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Auch Deutschland macht Botschaften dicht

Im Iran und in Pakistan sind die Krawalle bereits im Gange. Der Westen glaubt, zu den Freitagsgebeten könnten die Unruhen wegen der Mohammed-Karikaturen eskalieren. Auch Deutschland reagiert.

  Im pakistanischen Islamabad werfen Protestler Steine auf die Polizeibeamten, als sie versuchen, zur US-Botschaft vorzudringen

Im pakistanischen Islamabad werfen Protestler Steine auf die Polizeibeamten, als sie versuchen, zur US-Botschaft vorzudringen

Vor den Freitagsgebeten in der islamischen Welt erwartet der Westen mit Anspannung, ob die bitterbösen Mohammed-Karikaturen des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo" neue Unruhen entfachen. Zahlreiche deutsche Botschaften in der islamischen Welt schließen am Freitag ihre Türen. In Nordafrika wurden viele französische Institute und Schulen vorsorglich geschlossen. Die USA machten ihre Vertretungen im muslimischen Indonesien dicht.

Auch in Pakistan sind die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt worden. In der Hauptstadt Islamabad zogen am Donnerstag Tausende Polizisten vor Regierungsgebäuden und westlichen Botschaften auf. Die Zufahrtsstraßen zum Diplomatenviertel wurden gesperrt. In der Nähe des Botschaftsviertels protestierten Hunderte Muslime, die Polizei setzte Tränengas ein. Washington warnte seine Bürger vor Reisen nach Pakistan.

Im iranischen Teheran griffen Hunderte Islamisten die französische Botschaft an. Ein großes Polizeiaufgebot hinderte die aufgebrachte Menge am Donnerstag daran, das Botschaftsgelände zu stürmen. Die Botschaft war zuvor sicherheitshalber geschlossen worden. Laut der iranischen Nachrichtenagentur Fars riefen die Angreifer: "Wir werden kämpfen, wir werden sterben, aber wir werden niemals Schande über uns bringen lassen."

"Charlie Hebdo" will zweite Auflage ausliefern

In Afghanistan kam es am Donnerstag zu ersten Protesten, die sich nicht mehr nur gegen das islamfeindliche Video aus den USA, sondern auch gegen die Karikaturen richten. Allen Befürchtungen zum Trotz will das Magazin "Charlie Hebdo" am Freitag mit einer zweiten Auflage an die Kioske.

In deutschen Städten wollen am Wochenende Tausende Muslime gegen das Islam-Video auf die Straße gehen. Am Freitag werden in Freiburg rund 800 Menschen erwartet, in Karlsruhe wollen am Samstag etwa 1000 Muslime demonstrieren. Auch in Nordrhein-Westfalen sind in den kommenden Tagen Proteste angemeldet. Am Freitag will ein Verein unter dem Motto "Gegen den religionsbeleidigenden Film im Internet" in der Münsteraner Innenstadt demonstrieren. Am Samstag steht eine Demonstration in Dortmund unter dem Motto "Gegen die Beleidigung des Propheten".

In vielen islamischen Ländern rund um den Globus kocht seit mehr als einer Woche Wut über das Mohammed-Schmähvideo hoch. Etliche Menschen starben bei Krawallen, unter ihnen der US-Botschafter in Libyen. Davon unbeeindruckt provozierte "Charlie Hebdo" mit seitenweise Karikaturen, die mindestens an die Grenze der Geschmacklosigkeit gehen. Einige Zeichnungen zeigen den Propheten nackt in unsittlichen Posen oder unterstellen ihm abartige sexuelle Praktiken.

Strenggläubige Muslime empfinden bereits Filme oder Karikaturen als anstößig, die den Propheten Mohammed als Person zeigen. Mohammed-Karikaturen hatten daher schon mehrfach Unruhen in der islamischen Welt ausgelöst. Anfang 2006 kamen dabei mehr als 150 Menschen ums Leben.

"Nachdenken, bevor man ein Streichholz anzündet"

Neben der Schließung vieler deutscher Botschaften wird nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zusätzlicher Schutz für andere deutsche Einrichtungen geprüft. Das Bundesinnenministerium kündigte an, die umstrittene "Vermisst"-Plakataktion gegen islamistische Radikalisierung von Jugendlichen vorläufig zu stoppen. Zu den französischen Einrichtungen, die am Donnerstag geschlossen blieben, gehörte das Französische Gymnasium in Kairo. Auf Geheiß der französischen Botschaft soll auch in den französischen Schulen in Tunesien bis zum kommenden Montag kein Unterricht stattfinden.

Der Internetauftritt von "Charlie Hebdo" ist nach einem Hackerangriff inzwischen wieder online. Damit waren einige der provokanten Mohammed-Karikaturen am Donnerstag auch wieder weltweit über das Netz zu sehen.

Die USA bewerteten die Karikaturen als beleidigend, traten aber auch für die Meinungsfreiheit ein. "Wir stellen nicht das Recht infrage, so etwas zu publizieren; wir stellen nur die Weisheit hinter der Entscheidung infrage", sagte Regierungssprecher Jay Carney in Washington. Der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit nannte die Veröffentlichung in einem TV-Interview "idiotisch": "Wenn man auf einem Pulverfass sitzt, hat man die Möglichkeit, 30 Sekunden nachzudenken, bevor man ein Streichholz anzündet."

Eine islamkritische Anzeigenkampagne in den USA droht unterdessen, die Proteste weiter anzufachen. Eine pro-israelische Interessengruppe will ab Montag in zehn New Yorker U-Bahn-Stationen ein Plakat aufhängen, das den Heiligen Krieg (Dschihad) mit Barbarei gleichgesetzt. Ein Sprecher der U-Bahn-Gesellschaft erklärte, diese habe sich zunächst geweigert, die Anzeige der Vereinigung American Freedom Defense Initiative wegen ihrer Formulierungen zu plakatieren. Daraufhin habe die Gruppe geklagt und Recht bekommen.

Schauspielerin klagt gegen Produzenten

Auch das Mohammed-Schmähvideo aus den USA, das in Ausschnitten auf der Internetplattform YouTube zu sehen ist, sorgt weiter für Aufregung. Die Darstellerin Cindy Lee Garcia hat nun den mutmaßlichen Produzenten des Streifens verklagt. Wie die "Los Angeles Times" berichtete, habe sie Todesdrohungen erhalten. Sie fühle sich hinters Licht geführt, weil sie in dem Glauben mitgespielt habe, einen historischen Abenteuerfilm zu drehen.

Bereits am Mittwoch war bekannt geworden, dass israelische Moslems - darunter der palästinensische Parlamentarier Taleb a-Sana - gerichtlich erzwingen wollen, dass der YouTube-Mutterkonzern Google das Video in Israel blockiert.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sprach sich dafür aus, ein Vorführverbot für den Film in Deutschland zu prüfen. Strengere Gesetze gegen Gotteslästerung hält die FDP-Politikerin aber nicht für notwendig. Diese Linie hatte am Mittwoch auch der Regierungssprecher vertreten. CSU-Chef Horst Seehofer will dagegen prüfen, ob schärfere Vorschriften nötig sind. Die rechtspopulistische Splitterpartei "Pro Deutschland" hatte angekündigt, das Hetzvideo in Berlin in voller Länge zu zeigen. Falls sich kein Kino für eine Aufführung finde, wolle man den Film notfalls auch in Berliner Büroräumen zeigen, kündigte der Bundesgeschäftsführer Lars Seidensticker an.

mlr/DPA/Reuters/DPA/Reuters

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