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Arabischer Herbst

Mit revolutionärem Geist wie im Frühling lässt sich in Ägypten nichts mehr gewinnen. Die Menschen sehnen sich nach Ordnung. Bei den Wahlen profitieren davon vor allem die Machthaber.

Von Steffen Gassel

  Die Volk und das Militär: Wie gewinnt man Anhänger, die weder lesen noch schreiben können?

Die Volk und das Militär: Wie gewinnt man Anhänger, die weder lesen noch schreiben können?

  • Steffen Gassel

Wer braucht schon ein Wahlprogramm, wenn er den lokalen Imam auf seiner Seite hat? Das scheint das Motto zu sein, nach dem Omar Darrag in den Kampf um ein Direktmandat im Kairoer Armenviertel Imbaba zieht. Mit seinem feinen grauen Anzug und den glatt rasierten Wangen passt der 53-jährige Geschäftsmann nicht so recht in diese Gegend voller unverputzter Backsteinblocks und müllbedeckter Straßen. Trotzdem formiert sich ein stattlicher Zug hinter ihm, als er wenige Tage vor der Wahl nach dem Abendgebet durchs Viertel zieht und um Stimmen wirbt. An der Spitze: der smarte Kandidat und der Vorbeter der örtlichen Moschee.

"Wählt die Waage, wählt die Waage - sie steht für Freiheit und Gerechtigkeit", "Erhebe deine Stimme, wähl die Waage" dröhnt es aus den Megafon auf dem Dach des kleinen Pickups, als Omar Darrag die Kaumiyya-Straße entlang hastet, im Vorbeigehen möglichst viele Hände schüttelnd. Während ein paar Kilometer entfernt auf dem Tahrir-Platz die revolutionäre Jugend für die Absetzung des allmächtigen Militärrats demonstriert, ist seine größte Sorge eine ganz praktische. Wie kriegt man Anhänger, die weder lesen noch schreiben können, dazu, ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu machen: der Liste mit der Waage, dem Symbol der neu gegründeten "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit", politischer Arm der ägyptischen Muslimbrüder.

Das Land wünscht sich geordnete Verhältnisse

Die Wahlkampfszene aus dem Kairoer Elendsviertel Imaba sagt viel aus über die Voraussetzungen, unter denen nun in Ägypten die Parlamentswahlen beginnen. Sie ist jedenfalls charakteristischer für die Stimmung im Land als die Fernsehbilder der Straßenschlachten auf dem Tahrir-Platz, die in der Woche vor der Abstimmung die Nachrichten dominieren. Denn die Mehrheit der 50 Millionen Stimmberechtigten im Land am Nil wünscht sich im Moment vor allem eines: Stabilität und geordnete Verhältnisse.

Dieser Wunsch kommt vor allem zwei politischen Kräften zugute: Den Islamisten, die mit großer Wahrscheinlichkeit die meisten Sitze im neuen Parlament erringen werden. Und darum alles dafür tun, die explosive Stimmung der vergangenen Tage zu beruhigen, damit die Wahlen wie geplant stattfinden können. Und dem regierenden Militärrat, der darauf setzt, seine Macht nach der Abstimmung weiter zu zementieren. 500 Abgeordnete sind leichter im Zaum zu halten als 50.000 wütende Demonstranten auf dem Tahrir, so die Logik der Generäle.

Zu viele verbinden die Post-Mubarak-Zeit mit Chaos

Und die könnte aufgehen. Die Stimme der Jugend, die vor neun Monaten auf die Straßen zog und Diktator Hosni Mubarak vom Thron stürzte - sie wird in Ägyptens neuem Parlament kaum noch zu hören sein. "Die Revolution geht weiter" - so heißt die Koalition der jungen, liberalen Kandidaten, die aus der Anti-Mubarak-Bewegung hervorgegangen sind. Der Name ist ein PR-Desaster. Zu viele Ägypter verbinden die Post-Mubarak-Zeit mit Chaos, steigenden Preisen und wachsender Unsicherheit - und geben die Schuld daran nicht den herrschenden Militärs, sondern denen, die den Anstoß zu Veränderung gaben.

"Das Ende vom Anfang" des arabischen Frühlings - so hat ein Kolumnist der "New York Times" diese Tage in Ägypten treffend beschrieben. Die ersten freien Wahlen in 5000 Jahren ägyptischer Geschichte: Für viele drohen sie zu einer bitteren Enttäuschung zu werden.

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