Russland versinkt in Stagnation, jeder fünfte Russe will das Land verlassen. Dennoch wird die Mehrheit am Sonntag die Putin-Partei wählen und den bisherigen Premier zurück ins Präsidentenamt hieven. Von Andreas Albes

Kuriose Rochade: Premier Wladimir Putin und Präsident Dimitri Medwedjew tauschen im kommenden Jahr ihre Ämter© Natalia Kolesnikova/AFP
An der Wand hängt ein Porträt von Mao, auf dem Konferenztisch liegt ein Stapel Bücher über Stalin, die Kommode dahinter ziert ein durchschossener Stahlheim aus dem Zweiten Weltkrieg. "Ich liebe diesen Raum", sagt Gleb Pawlowski, "hier kommen mir die besten Ideen." Er nennt sich Polittechnologe. Ein Meister der schwarzen PR und üblen Nachrede, nennen ihn seine Gegner. Ohne Pawlowski, so heißt es, hätte der alkoholkranke Präsident Jelzin 1996 nie eine zweite Amtszeit erlebt. Ohne ihn wäre Wladimir Putin nicht so widerstandslos zum politischen Megastar aufgestiegen. Sogar Putins Regierungsstil der "gelenkten Demokratie" soll Pawlowski geprägt haben.
15 Jahre lang ging er im Kreml ein und aus. Im Frühjahr wurde er gefeuert. Angeblich, weil er Dimitri Medwedjew überreden wollte, ein zweites Mal als Präsident zu kandidieren. Wenn es sein müsste, gegen Wladimir Putin.
Pawlowski, 60, sitzt in seinem Büro an der Twerskaja Straße in Moskau, reibt sich das unrasierte Kinn und blickt über den Rand seiner goldenen Lesebrille. "Ich betrachte den Putin von heute als Risiko. Er hat den Kontakt zur Realität verloren. Er hält sich für genial. Nur er selbst darf sich kritisieren. Wenn er heute in die Provinz reist, redet er ältere Gouverneure einfach mit Du an. Solche Respektlosigkeiten hätte er sich früher nie erlaubt. Er ist der Überzeugung, dass niemand das Land besser kennt als er."
Seit September steht fest, dass der kommende Herrscher im Kreml wieder Putin heißen wird. Noch-Präsident Medwedjew führt stattdessen die Einheitspartei "Vereinigtes Russland" als Spitzenkandidat in die Wahlen am Sonntag. Im Frühjahr 2012 wird er dann das Amt des Premierministers übernehmen. Ein plumpe Machtrochade, die sogar beim demokratisch anspruchslosen russischen Wahlvolk schlecht ankommt.
"Vereinigtes Russland", wegen zahlreicher Korruptionsskandale auch Partei der Gauner und Diebe genannt, wird ein Ergebnis von 40 bis 50 Prozent prognostiziert. 2007 waren es noch 64 Prozent. Am Ende reicht es durch Wahlfälschungen vermutlich für die absolute Mehrheit. Gegen die Wahlbeobachter der regierungsunabhängigen Organisation "Golos" (Stimme), leitete die Staatsanwaltschaft vorsorglich schon mal ein Ermittlungsverfahren ein, um sie an der Veröffentlichung einer "Liste der Verstöße" zu hindern.
Welcher Unmut im Volk herrscht, zeigte sich kürzlich, als Putin bei einem Boxkampf auftrat und vom ganzen Saal ausgepfiffen wurde, während er im Ring dem Sieger gratulierte. So etwas gab es noch nie. Im Staatsfernsehen wurden die Bilder selbstverständlich ohne Ton gesendet. Medwedjew hingegen lässt sich nur noch vor ausgewähltem Publikum blicken. Seit seiner demütigen Vorstellung beim Parteitag von "Vereinigtes Russland", als er Putin bat, wieder als Präsident zu kandidieren, gilt er mehr denn je als Schwächling.
Von seiner Ära als Kremlchef werden keine Taten sondern nur leere Worte bleiben. Medwedjew hatte die Korruption angeprangert. Den Rechtsnihilismus wollte er bekämpfen. Was daraus wurde, zeigte sich Ende vergangenen Jahres, als der Ex-Oligarch und Putin-Erzfeind Michail Chodorkowski in einem absurden Prozess zu weiteren sechs Jahren Haft verurteilt wurde. In seinen oft weltweit beachteten Reden sagte Medwedjew Sätze wie "Freiheit ist besser als Unfreiheit". Manchmal saß Putin bei solchen Anlässen im Publikum. Dann scharte er mit den Füßen, schaute zu Boden oder zur Decke. Seine Körpersprache wirkte als müsse er gerade ein langweiliges Theaterstück ertragen.
Wie es nun weitergeht mit Russland? Vermutlich nicht anders als während Putins erster Amtszeit zwischen 2000 und 2009. Da wurde der Staatsapparat von 1,2 auf 1,7 Millionen Beamte aufgebläht. Wie in Griechenland gilt in Russland der Deal: Du bekommst einen Posten beim Staat - wo sich eine Menge Schmiergeld verdienen lässt - und unterstützt dafür das System.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich Putin auf mächtige, weitgehend unsichtbare Netzwerke stützt, und wie sich im Land zunehmend Resignation breitmacht.