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16. August 2006, 15:27 Uhr

Wiege des Terrors

Hier entstanden die Taliban. Hier wurde al Qaeda gegründet. Und hier erhielten auch die jungen Muslime aus London, deren Anschläge jetzt vereitelt wurden, ihr ideologisches Rüstzeug: in Pakistan. Was ist das für ein Land, in dem Islamisten zunehmend Einfluss gewinnen - und das die Atombombe besitzt? Von Steffen Gassel, Claus Lutterbeck und Uli Rauss

An einer Straßenecke in Peshawar propagiert ein Plakat der Gruppe Jamat ud Dawa den Dschihad. Die Organisation ist unter dem Namen Lashkar-e-Toiba verboten worden, unter dem neuen Namen existiert sie unbehelligt weiter© Piers Benatar/PANOS Pictures

Eine Terrorzelle in London? Junge Männer pakistanischer Herkunft hätten geplant, ein paar Flugzeuge in die Luft zu jagen? Da kommen Tahar, 35, die Tränen. Vor Lachen. Er sitzt mit seiner Mutter vor der großen Badshahi-Moschee in Lahore. Die beiden genießen das lange Wochenende, am Montag feierte Pakistan den 59. Jahrestag seiner Gründung. "Ist es nicht ein Zufall, dass die Engländer das Komplott genau dann aufdecken, wenn die Israelis wieder ein muslimisches Land terrorisieren?" Fakten tut er ab. Dass viele der Verdächtigen in Pakistan in Haft sind, stört Tahar nicht. Der junge Londoner, dessen Aussage die Terrorpläne in England aufgedeckt habe, sei kein Pakistani, sondern Brite. Und dass aus dessen Umfeld der eilige Auftrag kam, in London zur Tat zu schreiten? Tahar sieht das alles als Teil einer großen Intrige, gesponnen von den drei Kräften, USA, Großbritannien und Israel, die für fast alle Übel unserer Zeit verantwortlich seien.

Al Qaeda? Das sei ein Verein, den ebenfalls die Amerikaner erfunden hätten. Wenn es ihn gäbe, hätten ihn die USA mit all ihren modernen High-Tech-Waffen schon längst finden und ausschalten können. Tahar meint auch zu wissen, warum das bisher nicht geschehen ist: "Weil sie Osama bin Laden als Vorwand brauchen, um auf uns einzuschlagen."

Die Amerikaner kontrollierten die Welt, auf ihrer Gehaltsliste ständen nicht nur die saudischen Herrscher, Ägyptens Mubarak und der König von Jordanien, sondern auch Pakistans Präsident Musharraf, "der mit Wahlbetrug an die Macht gekommen ist. Wir haben ihn nicht gewählt". Er sei eine "Marionette der USA", der sich vom korrupten Militär beschützen ließe. Lang werde er sich nicht mehr an der Macht halten: "Das Volk hasst ihn."

Tahar ist ein sanfter Mann mit leicht schütterem Haar, Buchhalter in einer Versicherung. Nein, er sei absolut kein islamischer Extremist, sondern "glatter Durchschnitt", so wie er denke "die große Mehrheit der Pakistani".

Safarish, 22, der die größte Koranschule von Lahore besucht, ist überzeugt, dass die mutmaßlichen Londoner Attentäter nur "äußerlich Muslime sind, im Inneren sind sie es nicht". Der Prophet verbiete es ihnen.

Mohammed, 53, der Leiter der Koranschule Jamia Darul Uloom, formuliert es noch schärfer. Der hagere Mann mit dem weißen Kinnbart ist verantwortlich für 900 Schüler, die in seiner Madrassa oft jahrelang kostenlos unterrichtet, gekleidet und untergebracht werden. Draußen prasselt der Monsunregen nieder, er bringt etwas Erfrischung in diesen erstickend heißen Tagen. Die jungen Männer von London, findet Mohammed, könnten keinesfalls Muslime sein, denn der "Koran sagt, wer einen Menschen tötet, bringt die ganze Menschheit um".

