Startseite

Billiges Kanonenfutter für den Irak

Sie sind rechtlose Glücksritter, die Kopf und Kragen für eine fremde Regierung riskieren: Söldner aus Zentralamerika ziehen für die USA und 700 Euro im Monat in den Irakkrieg oder nach Afghanistan. Billigeres Kanonenfutter ist nicht zu haben - und auch kein bequemeres.

Von Toni Keppeler

Der erste Soldat der US-Armee, der 2003 im Feldzug gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein gefallen ist, war kein Bürger der Vereinigten Staaten. Der junge Mann war Guatemalteke. Er war, wie so viele aus den armen Ländern Zentralamerikas, auf der Suche nach einem besseren Leben in den Norden gegangen. Er war freiwillig in die US-Armee eingetreten, weil er hoffte, dass ihm als Gegenleistung für seine Dienste die Staatsbürgerschaft seines Gastlandes verliehen werde und er damit alle Probleme mit seiner Aufenthaltsgenehmigung gelöst hätte. Er bekam die US-amerikanische Staatsbürgerschaft - posthum.

Seither sind im Irak viele Männer gestorben, die Kopf und Kragen für die Regierung in Washington riskierten, obwohl das nicht ihre Regierung war. Einige dienten in der US-Armee, viele hatten sich als Söldner verdingt. Nie zuvor hat das Verteidigungsministerium in Washington so sehr die Dienste privater Militärfirmen in Anspruch genommen wie in den jüngsten Kriegen im Irak und in Afghanistan. Allein im Irak bezahlen Pentagon und Außenministerium 190.000 Söldner. 38.000 davon sind US-Bürger, 70.000 Iraker. Die restlichen 82.000 kommen aus aller Herren Länder; viele aus Lateinamerika. Dort unterhalten die großen privaten Militärfirmen der Vereinigten Staaten über Subunternehmen Anwerbebüros. Nirgendwo sind die Leihsoldaten so billig wie in den von Arbeitslosigkeit und Armut gebeutelten Kleinstaaten Mittelamerikas. Nirgendwo ist der Gewinn der Militärfirmen so groß.

Das Anwerbe-Büro verdient nach 4600 Dollar pro Irak-Söldner

Anfang September werden wieder vierzig Salvadorianer nach Asien reisen, um sich dort für ein halbes Jahr in die Truppen des Söldner-Konzerns Blackwater einzureihen. Zehn gehen in den Irak, dreißig nach Afghanistan. Die meisten sind ehemalige Soldaten der salvadorianischen Armee oder ehemalige Polizisten. Unter den Ex-Militärs gibt es ein paar, die schon Irak-Erfahrung haben. El Salvador ist das einzige lateinamerikanische Land, das sich mit einem kleinen Truppenkontingent noch immer an der von den USA geführten so genannten "Koalition der Willigen" beteiligt. Fünf Tote und gut zwanzig Schwerverletzte hat das 200 Mann starke "Bataillon Cuscatlán" in fünf Jahren Irak-Einsatz zu beklagen.

Die Männer, die demnächst für Blackwater schießen sollen, wurden von der Firma "Central American Professional Services" (Capros) angeworben. Sie wird betrieben von einem ehemaligen Feldwebel der salvadorianischen Armee und einem ehemaligen Bankangestellten. Die Afghanistan-Krieger bekommen 1500 Dollar im Monat (gut 1000 Euro), wer in den Irak geht 1020 Dollar (knapp 700 Euro). Das Anwerbe-Büro verdient dem Vernehmen nach 4600 Dollar pro Irak-Söldner. Wie viel Blackwater verdient, ist nicht bekannt. Zwischen dem militärischen Dienstleister aus Moyock in North Carolina und Capros in El Salvador steht noch die US-amerikanische Vermittlerfirma Greystone Ltd., und auch die wird ihren Teil von den Millionen haben wollen, die die Regierung in Washington an Blackwater überweist.

Blackwater ist für Skandale bekannt

In der Kette aus Unternehmen und Subunternehmen verliert sich alle Verantwortlichkeit. Außer der mageren Bezahlung haben die salvadorianischen Söldner keinerlei Rechte. Der Vertrag, den sie unterschreiben, schließt jegliche Haftung des Arbeitgebers aus. Die Glücksritter ziehen auf eigenes Risiko in den Krieg. Wenn sie verletzt oder gar getötet werden - ihr Problem. Wenn sie in Erfüllung ihrer Mission eine Straftat begehen - auch ihr Problem. Selbst für den Fall, dass sie von einem ihrer Kameraden erschossen werden, schließen Capros, Greystone und Blackwater jegliche Ansprüche der Hinterbliebenen aus.

Die Vertragspartner der Söldner wissen, warum sie das alles in ihre Verträge schreiben. Ist alles schon einmal vorgekommen. Blackwater ist für Skandale bekannt. Im März 2004 wurden vier ihrer Angestellten in Falludscha von Aufständischen angegriffen, getötet und verstümmelt. Ihre Leichen wurden von einer aufgebrachten Menge durch die Straßen geschleift und zwei von ihnen schließlich an einer Brücke über den Euphrat aufgehängt. In den USA ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Blackwater-Mitarbeiter, die illegal Waffen in den Irak geschmuggelt und an die kurdische PKK-Guerilla weitergereicht haben sollen. Im September 2007 schossen Söldner der Firma auf dem Nissur-Platz in Bagdad wild in eine Menschenmenge. 17 Zivilisten wurden getötet, 24 schwer verletzt. Angeblich war vorher der Blackwater-Konvoi angegriffen worden. Der Irak fordert die Auslieferung der Mörder; in den USA wird geprüft, ob sie dort vor Gericht gestellt werden können.

Warum nur unterschreiben Salvadorianer solche Knebelverträge? Ganz einfach: Wenn fast die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos oder unterbeschäftigt ist und ein Fabrikarbeiter weniger als 200 Dollar im Monat verdient, ist ein Sold von 1020 Dollar ein große Verlockung. In Ländern wie Chile oder Kolumbien, wo die Arbeitslosigkeit niedriger ist und die Löhne höher sind, muss Blackwater gut das doppelte springen lassen. Zentralamerikas Söldner sind einfach die billigsten. Und die bequemsten. Wenn sie sterben, muss ihnen die US-Regierung nicht einmal posthum die Staatsbürgerschaft verleihen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools