Die Versuchung der Supersoldaten

13. November 2012, 10:51 Uhr

Warum zerstört CIA-Chef Petraeus per Seitensprung seine Karriere? Warum schreibt General Allen fragwürdige Mails. Natürlich gibt's darauf keine klaren Antworten - dafür umso bessere Theorien. Von Florian Güßgen

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Boys will be boys? David Petraeus (l.) und Isaf-Kommandeur John Allen im April 2011 im Weißen Haus

Jaja. Schon klar, ein handfester politischer Skandal ist auch noch drin in dieser Affäre. Es gibt drängende Fragen. Warum erfuhr Barack Obama so spät von der Liederlichkeit des Oberspions Petraeus und den FBI-Ermittlungen gegen ihn? Spielte der Termin der Präsidentschaftswahl eine Rolle? Und haben die Herren Petraeus in ihrem Liebes- und Dichterwahn Staatsgeheimnisse verpfiffen?

Aber, mal ehrlich, jenseits aller politischen Brisanz, geht's bei der Petraeus-Broadwell-Allen-Kelley-Affäre doch vor allem um die klassischen Rätsel menschlichen und männlichen Daseins: Warum haben die Herren um alles gezockt? Was hat sie bewegt, ihre Karrieren, ihre Ehen, ja ihren Ruhm, aufs Spiel zu setzen? Bei Politikern, etwa bei den Bill Clintons dieser Welt, mag es dafür noch naheliegende Erklärungsansätze geben. Diese Typen sind oft Spieler, Menschenfänger, und gleichzeitig von Zuneigung und Beifallsstürmen abhängig. Das Gemisch aus Hybris und Gefallsucht, Macht und Angreifbarkeit, vermengt mit einer hohen Risikobereitschaft, macht sie sexualmoralisch fast schon traditionell, nun ja, unkalkulierbar. Aber Soldaten? Asketen? Selbstbezwinger? Hohepriester der Disziplin? Klar, das Geschäft an den militärischen Hotspots dieser Welt ist ebenfalls hoch riskant, Generäle schlittern stets an den Abgründen des Lebens entlang - und am Hindukusch dürfte es, das ist eine Binse, bisweilen ganz schon einsam sein, so ohne Frau und mit Internet. Und dennoch ist die Fallhöhe bei Supersoldaten noch höher als bei Politikern. Man erwartet von ihnen mehr inneren Widerstand. Wieso sind Petraeus und möglicherweise auch sein Kollege Allen sündig geworden? Was ist da geschehen im militärisch-sexuellen Komplex der Weltmacht USA? Was ist da auch passiert im sozial offenbar klebrigen Tampa?

Theorie I: Der Mann als Opfer

In den US-Medien, auch den honorigen, wird über die Motive der Militärs, natürlich trefflich küchenpsychologisiert. Dabei schälen sich zwei theoretische Schulen heraus. Sie stehen jeweils auch für unterschiedliche Frauen- und Männerbilder. Die eine Schule sieht in Broadwell - das Urteil über das Email-Wunder Jill Kelley steht noch aus - die ultimative Sirene, das ewig lockende, männerfressende Weib. Angereichert wird diese männliche Fassung der Shades-of-Grey-Fantasie im Fall Broadwells mit Killerbizeps, Handfeuerwaffen- und West-Point-Erfahrung. Puh. Bei Broadwell, so diese Lesart, musste selbst der stahlharte General Schritt für Schritt erweichen. Er ist eher Opfer als Täter. Fred Kaplan etwa beschreibt in seinem Artikel für das Online-Magazin Slate, wie die Mentorenrolle von Petraeus sich irgendwann wandelte in die eines Liebhabers. "Zwei andere Dinge unterschieden Broadwell von dem üblichen Bestand an Gefolgsleuten: Sie war sehr attraktiv," schreibt Kaplan. "Und, bei allem, was man hört, war sie ganz schon verrückt nach dem General." - "She went a bit ga-ga". Ga-ga. Liebestolle, attraktive Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. In Afghanistan! Oder im mitunter nicht minder feindseligen Washington! Welcher Mann kann da widerstehen, so der Subtext? Es ist eine Mischung aus Sexualdarwinismus und Schenkelklopfertum, die in dieser Denkrichtung durchschlägt.

