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12. Juni 2009, 09:19 Uhr

Der Star von Persien

Unter großem Andrang ist im Iran die Präsidentschaftswahl zu Ende gegangen. Der Kandidat Mir Hussein Mussawi hat eine Euphorie ausgelöst, wie es sie zuletzt vor der islamischen Revolution gab. Seine Anhänger erhoffen sich endlich mehr Freiheit - und eine Annäherung an den Westen. Von Silke Mertins, Teheran



Iran, Ahmadinedschad, Mussavi, Wahlen, Persien

Per Fingerabdruck und Personalausweis bestätigt Präsidentschaftskandidat Mir Hussein Mussawi seine Identität im Wahllokal© Behrouz Mehri/AFP

Die jungen Mädchen kreischen, als würde ein Popidol die Bühne betreten. "Wir lieben dich", brüllen sie nach Leibeskräften und wedeln euphorisch mit ihren grünen Fahnen, Tüchern und Plakaten, als sie die Frau erblicken. In dem kleinen Sportstadion im Zentrum der iranischen Hauptstadt Teheran braust ohrenbetäubender Jubel auf.

Der Star der Veranstaltung heißt Sahra Rahnaward und trägt über dem bunten Kopftuch einen schwarzen Umhang. Die 67-Jährige ist gerade einmal so groß, dass sie über das Rednerpult blicken kann. "Ich begrüße alle, die für die Freiheit und gegen die Diktatur sind", schallt ihre Stimme über die Lautsprecher. "Wir werden diese Wahl zu einer Revolution machen!" Das zum Bersten gefüllte Stadion tobt.

Rahnaward ist die Frau des Präsidentschaftsanwärters Mir Hussein Mussawi, die Frau des Herausforderers, der den im In- und Ausland höchst umstrittenen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad ablösen will. Die Kunstprofessorin ist die erste Iranerin, die mit ihrem Mann zusammen Wahlkampf betreibt. Und sie hat bereits für ihn verkündet, er werde mindestens drei Frauen in sein Kabinett berufen - wenn er die Wahlen am Freitag gewinnt.

Ungekannte Aufbruchstimmung

Die Chancen stehen gut. Nicht nur der Westen sehnt einen Machtwechsel in Teheran herbei, der einen politischen Dialog ermöglichen und den Streit um das iranische Atomprogramm entschärfen würde. Auch im Iran selbst hat man bis in konservative Kreise hinein genug von Ahmadinedschad, der die Wirtschaft gegen die Wand gefahren und den Iran politisch isoliert hat.

Doch niemand, weder die Reformbewegung noch die geistige Führung des Landes, hat damit gerechnet, dass aus der Abneigung gegen den amtierenden Präsidenten eine Massenbewegung würde. Teheran steht Kopf. Fast jedes Auto, jedes Geschäft, jedes Moped ist mit Mussawi-Bildern oder grünen Bändern und Fahnen geschmückt. Grün ist die Farbe der Mussawi-Kampagne.

"Eine solche Aufbruchsstimmung habe ich zuletzt vor der islamischen Revolution 1979 erlebt", strahlt der Angestellte Ali Resa, der mit seinem Sohn auf die Valiasr-Allee gekommen ist, die sich sechsspurig durch ganz Teheran zieht. Es ist nach Mitternacht, doch überall hüpfen und johlen die Mussawi-Anhänger. Andere tanzen Polonaise oder rufen in Sprechchören "Tschüs, Ahmadinedschad!".

Ein paar Polizisten versuchen halbherzig, die Straße für den Verkehr frei zu halten. Doch gegen das spontane Straßenfest der Massen, die den Sieg schon vor der Wahl feiern, haben sie keine Chance. Viele machen mit ihren Handys Fotos und Videos. Es könnten historische Momente sein.

Das Volk ist gespalten

Auf manchen Mopeds sitzen drei oder vier Personen, teils ganze Familien. Grün geschmückte Kinder halten Stöcke mit aufgespießten Kartoffeln in die Höhe - eine Kritik an den Lebensmittelgeschenken, mit denen Ahmadinedschad die arme Landbevölkerung für sich gewinnen wollte. Die Mehrheit der Protestler ist jünger als 30, die coole Jugend Teherans. Die Jungs sehen aus, als hätten sie eben noch in einer New Yorker Disco gerockt. Die Mädchen tragen enge Jeans und knappe Blusen, die Kopftücher sitzen auf dem Hinterkopf, manche Frau hat es gleich ganz abgenommen.

Inmitten des grünen Volksfests taucht plötzlich eine kleine Gruppe mit Anhängern Ahmadinedschads auf. Sie haben sich iranische Fahnen umgehängt - das Symbol ihrer Kampagne - und tragen brennende Kerzen durch die laue Sommernacht, als gingen sie zu einem Trauerzug.

