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4. November 2004, 02:22 Uhr

"Den Krieg wiedergewählt"

Rauschen im Blätterwald - wie die deutsche und internationale Presse die Wahl in den USA gesehen hat. Eine Auswahl der Mittwochausgaben.

Die meisten Deutschen hätten es lieber gesehen, wenn John Kerry ins Weiße Haus eingezogen wäre© Herbert Knosowski/AP

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Jetzt sieht es so aus, als werde Bush den Sieg davontragen, und zwar, anders als vor vier Jahren, mit einer stattlichen Wählerstimmenmehrheit, die noch für manches herhalten wird. Doch nicht zuletzt jene Regierungen in Europa und anderswo, die mit Bush über Kreuz waren, dürfen sich nicht verkriechen, um ihren Katzenjammer auszuleben. Was ihnen bislang wie eine Drohung vorgekommen sein mag ("vier weitere Jahre"), scheint Wirklichkeit zu werden. Und die verlangt nach einer kühlen, realpolitischen Interessenbestimmung, die sich frei macht von populärem Antibushismus oder törichtem Antiamerikanismus: der Weg muss über den Dialog zu neuer Gemeinsamkeit führen. Voraussetzung dafür ist, dass die eine Seite ihre Europa-Spaltereien und die andere ihren pädagogisierenden Moralismus sein lässt.

"Märkische Allgemeine" (Potsdam)

In den Wochen vor der US-Wahl war Gerhard Schröder selbst in Hintergrundgesprächen kein Satz zu entlocken, der als Festlegung auf John Kerry hätte gedeutet werden können. Das ist angesichts des Wahlausgangs auch gut so. Denn Bekundungen nach Art des stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Michael Müller, die Wiederwahl des Fundamentalisten Bush sei weder für die Welt noch für das demokratische Amerika gut, sind nicht dazu angetan, das deutsch- amerikanische Verhältnis zu entkrampfen. Die Dinge sind, wie sie sind, und man muss politisch das Beste daraus machen. Es geht hier nicht um friedliche Koexistenz, sondern um den geduldigen Versuch, zu vertrauensvoller Zusammenarbeit zurückzufinden. Zum Trost für diejenigen, die hierzulande die Faust in der Tasche ballen: Sie wollten Bush zwar nicht, aber gerade seine Wahl macht es leichter abzuwehren, was sie auch nicht wollen - den Einsatz deutscher Soldaten im Irak.

"Rhein-Neckar-Zeitung" (Heidelberg)

Mit einfachen, wenn auch zum Teil falschen Formeln hat George W. Bush seine Amerikaner überzeugt: Irak sei die logische Folge des 11. Septembers 2001. Und so haben sie ihn gewählt, den starken Mann, den Oberbefehlshaber, den man nicht mitten im Krieg absetzt, den Vermittler von Sicherheit, Entschlossenheit. Angst hat mitgewählt. Kerry hat man den geradlinigen, Gottes eigenes Land beschützenden Kämpfer nicht abgenommen. Und seine soziale wie auch ökonomische Argumentation wirkte akademisch.

"Neues Deutschland" (Berlin)

Die Mehrheit der an der Wahl teilnehmenden US-Bürger hat den Krieg wiedergewählt. Fortan haftet der Makel dieses Präsidenten der real majority in den USA selbst an. Bush mag sie verängstigt und verführt haben - aber sie ließ sich verängstigen und verführen. Daraus ist - Obacht! - kein Antiamerikanismus zu saugen, aber die ernüchternde Erkenntnis, dass Bush nicht mehr der Präsident einer Minderheit ist. Genau das macht diesen Ausgang so beunruhigend. Die US-Gesellschaft, nicht nur ihre Regierung, hat die Hoffnung auf eine friedliche Politik abgelehnt. Bush wird es seine gelegentlich unwilligen Verbündeten und die Welt spüren lassen.

"Pforzheimer Zeitung"

George W. Bushs knapper Sieg ist ein schwacher Trost für all jene, die auf eine Wachablösung gehofft hatten. Gerade in Deutschland und wohl auch in weiten Teilen Europas hätte eine Mehrheit der Menschen nur zu gerne gesehen, dass Kerry den bei vielen inzwischen geradezu verhassten Kriegspräsidenten aus dem Weißen Haus vertreibt. Diese Hoffnung hatte bei vielen Bush-Gegnern offenbar den Blick auf die Tatsachen getrübt, die entgegen der Einschätzung zahlreicher Kerry-Anhänger stets für den amtierenden Präsidenten sprachen. Bush ist dem Durchschnitts-Amerikaner menschlich näher als sein Herausforderer und verfügte zudem über den gewichtigen Amtsinhaber- Bonus. Kerry blieb trotz der massiven Unterstützung durch Schauspieler, Popstars und Intellektuelle letztlich als Person und Politiker zu blass, um Bush ernsthaft zu gefährden. Vieles sprach gegen Bush, zu wenig für Kerry. Mit zwei Gedanken müssen sich die Bush-Kritiker gerade in Europa seit gestern anfreunden. Erstens: Der alte Präsident ist auch der neue. Zweitens: Er steht für die Mehrheit der Amerikaner. Ob man es wahrhaben will, oder nicht.