Theorie II: Selbst schuld

Etwas differenzierter stellt sich die zweite Theorieschule dar. Sie grenzt sich, wie New-York-Times Kolumnist Frank Bruni das mühevoll exerziert, von der ersten ab, indem sie der Gegenseite mehr oder minder platten Sexismus unterstellt. Und sie nimmt die Last der Schuld von den Schultern der Frauen und schiebt sie den Militärs zu. Diese Männer tragen die Verantwortung für ihr tun, ist das Kernargument - unabhängig davon, wie verführerisch die Sirenen ertönten. Zum einen, schreibt Bruni zur Erklärung, sei Petraeus wohl vor allem deshalb schwach geworden, weil der Alltag schlicht zu einer knisternde und gefährlichen Nähe geführt habe, die Grenzen verschob. Es war demnach, kann man hinzufügen, wie bei jedem x-beliebigen Chef, der seine Kollegin öfter sieht als seine Ehefrau und dann bei oder nach der Weihnachtsfeier alle Hemmungen fahren lässt. C'est la vie. "[Weibliche] List spielt in dieser Gleichung eine geringere Rolle als Nähe", schreibt Bruni. Außerdem geißelt er die Eitelkeit Petraeus'. "Diese Männer [ - er meint neben dem CIA-Chef auch Bill Clinton, Newt Gingrich und John Edwards] entschieden sich, wie es scheint, nicht nur für Mätressen. Sie entschieden sich auch für sprudelnden Quellen der Bewunderung. Das ist mindestens so absichtlich und verdammenswert wie alle Signale, die die angeblichen Verführerinnen ausgesandt haben."

Dankbarkeit gegenüber dem FBI

So oder so. Wir stehen erst am Anfang der Theoriebildung. Und was genau die mächtigen Männer bewegt hat, wissen wir natürlich eh nicht. Gleichwohl sind es große menschliche Dramen, die sich im Fall Petraeus entfalten. Sie haben alles, was große Unterhaltung ausmacht, sind eine Mischung aus Moralschauspiel, Polithriller und "Desparate Housewives", vermengen unsere Fantasien über die kreuzbiedere Pastellwelt der Tampa-Sozialqueen und Arztgattin Kelley mit ihren Front-Lawn-Partys und dem Charity-Getue mit einer rätselhaften Unter- und Nebenwelt, die aus bislang noch sinistren, mutmaßlich anzüglichen Beziehungen zu Supersoldaten besteht. Dazu kommt die toughe Superfrau Paula Broadwell und ihr vermeintlich braver Gegenpart, Holly Petraeus. Wir, als Zuschauer, können wieder einmal die grundsätzlichen Rätsel des menschlichen Daseins erörtern, Treue und Verrat, Macht und Moral, Geschlechterrollen und die ewige Frage, ob Männer nun mal so sind. Boys will be boys? Anders als im Fall Strauss-Kahn ist die Erörterung des männlich-menschlichen Seins diesmal auch sauberer, da es zwar mitunter auch um Sex geht, aber immerhin keine Vergewaltigungsvorwürfe im Raum stehen.

Wahrscheinlich ist es ohnehin keine hohe Politik, die in diesem Geflecht zum GAU geführt hat, wahrscheinlich sind es noch nicht einmal große menschliche Katastrophen. Wahrscheinlich sind es eher ganz einfache, kleine Fehltritte, die hier auf großer Bühne zum Besten gegeben werden. Fast muss man dem FBI dankbar dafür sein, dass man diesen Skandal erst nach der Präsidentschaftswahl verfolgen darf - ohne Blick auf die ganz große Politik. Wobei. Apropos FBI. Der politische Skandal ist natürlich auch noch drin.

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