23. Dezember 2005, 06:51 Uhr

Der Verräter war ihr Fahrer

Wer hat sie verraten? Wie wurde sie entführt? Woher kannte sie den Mann, der ihr zum Verhängnis wurde? Die Vorgeschichte von Susanne Osthoffs Entführung ist eine schillernde Kombination von verratenen Verrätern, aufrechten Idealisten, deutschen Verbindungen und irakischen Knastfreundschaften, von Wohnungsnot und Geldgier. Von Christoph Reuter

Erstmals hat Susanne Osthoff über ihre Entführung gesprochen - und klagt ihren Fahrer an©

Die Geschichte beginnt in einer Gefängniszelle in Bagdad in den neunziger Jahren. Dort treffen sich zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Ibrahim al-Basri, jahrelang Saddam Husseins Leibarzt, hochgebildet, in Leipzig promoviert, prominent als Künstler und Schriftsteller - und Dschamal al-Duleimi, ein Geheimdienstoffizier und Scheich aus der unbedeutenden Stadt Falludscha, der keine Fremdsprache spricht, nie im Ausland war, aber alle Regeln und Riten der Stämme und Clans kennt.

Ibrahim al-Basri plante Saddams Sturz

Basri ist fast die ganzen siebziger Jahre Leibarzt des seit 1979 offiziell amtierenden Diktators gewesen und hat es wagen dürfen, dessen später größenwahnsinnigen Sohn Uday noch als Elfjährigem eine Ohrfeige zu geben. 1980 scheidet er auf eigenen Wunsch aus, nach Saddams Überfall auf den Iran mag er nicht weiter dessen Arzt sein. Er eröffnet sein eigenes Theater, hat eine eigene Fernsehsendung, und langsam wächst sein Hass auf Saddam.

Basri plant, zusammen mit anderen, dessen Sturz, wird abgehört und 1990 verhaftet. Als erklärter Feind des Präsidenten würden andere es nicht mal lebend bis ins Gerichtsgebäude schaffen. Vielleicht ist es ein Anflug von Sentimentalität Saddams, vielleicht die Erinnerung daran, dass kaum jemand seinen ewig schmerzenden Rücken so geschickt behandelt hat wie Basri. Auf jeden Fall lässt Saddam ihn leben - obwohl die beflissenen Richter ihn gleich zweimal zum Tode verurteilen.

Dschamal al-Duleimi bespitzelte alle Ausländer

Dschamal al-Duleimi dagegen ist ein mittelgroßes Rädchen in der Maschinerie sich gegenseitig bespitzelnder Geheimdienste. Viele von den Duleimis, einem der großen sunnitischen Stämme des Irak, der nicht zum engsten Machtzirkel um Saddam gehört, schaffen es bis in den mittleren Rängen der Armee und vor allem der Geheimdienste. Dschamal al-Duleimi ist als Offizier des Muchabarat, des allgemeinen Geheimdienstes, verantwortlich für die Bespitzelung der Ausländer im Großraum Bagdad. Dass der eher schmächtige Mittvierziger keine Fremdsprache spricht, scheint kein Hindernis gewesen zu sein. Dass er sich allerdings irgendwann in den neunziger Jahren mit einem vorgesetzten General anlegt, bringt seine Karriere - Duleimi hin oder her - zum Absturz. Erst wird er degradiert, dann ins Gefängnis geworfen.

Dort werden er und Basri Freunde - auch über ihre Gefängniszeit hinaus. Scheich Dschamal zieht nach seiner Freilassung nach Falludscha zurück, Basri kommt erst im Oktober 2002 anlässlich von Saddams Generalamnestie frei. Ein Geheimdienstoffizier warnt ihn, er solle ermordet werden, so flieht er in die kurdische Autonomie-Zone im Nordirak. Nach dem Krieg gründet der 62-jährige die "Vereinigung zur humanitären Hilfe für die Opfer des Saddam-Regimes", die bald mehr als 25.000 Mitglieder zählt, wird Mitglied des neu gegründeten "deutsch-irakischen Clubs" und kandidiert im Januar 2005 vergeblich fürs Parlament.

Osthoff war auf Wohnungssuche

Um auch in Bagdad eine Bleibe zu haben, hat Dschamal al-Duleimi sich eine der nach dem Krieg freigewordenen Wohnungen in den Neubaublocks der ehemaligen Palastangestellten nahe der "Green Zone" zwischen Raschid-Hotel und dem ehemaligen Informationsministerium genommen. Beim Fest zur deutschen Einheit am 3. Oktober 2005 in der deutschen Botschaft knüpft Susanne Osthoff den Kontakt zu Ibrahim al-Basri. Sie hat sich gerade mit ihren vorherigen Vermietern überworfen und sucht ein Quartier. Stets knapp bei Kasse, hilft ihr Basri: der sich erinnert, dass Scheich Dschamal in seiner neuen Stadtwohnung in Bagdad noch ein Zimmer frei habe.

Sonderlich komfortabel ist das neue Quartier nicht. Direkt vor Osthoffs Zimmer steht der Generator, dessen Diesel-Gestank ihr schwere Kopfschmerzen einträgt. Außerdem hat Scheich Dschamals Frau einen eigenwilligen Eigentumsbegriff und durchwühlt bei jeder Abwesenheit ihr Gepäck. Nach Tagen fehlen ein Paar goldene Ohrringe und ein Lippenstift.

Unter dem Schutz der Gastfreundschaft

Andererseits ist es nicht schlecht für Susanne Osthoff, bei einem Scheich zu wohnen - steht sie so doch unter dem Schutz seiner Gastfreundschaft. Das ist nicht wenig. Wie viel Macht der schmächtige Mann besitzt, haben andere ausländische Freunde vor ihr erfahren: Mit einem von ihnen ist er 2004 mitten durch Falludscha gefahren während der Aufstände in der Radikalen-Hochburg; unbehelligt und ehrerbietig gegrüßt von Männern, denen man als Westler sonst tunlichst nicht begegnen sollte.

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