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30. Dezember 2008, 08:11 Uhr

"Witwen bringen kein Geld"

Indien ist einer der aufstrebenden neuen Großmächte. In einer siebenteiligen Serie hat stern.de den faszinierenden Subkontinent porträtiert. Noch immer werden Frauen, deren Männer sterben, von ihren Schwiegerfamilien verstoßen. In der Stadt Vindravan finden sie ein Auskommen. Von Sascha Zastiral

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Bis vor 100 Jahren war bei einigen Hindus das so genannte Suttee verbreitet: Dabei warfen sich Witwen bei lebendigen Leib in das Bestattungsfeuer ihrer verstorbenen Männer© Hulton Archive/Getty Images

Hunderte von Frauen sitzen in der großen Halle des Bhajan Ashrams, eines religiösen Zentrums in der nordindischen Stadt Vrindavan, auf dem Boden. Über ihnen surren Deckenventilatoren gegen die drückende Hitze des Nachmittags an. Die Wände sind hellblau gestrichen, überall hängen bunte Stoffgirlanden. Die meisten Frauen sind in den Fünfzigern oder älter, auch einige Junge sind unter ihnen. Viele von ihnen sind komplett in Weiß gehüllt, im bunten Indien ist das die Trauerfarbe. Hier ist es die Farbe der Verstoßenen: Denn sie alle sind Witwen.

Heilige Riten statt Prostitution

Eine der Türen öffnet sich. Zwei Witwen kommen herein, verkleidet als Halbgott Krischna und seine menschliche Gefährtin Radha und beginnen zu tanzen. Die Frauen beginnen, Schellen aufeinander zu schlagen und zu trommeln und zu singen. Für die Frauen ist die religiöse Andacht die einzige Möglichkeit, zu überleben: Die Glaubenszentren der Stadt geben ihnen Geld, wenn sie an den Zeremonien teilnehmen.

Denn ein normales Leben können viele Witwen in Indien nicht mehr führen. Viele Familien verstoßen eine Frau, wenn ihr Mann stirbt. In der konservativen Gesellschaft Indiens haben sie damit Schande über sich gebracht, man gibt ihnen die Schuld am Tod des Mannes. Nicht wenige Witwen enden als Prostituierte, weil niemand mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Nur in Pilgerorten wie Vrindavan können sie halbwegs in Würde überleben.

Für eine Handvoll Reis

Neben dem Eingang sitzt Jashna Toshi auf einer beigefarbenen Wolldecke, sie ist Anfang sechzig und schaut durch eine dicke Nickelbrille. Sie stapelt quadratische Metallplättchen und Ein- und Zwei-Rupien-Münzen neben sich. "Das sind die Gutscheine", sagt sie und hält eines der Plättchen in die Höhe. "Die bekommt jede Frau, wenn sie um 16 Uhr zur Zeremonie kommt." Nach der Veranstaltung, die vier Stunden dauert, können sie die Frauen bei ihr gegen Geld eintauschen. Sie bekommen dafür drei Rupien, umgerechnet fünf Cent.

Auf der anderen Seite des Eingangs sitzen etwa hundert Frauen vor einem Tisch auf dem Boden und warten, bis sie namentlich aufgerufen werden. Hier gibt ein Mitarbeiter des Meditationszentrums gegen die Märkchen oder Bargeld Reis, Mehl und Gemüse zu staatlich festgelegten Mindestpreisen aus. Jeden Tag verdienen sich hier auf diese Weise zwischen 900 und 1500 Witwen den Lebensunterhalt.

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