"Ostsee-Zeitung" (Rostock)

Sei’s drum: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wenn die Mehrheit der Amerikaner also auf George W. Bush setzt, ist das natürlich zu akzeptieren. Ebenso, dass eine große Mehrheit der Deutschen offenbar etwas gegen dessen Politik hat. Denn laut Infas-Umfrage hofften 73 Prozent auf Kerrys Sieg. Es wird nicht nur für Europäer spannend, wie sich diese transatlantischen Differenzen über die nächsten Jahre hinweg entwickeln. Denn im Sinne unserer noch tragfähigen und lebenswichtigen Allianz kann nur gegenseitige Annäherung und Achtung den Menschen beiderseits des Ozeans nutzen. Ein "Pudel Blair, der sein Herrchen behält" - wie die Briten sagen - ist dabei genauso überflüssig, wie relativ einsames Protest-Bellen aus Berlin und Paris.

"Die Zeit" (Hamburg)

Wir müssen uns wünschen, dass Bush aufhört, Bush zu sein. Das heißt: weniger hochfahrend und selbstgerecht, mehr zu- und hinhörend, und zwar im ureigenen Interesse. Denn was immer Amerika in den nächsten vier Jahren anstrebt, erfordert verlässliche, hilfsbereite Freunde, und die wünschen nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch Respekt. Wie sonst will Bush das iranische und nordkoreanische Atomwaffenprogramm stoppen, den Dollar retten, den Terror besiegen, das irakische Demokratieprojekt (das auch in Europas Interesse ist) vor der Blutrünstigkeit seiner Feinde bewahren? Wenn Bush aber nicht auf Europa ein- und zugehen will, sollte er dem eigenen Volk aufs Maul schauen. Das wünscht sich merkwürdigerweise laut einer allerjüngsten Umfrage mit 87 zu 9 Prozent, dass Amerika "mit den UN zusammenarbeitet, um internationale Gesetze gegen den Terrorismus zu stärken".

"General-Anzeiger" (Bonn)

Für Europa gilt es nun, vernünftig mit jenem Amerika umzugehen, das die Amerikaner sich gewählt haben. Auch wenn es naiv ist anzunehmen, ein Wahlsieger Kerry hätte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als amerikanische Soldaten dem Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs zu unterwerfen oder das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben, wäre er wohl für ein anderes Amerika eingetreten. Nur: Auch mit dem Amerika des George Bush muss Europa auskommen. Beide Seiten bleiben aufeinander angewiesen - in ihrem eigenen Interesse und im Interesse einer Welt, die ohne transatlantische Zusammenarbeit noch mehr von ihrer Friedensfähigkeit einbüßen wird.

"Süddeutsche Zeitung" (München)

Amerika ist vielen Europäern fremd geworden. Die Wahl hat diesen Eindruck nur bestärkt. Bush wird entgegen vieler Erwartungen keine kurze Episode in der Geschichte geblieben sein, er steht für die Mehrheit eines Landes, das die politische Spaltung zum Konzept und den Lagerkampf zum Volkssport erklärt hat. Die Welt sollte sich von dieser aufgeheizten Atmosphäre nicht weiter anstecken lassen. Amerika ist nämlich mehr als sein Präsident.

"Kieler Nachrichten"

Die meisten Deutschen hätten es lieber gesehen, wenn John Kerry ins Weiße Haus eingezogen wäre. Gegen keinen anderen US-Präsidenten gibt es hier zu Lande vergleichbare Antipathien wie gegen George W. Bush. Ob sich die Außenpolitik eines Präsidenten Kerry allerdings massiv von der seines Vorgängers unterschieden hätte, ist Spekulation. Ob das deutsch-amerikanische Verhältnis quasi über Nacht besser geworden wäre, ebenfalls. Die Hoffnung ist nicht völlig unbegründet, dass Bush in seiner zweiten Amtszeit frei vom Druck der Wiederwahl versuchen wird, die Risse in den transatlantischen Beziehungen zu kitten. Das Verhältnis zwischen Schröder und Bush hat sich in den vergangenen Monaten bereits entspannt. Politik ist bekanntlich die Kunst des Machbaren. Deshalb hat sich die Bundesregierung auf einen wieder gewählten George W. Bush einzustellen, ob sie nun will oder nicht.

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