die olympischen Spiele an Peking vergeben wurden,
war die Situation in China schlechter als jetzt, und das wusste man damals auch schon.
Obwohl die Zugehörigkeit Tibets zu China seit jeher umstritten ist, war es erstaunlicherweise kein Hinderungsgrund um Peking die Spiele zu zusprechen. Auch bei internationalen diplomatischen Beziehungen zu China hat es bisher keine Rolle gespielt.
Bevor die ganze Welt meint, sie müsse bestimmen, was mit Tibet zu geschehen hat, Sportler tyrannisiert und einen Staat verunglimpft, sollte man einen Volksentscheid in Tibet und ein Gespräch zwischen der tibetischen Exilregierung und den chinesischen Machthabern erzwingen.
Tibets Bevölkerung besteht nicht nur aus buddhistischen Mönchen, und es könnte ja durchaus sein, dass die Mehrheit keine Rückkehr eines feudalen Gottesstaates will.
Dann wären die ganzen Provokationen gegen die olympischen Spiele als das entlarvt, was sie sind, Hetze gegen eine aufsteigende Weltmacht.
heartlander98 (10.04.2008, 11:03 Uhr)
So clever
Wie clever, die Flamme umzuleiten und tausende Menschen, die sie erwarteten, zu täuschen! Ein Sieg, wie die chinesische Propaganda findet. Aber die chinesische Besetzungspolitik ist längst Thema, das ist nicht mehr zu verhindern, und es ist abzusehen, dass es immer lauter wird, auch bei den Olympischen Spielen.
mramorak (10.04.2008, 10:58 Uhr)
Ungewoehnlich
Diese Demonstrationen sind so ungewoehnlich, dass die westlichen Politiker und Medien total durcheinander sind. Und dass man in San Francisco sich so benimmt, war zu erwarten. Denn diese Stadt ist gewoehnt, Demonstrationen aller Art durch zu fuehren, keine aber war gegen den Kommunismus gerichtet. Und deswegen haben die Politiker der Welt die Hosen voll.
Ich danke Ihnen, das duerfte das erste mal sein, dass Sie wenigstens erwaehnen haben, dass es gegen das kommunistische Regieme geht und nicht gegen das chinesische volk. Denn wenn es um das Volk ginge, koennte das Regieme das Volk hinter sich bekommen. Und bisher hat die kommunstische Propaganda-Maschine das schoen hinbekommen. Aufwachen westliche Medien, vor es zuspaet ist!
Georges13437 (10.04.2008, 10:52 Uhr)
Die Tibetlüge!
Da wandelt der Ersatzpapst in seiner Mönchskutte durch die Welt und die Mwnschen glauben da läuft die Unfehlbarkeit. Weit gefehlt mit diesem Glauben, der Dalaih Lama verehrt förmlich unseren Weltregenten G. Bush jun. Verzwickt ist nur, dass Bush derzeit keine Stellung gegen China beziehen kann, da er ja bei seiner Welttour, Symphatien sammelt, die er brauchen wird, wenn der Krieg gegen den Iran beginnt. Dieser Präsident der USA wird zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele fahren, denn er braucht China. Rußland kann Bush nicht gewinnen, was die Meinung zu Amerika anbetrifft, so glaubt er hat er wenigstens den Rückhalt Chinas, zu seinem Irankrieg. Nur darum geht es. Ich traue den Chinesen allerdings zu, dass sie sich meinungsmäßig nicht kaufen lassen. Nach den Olympischen Spielen beginnt der Krieg und dann beginnt ein neues Zeitalter, es wird die Zeit nach der großen Bombe. Dieser Krieg gegen den Iran wird ein Schrecklicher werden, er wird nicht so verlaufen wie der Krieg gegen den Irak. Wie immer wird es vor diesem Krieg wieder eine stinkende Lüge Amerikas geben. Wir alle werden noch schlimmen Zeiten entgegensehen.
MfG Georges 13437
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