Die "Grünen" schreien auf sie ein. "Geht nach Hause, Basidschis, hier werden keine Almosen verteilt!" Basidschis sind die Mitglieder einer Miliz, die zu den Revolutionsgarden gehört und die als Rückgrat des Ahmadinedschad-Lagers gilt. Die Stimmung ist aggressiv, doch zu Handgreiflichkeiten kommt es nicht. Noch nicht.

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Star von Persien
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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Anemone (13.06.2009, 13:31 Uhr)
Wenn
nach diesem erneuten offensichtlichen Wahlbetrug nichts passiert, werden noch mehr Iraner (besonders die restlichen Christen) versuchen, auszuwandern.
Anemone (13.06.2009, 10:21 Uhr)
Wahrheit!
Es geht letztendlich und leider nicht nur um den irren und verlogenen Ahmadinedschad, sondern um den verlogenen und irren Islam!
utospatz (13.06.2009, 03:32 Uhr)
Die einzige Hoffnung die bleibt ist,
dass auch in anderen Ländern das Hirn langsam anfängt Fuß zu fassen.
Dass auch ein Gaz-Prom Gerd als zigarrenrauchender Putinbrustlutscher erkennt, dass nicht jede Brustwarze gleich ist! So mit Hartz-Puff und so! Wie viele Idioten haben sich zum Erwerb seiner Memoiren angemeldet?
chelestex (12.06.2009, 20:57 Uhr)
@Sternchen2020
Das wäre wirklich zu wünschen.
Aber wenn die dortige klerikale Elite entscheidet welche Kandidaten überhaupt antreten dürfen, dann schwinden nicht nur meine Hoffnungen, dass es im Iran wirklich zu Reformen o.ä. kommt.
M.a.W.: Die werden ja kaum Präsidentschaftkandidaten zulassen, welche ihnen letztlich die Macht streitig machen könnten... Und wenn im Westen (oder wo auch immer) eine hohe Wahlbeteiligung bejubelt wird, diese aber auf Nötigung und Einschüchterung passiert, dann hat das Ganze leider wenig mit freien und demokratischen Wahlen zu tun.
K-H-J (12.06.2009, 20:49 Uhr)
Die friedliche Revolution im Iran (Persien
Die friedliche Revolution im Iran (Persien)
Wahrscheinlich werden die Wahllokale überraschenderweise noch bis heute abend offen haben. Denn es scheint für viele Iraner die vorerst letzte Möglichkeit zu sein, ihren irren und barbarischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad los zu werden und das haben bisher die meisten Iraner begriffen. Der schiitische Mullahstaat, der seine Rechte aus dem Koran und Scharia bezieht, scheint im Volk keine große Akzeptanz mehr zu haben. Der Bevormundungsstaat hat bisher…
Mehr (2407 Zeichen)
Wahrscheinlich werden die Wahllokale überraschenderweise noch bis heute abend offen haben. Denn es scheint für viele Iraner die vorerst letzte Möglichkeit zu sein, ihren irren und barbarischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad los zu werden und das haben bisher die meisten Iraner begriffen. Der schiitische Mullahstaat, der seine Rechte aus dem Koran und Scharia bezieht, scheint im Volk keine große Akzeptanz mehr zu haben. Der Bevormundungsstaat hat bisher alles unternommen um sich bei der Bevölkerung extrem "beliebt" zumachen? Der Überwachungsstaat (DDR) Iran hat Religionswächter, die strengentens darauf achten, das ihre "Schäflein" nicht unsittliches machen.
Dabei ist Messlatte ziemlich hochgelegt. Wer zum Bêispiel sich draußen in der Öffentlichkeit heraus nimmt als Frau ohne Kopftuch rumzulaufen und mit anderen jungen Männer feiert, findet sich zu meist im Knast wieder.
Gemäßigte Barbarei
Auch sollte er sich nicht erschrecken lassen, wenn auf irgend ein Marktplatz, Aufhängungen von Menschen beiwohnen kann. Im Jahr werden so auf diese weise ca. 1500 Menschen umgebracht. Meist sind es Menschen von Minderheiten wie Bahais, Christen, Homosexuelle, Atheisten und Ehebrecherinnen. Soviel zum Schutz von Minderheiten im Iran.
