Treffen mit Fidel Castro, Messe auf dem Platz der Revolution: Der Papstbesuch in Kuba war für Überraschungen gut. Doch was tut sich jenseits dieses Events in dem sozialistischen Land? Von Joachim Rienhardt

Der Papst hält eine Messe auf dem Platz der Revolution in Havanna. Unter den "wachsamen" Augen von Che lauschen die Massen dem Oberhaupt der Katholiken.© DPA
Der kubanische Staat nahm seine schützende Hand am letzten Tag des Monats von der Buchhalterin Yaimara Ballester, morgens um zehn Uhr. Es war eine Angelegenheit von wenigen Minuten. "Ich musste mit allen Kollegen meiner Abteilung vor einer Expertenkommission antreten", sagt die 25-Jährige mit den großen Ohrringen. Ihre Arbeit in der statistischen Abteilung der Poliklinik Gregorio Valdez Cruz hatte sofort zu ruhen.
Im Erdgeschoss des blau gestrichenen Klinikums warteten mehrere Vorgesetzte und Vertreter der Gewerkschaft. Die Mienen der Experten waren ernst, ihre Worte auch. "Sie haben uns erklärt, dass der Staat die Lasten der Überbeschäftigung nicht mehr tragen kann", sagt Yaimara Ballester."Dann wurde uns eröffnet, dass nur vier Kollegen unserer Abteilung bleiben können. Vier von sechs." Yaimara, erst zwei Jahre dabei, musste gehen.
Das zierliche Mädchen sitzt, wie so oft seither, auf dem abgewetzten Holzstuhl vor ihrem Haus in Havannas Vorort Cojímar. "Ich durfte noch eine Woche bleiben, der Lohn lief einen Monat weiter", sagt sie, bittet herein und schließt die Tür. Es ist heiß und stickig. Aber besser, es hört niemand mit. "Ich bin disponible", sagt sie, verfügbar. "Es hieß, sie rufen mich an, wenn sie was anderes haben." Das Wort Entlassung kommt im amtlichen Sprachgebrauch Kubas nicht vor. Noch nicht. Offiziell gilt weiter die Parole, wonach der Sozialismus jeden Einzelnen braucht. Doch im Reich der Gebrüder Castro tut sich Revolutionäres.
Yaimara Ballester gehört zu den etwa 300 000 Kubanern, die seit Mitte vergangenen Jahres von staatlichen Betrieben nach Hause geschickt wurden. Das Plansoll von einer halben Million Entlassungen bis Ende März wurde zwar nicht erfüllt. Doch insgesamt sollen in drei Jahren bis zu 1,8 Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren - in einem Land mit elf Millionen Einwohnern.
"Die Bürger dürfen nicht weiter nur abhängig sein von einem paternalistischen Staat, der ihnen bis jetzt Wohltaten angedeihen ließ von der Wiege bis zum Grab", postulierte der amtierende Präsident Raúl Castro gerade beim Kongress der Kommunistischen Partei Kubas. Es war der erste seit 14 Jahren. Und er könnte historisch gewesen sein, wenn Castro umsetzt, was er sagt. Der Staat ist pleite, jetzt soll Schluss sein mit dem Sozialismus à la Fidel Castro Fidel, der jahrzehntelang Geld verteilte, das mal aus der Sowjetunion, mal aus Venezuela kam.
Die Produktivität liegt wenig über dem Niveau von 1989, die Inflation hat die Einkommen der Menschen binnen 20 Jahren mehr als halbiert. Zeit also, sich der alten Parolen zu erinnern. In der Eingangshalle der Poliklinik, in der Yaimara Ballester bislang arbeitete, hängt ein Spruch Fidel Castros: "Revolution ist, den historischen Moment zu spüren, alles zu ändern, was man ändern muss. Werte zu verteidigen, an die man glaubt, ganz gleich, wie groß die Opfer sind." Vergangenen Oktober bereits opferte der Staat das Monopol, alleiniger Arbeitgeber aller Kubaner zu sein. Seither sind private Kleinbetriebe mit Angestellten gestattet. Das soll Steuereinnahmen generieren. Aber die Regierung setzt vor allem darauf, dass sich die Masse der Freigesetzten als Selbstständige aus der Verantwortung des Staates verabschiedet.