Sollen die Wahlen zum Präsidentenamt ausgesetzt werden? Darüber hat das türkische Verfassungsgericht Beratungen aufgenommen: Die Kommentatoren sehen das Land an einem Scheidepunkt, es befinde sich "faktisch im Ausnahmezustand".

Demonstrant in Istanbul: Auf der Fahne Kemal Atatürk, der Gründer der laizistischen Türkei, auf den Lippen regierungsfeindliche Parolen© Sezayi Erken/AFP
Die Präsidentschaftswahlen in der Türkei werden für das Land offenbar zu einer Nagelprobe. Die Regierungspartie AKP möchte Abdullah Gül zum Präsidenten wählen. Bei einem Wahrerfolg hätte die säkularisierte Türkei erstmals einen gemäßigten Islamisten an der Spitze. Kritiker befürchten den Anfang vom Ende der Trennung von Religion und Staat. Die Stimmung ist aufgeheizt. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat nun eine Rede an die Nation angekündigt. Offiziellen Angaben zufolge wollte sich der Regierungschef am Montagabend um 19.15 Uhr an das Volk wenden.
Zudem berät das Verfassungsgericht über einen Antrag der Opposition, die Wahl auszusetzen. Sollten die Richter dem Einspruch stattgeben, wird mit vorgezogenen Parlamentswahlen gerechnet. Das Urteil soll bis Mittwoch fallen, wenn der zweite Wahlgang im Parlament angesetzt ist. Eine Entscheidung des Parlaments wird aber nicht vor dem dritten Wahlgang am 9. Mai erwartet, in dem die einfache Mehrheit der AKP für eine Wahl Güls ausreichen würde. Bei der ersten Wahlrunde hatte Gül die erforderliche Zweidrittelmehrheit um zehn Stimmen verpasst. Ihre Verfassungsbeschwerde hatte die oppositionelle Republikanische Volkspartei CHP damit begründet, dass mindestens zwei Drittel der Abgeordneten an der Abstimmung hätten teilnehmen müssen.
Parlamentspräsident Bülent Arinc bekräftigte indes, dass die Präsidentenwahl wie geplant fortgesetzt und erfolgreich abgeschlossen werde. Arinc gehört zu den einflussreichsten Politikern der regierenden AKP. Gül beharrte trotz des zunehmenden Drucks auf seiner Kandidatur für das Präsidentenamt. "Das Verfahren hat begonnen und wird fortgesetzt", sagte der islamisch-konservative Außenminister am Sonntag.
In dem sich verschärfenden Streit über die türkische Präsidentenwahl haben am Wochenende in Istanbul zuletzt eine Million Menschen gegen die Regierung und für eine Trennung von Staat und Religion demonstriert. Sie warfen der Regierungspartei und Erdogan vor, die Türkei islamieren zu wollen und damit den EU-Beitritt aufs Spiel zu setzen. "Die Türkei ist weltlich und wird es bleiben" riefen die Demonstranten und forderten die Regierung zum Rücktritt auf. "Wir sind hier, um die Schaffung eines islamistischen Staates zu verhindern", sagte der Geschäftsmann Irfan Kadim. "Schulter an Schulter gegen die Scharia", hatte die Menge skandiert.
Auch die Börse reagierte auf die innenpolitische Krise mit einem dramatischen Kurseinbruch. Der Leitindex der Istanbuler Börse sackte bei der Eröffnung um fast acht Prozent. Auf den Devisenmärkten verlor die Landeswährung gegenüber Dollar und Euro deutlich an Wert, wie türkische Medien berichteten.