Nun haben die Iraner die Möglichkeit am Freitag „demokratisch“ darüber zu entscheiden, ob sie weiterhin Mahmud Ahmadinedschad oder den gemäßigten Hossein Mussawi als ihren neuen Präsidenten wählen wollen. Das es aber im Gottes- und Mullahstaat nur einem gibt der über Veränderung entscheidet, wird bei der euphorischen Berichterstattung gerne vergessen. Irans oberster Rechtsgelehrter Seyyed Ali Chamenei, ist der jenige der die gleiche Position einnimmt, wie damals der Schah von Persien. Auch er konnte walten und schalten, wie es im beliebt. Seyyed Ali Chamenei’s „Kabinett oder Mullah-Clique“ haben nur den Job, die wichtigen Themen zu benennen und „ihren Chef“ darüber zu entscheiden zulassen. Den Rest besorgt der Mob auf der Straße.
Frauenrechte? Fehlanzeige! - Minderheitsrechte? Fehlanzeige! - Glaubensfreiheit? Fehlanzeige! - Meinungsfreiheit? Fehlanzeige! - Freiheit? Fehlanzeige! Demokratie? –Fehlanzeige! Wählen gehen? Ja und nochmals Ja.
Der Schrei nach Freiheit ist im Iran wahrscheinlich so groß, wie damals unter der Schah-Herrschaft. Ja, ich gehe davon aus, dass es noch ca.10 Jahre dauern wird, bis dieses barbarische Regime zusammenbricht. Wie damals, das DDR-Regime. Es brach auch nach 40 Jahren zusammen. Wenn die Iraner gemäßigt feiern wollen, dann müssen sie das heute noch Zuhause machen. Die Religions-Wächter des Überwachungsstaates lassen nichts dergleichen zu. Wegen des strengen Alkoholverbots nehmen die Hälfte der Iraner oral ihre Drogen. Kein Wunder bei soviel Bevormundung.
Meinen Glückwunsch - dem neuen Präsidenten Hossein Mussawi
KHJ aus Köln
Sternchen2020 (12.06.2009, 20:47 Uhr)
@chelestex
Zumindest ist es ein Anfang. Und jeder lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt in die richtige Richtung.
.
da Volk scheint aus der Erstarrung zu kommen, das ist ein solcher erster Erfolg.
chelestex (12.06.2009, 20:19 Uhr)
Freie und demokratische Wahlen im Iran...
...werden wohl -leider- nur ein Wunsch des iranischen Volkes und des Westens bleiben.
Es dürfen nur jene Präsidentschaftskandidaten gewählt werden, welche vorher vom Wächterrat gewählt wurden. Dieser Wächterrat besteht aus 6 Geistlichen, welche der oberste Rechtsgelehrte ernennt, und 6 Juristen. Letztere werden vom Parlament gewählt, jedoch darf nur kandidieren, wer vom obersten Richter vorgeschlagen und genehmigt wurde; dieser Richter wiederum wird vom obersten Rechtsgelehrten ernannt. Dem iranischen Dissidenten und früheren Direktor der Teheraner Universität Mohammad Maleki zufolge, dienen die Kandidaten und damit die ganze Wahl einzige der "Wahrung der absoluten Herrschaft des Klerus", wobei Fatwas die Bevölkerung durch eine & "Erzeugung von Angst von der Notwendigkeit der Teilnahme an den Wahlen" (Maleki auf gooya.com) nötigen sollen.
chelestex (12.06.2009, 20:17 Uhr)
Freie und demokratische Wahlen im Iran...
werden wohl -leider- nur ein Wunsch des iranischen Volkes und des Westens bleiben.
Es dürfen nur jene Präsidentschaftskandidaten gewählt werden, welche vorher vom Wächterrat gewählt wurden. Dieser Wächterrat besteht aus 6 Geistlichen, welche der oberste Rechtsgelehrte ernennt, und 6 Juristen. Letztere werden vom Parlament gewählt, jedoch darf nur kandidieren, wer vom obersten Richter vorgeschlagen und genehmigt wurde; dieser Richter wiederum wird vom obersten Rechtsgelehrten ernannt. Dem iranischen Dissidenten und früheren Direktor der Teheraner Universität Mohammad Maleki zufolge, dienen die Kandidaten und damit die ganze Wahl einzige der „Wahrung der absoluten Herrschaft des Klerus“, wobei Fatwas die Bevölkerung durch eine „Erzeugung von Angst von der Notwendigkeit der Teilnahme an den Wahlen“ (Maleki auf gooya.com) nötigen sollen.
andre1971germany (12.06.2009, 20:03 Uhr)
frischer wind
es sind zeichen der hoffnung das sich ie menschen in den diktaturen selber ihre rechte nehmen...keine macht von aussen kann sowas erreichen
hellwachabsolut (12.06.2009, 19:30 Uhr)
Mehr Freiheit für das iranische Volk?
Das hoffe ich und wünsche allen Iranern, dass dieser Tag ein Tag der Veränderung in wohle der Menschen im Iran wird.
Die Zeit ist reif dafür, um mit der veränderung des Landes in Richtung mehr Freiheit für das Volk und die Offnung des Landes nach Außen zu beginnen.
 
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