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10. April 2008, 07:00 Uhr

Absurdes Versteckspiel mit Fackel

Der olympische Fackellauf wird zur Farce: Aus Angst vor Protesten gegen Chinas Tibet-Politik nahmen die Fackelläufer am Mittwoch in San Francisco in letzter Minute eine andere Route. China lobte die "clevere Strategie". IOC-Präsident Rogge spricht derweil das erste Mal von einer "Krise".

Die US-Volleyballspielerin Lang Pin reicht die Flamme weiter© Jakub Mosur/AP

Um Auseinandersetzungen wie in Paris und London zu vermeiden, ist der olympische Fackellauf durch San Francisco in letzter Minute umgeleitet worden. Zuschauer und Demonstranten, die zuvor stundenlang gewartet hatten, bekamen die Flamme nie zu sehen. Der geplante Lauf entlang der Hafenpromenade wurde kurzfristig gestrichen. Die Abschlussfeier an der Justin Herman Plaza, wo bereits tausende Menschen warteten, wurde abgesagt und die Flamme am Flughafen an Bord einer bereitstehenden Maschine gebracht.

Führende Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zeigten sich bei einem Treffen in Peking erleichtert. Nach den teilweise gewalttätigen Protestaktionen bei den Fackelläufen in London und Paris nannte IOC-Präsident Jacques Rogge "die Situation in San Francisco besser". Die gegenwärtige Lage sei zweifellos eine Krise, erklärte Rogge nach der Auftaktsitzung der IOC-Exekutive, aber "wir haben in der Geschichte der Olympischen Spiele schon größere Stürme bewältigt". Nach den Unruhen in Tibet und den Protestaktionen beim Olympischen Fackellauf sei die derzeitige Situation "eine Herausforderung", die man mit anderen Herausforderungen in der olympischen Vergangenheit wie dem Massaker bei den Spielen 1972 in München oder den zahlreichen Boykott-Spielen allerdings nicht vergleichen könne.

Der Ober-Olympier versicherte, die Fortsetzung des Olympischen Fackellaufs stehe nicht zur Diskussion.

Die chinesischen Medien bezeichneten den Lauf als Erfolg und lobten die in letzter Minute erfolgten Routenänderung als clevere Strategie, um die Pläne der "tibetischen Separatisten" zu durchkreuzen. Jiang Xiayou vom Fackellauf-Organisationskomitee dankte den Verantwortlichen in San Francisco. Vielleicht hätten einige Zuschauer die Flamme nicht sehen können, sagte er bei der Verabschiedung am Flughafen. "Aber wir alle haben die Leidenschaft der olympischen Bewegung gespürt."

Fackellauf durch menschenleere Straßen

Nach dem Entzünden der Fackel waren die Läufer heimlich per Bus in einen anderen Stadtteil, weitab von der geplanten Strecke, gebracht worden. Dort setzten sie ihren Lauf durch die Stadt unter starkem Polizeischutz ohne große Zwischenfälle in meist menschenleeren Straßen fort. David Perry, Sprecher der Fackellauf-Organisatoren, verteidigte die Programmänderung. Die "außergewöhnliche Maßnahme" sei zum Schutz der Läufer getroffen worden, sagte Perry dem Lokalsender KTVU. Nach den Vorfällen in London und Paris hätten sich zahlreiche Fackelträger vor gewalttätigen Ausschreitungen gefürchtet.

In den Stunden vor dem Lauf war es zu heftigen Wortgefechten zwischen chinesischen Olympia-Befürwortern und pro-tibetischen Demonstranten gekommen. Die Polizei musste eingreifen, um Gewalttätigkeiten zu verhindern. Die wachsende Anspannung in der Menschenmenge habe am Ende dazu geführt, dass die Route in letzter Minute geändert werden musste, teilte die Stadtverwaltung mit. Bürgermeister Gavin Newsom wehrte sich gegen scharfe Kritik, Zuschauer und Demonstranten um den Lauf betrogen zu haben. "Meiner Meinung nach hatten die Leute das Recht zu protestieren und die Fackel zu unterstützen. Das sah man auf der Straße. Wir haben keine Proteste verboten", sagte Newsom.

Applaus für San Francisco

Peter Ueberroth, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC), begrüßte den Ablauf der Veranstaltung. "Die Stadt San Francisco wird global betrachtet dafür Applaus erhalten".

Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach nahm in Peking "mit großer Freude zur Kenntnis, dass in San Francisco nichts passiert ist." Auch der norwegische IOC-Marketing-Chef Gerhard Heiberg war "sehr zufrieden, weil es keine Verletzten gab". Die schwedische IOC- Vizepräsidentin Gunilla Lindberg lobte die Entscheidung, den Fackellauf nicht abzubrechen: "Das war die richtige Entscheidung." San Francisco war die sechste Station der Fackel auf ihrer internationalen Reise nach Peking und die einzige auf nordamerikanischem Boden. Die nächste Station ist Buenos Aires.

Obama für Boykott der Eröffnungsfeier

Nach dem Vorpreschen seiner Rivalin Hillary Clinton hat unterdessen auch Barack Obama, der zweite Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten, Präsident George W. Bush zu einem Boykott der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking aufgerufen. Die Möglichkeit eines Boykotts sollte "auf dem Tisch bleiben", sagte Obam. Die endgültige Entscheidung solle aber erst zu einem späteren Zeitpunkt fallen. Das Weiße Haus hatte am Mittwoch bekräftigt, dass Bush zu den Olympischen Spielen nach Peking reisen werde. Seine Sprecherin Dana Perino ließ jedoch die Möglichkeit offen, dass der Präsident nicht bei der Eröffnungsfeier dabei sein werde.

DPA/AP
 
 
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