Nicht an allen pakistanischen Madrassas herrscht ein so friedlicher Geist. Einige hundert Kilometer weiter westlich liegt direkt an der Hauptverbindungsstraße nach Afghanistan in einem staubigen Nest die Madrassa Haqqania. Taliban-Chef Mullah Omar höchstselbst studierte einst hier, der Direktor zählt ihn bis heute zu seinen persönlichen Freunden. Gern erzählt der bärtige Ideologe, wie er seine Schützlinge über die Grenze nach Afghanistan schickte, wann immer die Taliban Kämpfer brauchten. Deren Sturz hat dem Rektor der Koranschule nichts von seinem Selbstbewusstsein genommen: "Wir sind in einer guten, starken Position. Bush hat die gesamte islamische Welt wachgerüttelt. Wir sind ihm dankbar."

Auf einer Straße in Darra füllt ein Junge Pulver und Kugeln in Patronenhülsen. Der Ort gilt als Waffenschmiede des Landes© Foto: Reza/Webistan

Die Madrassas von Pakistan haben in den vergangenen Jahren einen wahren Boom erlebt. Weil die meisten nicht staatlich registriert sind, ist ihre Zahl unbekannt. Es gibt mindestens 10 000, möglicherweise aber bis zu 40 000 solcher religiösen Institute mit bis zu 1,5 Millionen Schülern. Immer mehr von ihnen lernen den gewaltsamen Dschihad: Einer Studie der Weltbank zufolge steht in jeder fünften Madrassa auch militärisches Kampftraining auf dem Lehrplan.

"Gelingt es uns, jeden Tag mehr Terroristen zu fangen, zu töten, abzuschrecken oder umzustimmen, als die Madrassas und die radikalen Kleriker gegen uns rekru- tieren, trainieren und ins Feld führen?", fragte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in einem internen Arbeitspapier. Sein politischer Ziehvater Ronald Reagan hatte die jungen Kämpfer aus den pakistanischen Koranschulen noch als "moralisch ebenbürtig mit den Gründungsvätern Amerikas" gelobt. Das war zu einer Zeit, als sich die US-Regierung über jeden Islamisten freute, der für sie in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfte. Sie lieferte nicht nur Waffen an die Mudschaheddin, sondern sorgte auch für ideologische Aufrüstung: Ein Madrassa-Lehrbuch aus den 80er Jahren zeigt einen jungen Kämpfer, der, das Gewehr im Anschlag, fest voranschreitet, trotz abgeschossenem Kopf. Text zum Bild: "Solche Männer opfern Wohlstand und Leben, um das islamische Recht durchzusetzen." Die Kosten für Druck und Papier hatte die CIA übernommen.

Für die meisten Pakistani bieten die Koranschulen die einzige Möglichkeit, ein Mindestmaß an Bildung zu bekommen. 58 Prozent des 150-Millionen-Volkes können nicht lesen und schreiben, Tendenz steigend. Die Regierung investiert fast dreimal so viel Geld ins Militär wie in die Bildung. 15 Prozent der Schulen im Land haben kein festes Gebäude, 40 Prozent keinen Wasseranschluss, 71 Prozent keinen Strom. Eine Untersuchung im Bundesstaat Punjab ergab kürzlich, dass in 4000 von 15 000 Schulen kein Lehrer anwesend war. Viele Lehrstätten sind nur sporadisch geöffnet.

Solche Zustände sind ein Armutszeugnis für ein Land, das einst angetreten war, ein "Land der spirituell Sauberen und Reinen" zu werden. August 1947: Als die Briten ihr Kolonialreich in zwei Länder aufteilen - Indien für Hindus und Sikhs, Ost- und West-Pakistan für die Muslime -, soll ein islamischer Vorzeigestaat entstehen. Tatsächlich aber werden Menschen verschiedener Religionen, die lange Zeit friedlich zusammengelebt haben, zu erbitterten Feinden. Zwölf Millionen verlieren ihre Heimat. Auf der Flucht metzeln sie einander in wenigen Wochen zu Hunderttausenden dahin.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 34/2006

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