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14. Juli 2008, 17:49 Uhr

"Es wird mehr Entführungen geben"

Hat ein "Provinzkommandant" die Deutschen in der Türkei ohne Wissen der PKK-Spitze entführt? "Nein", sagt der Kurden-Experte Hans Branscheidt im Interview mit stern.de. Im Gegenteil: Die symbolische Verschleppung könnte der Anfang von einer ganzen Reihe ähnlicher Aktionen sein.

PKK-Sprecherin Sozdar Avesta bei einer "Pressekonferenz" in den Kandil-Bergen im Norden des Irak© Yahya Ahmed/AP

Herr Branscheidt, die PKK hat bekanntgegeben, die Entführung der drei Deutschen ginge auf das Konto eines "Provinzkommandanten" - verliert die PKK-Führung die Kontrolle über ihre Leute?

Nein. Die Arbeiterpartei ist eine straff geführte Organisation - da passiert nichts ohne Wissen und Erlaubnis der Spitze.

Was bezweckt die Arbeiterpartei mit der Äußerung?

Es ist das Signal für den Ausstieg aus der Geiselnahme. Es geht um die technische und politische Umsetzung: Wer leitet die Freilassung ein, über welche Kanäle, wie und wo sollen sie übergeben werden?

Die PKK hat eine Erklärung herausgegeben, in der es heißt, "wir wollen sicherstellen, dass die Touristen sicher und wohlbehalten zu ihren Familien zurückkehren". Wie glaubhaft sind solche Äußerungen?

Erfahrungsgemäß tut die PKK den Entführten nichts an und behandelt sie gut. Es würde mich nicht wundern, wenn sie nach ihrer Freilassung sogar Verständnis für die Lage der Kurden äußern werden.

Das wäre erfreulich für die Opfer. Aber welchen Sinn hat so eine harmlose Kurzzeit-Entführung für die PKK?

Es ist eine Prestige-Operation, ein Symbol. Damit zeigen sie der Welt und ihren eigenen Leuten: "Wir sind da, uns gibt es noch". Und das öffentliche Echo, zumindest in den deutschen Medien, gibt ihnen Recht, so viel Presse hatten sie seit Jahren nicht mehr.

Was genau vermissen denn die PKK-Kämpfer?

Zum einen ist sie sicher nicht so geschwächt, wie oft behauptet wird, die militärische Offensive gegen sie im Nordirak war militärisch nicht so erfolgreich, wie die Türkei gehofft hatte. Allerdings fehlt der PKK die formelle Unterstützung kurdischer Anliegen im EU-Erweiterungsprozess. Hier wollen sie verbindlich auf die Agenda.

Das heißt?

Die Kurden sollen zu einem festen Tagesordnungspunkt sowohl bei der EU als auch in der Türkei werden. Die Europäer sollen sich auch offiziell mit der Kurdistan-Frage beschäftigen. Deren Repräsentanten Leute verlangen ja keinen eigenen Kurdenstaat, auch die PKK nicht, aber sie wollen, dass ihre Belange als große Minderheit ernst genommen werden und sie mehr Rechte bekommen als ihnen jetzt gewährt wird.

Woran ist das bislang gescheitert?

Die Türkei blockiert die Gespräche. Dabei hat die PKK ihr zahlreiche Angebote unterbreitet, auch die Selbstauflösung zigmal angeboten. Nun platzt den Kurden der Kragen, sie wollen, dass etwas passiert.

Und deswegen entführen sie Touristen?

Ja. Und ich gehe davon aus, dass in Zukunft mit Folgeaktionen zu rechnen ist, die sich auf die Bundesrepublik fokussieren. In Zukunft werden solche Aktionen womöglich häufiger vorkommen.

Hans Branscheidt Der 64-Jährige ist ehemaliger Entwicklungshelfer. Von 1988 bis 2003 arbeitete er für die Hilfsorganisation Medico International. Der PKK-Experte gehört zum Vorstand bei der Nichtregierungsorganisation EU Turkey Civic Commission.

Interview: Niels Kruse
 
 
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