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17. Juli 2009, 11:52 Uhr

"Diese Regierung ist nicht mehr islamisch"

Nach Wochen der Ruhe im Iran ist der Protest zurück auf der Straße: Hunderttausende Oppositionelle nutzten die Freitagsgebete mit Ex-Präsident Rafsandschani zum Protest. Dieser griff die Regierung ungewohnt hart an: Er warf Präsident Ahmadinedschad und Ajatollah Chamenei vor, nicht mehr islamisch zu handeln.

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Rafsandschani kritisiert die Regierung in Teheran ungewohnt scharf© AFP

Vier Wochen nach der Niederschlagung der Proteste in Teheran hat sich die Oppositionsbewegung mit neuer Kraft zurückgemeldet. Zum Freitagsgebet mit dem einflussreichen regierungskritischen Kleriker Akbar Hashemi Rafsandschani versammelten sich Hunderttausende Oppositionelle in der Umgebung der Universität, berichteten Augenzeugen. Darunter waren viele Anhänger des bei der umstrittenen Wahl am 12. Juni unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir-Hussein Mussawi.

Seine Anhänger skandierten an die Adresse Ahamdinedschads gewandt: "Tod dem Diktator!" oder "Ahmadinedschad, tritt zurück!" Entlang der großen Kargar-Straße trugen Hunderte Demonstranten ein riesiges grünes Tuch als Zeichen ihrer Unterstützung für Mussawi.

Rafsandschani griff die politische Führung unter Ajatollah Ali Chamenei scharf an. In seinem Freitagsgebet sprach Rafsandschani als erster ranghoher Vertreter der politischen Klasse von einer Krise, die den Iran erfasst habe. "Wir sind alle Mitglieder einer Familie. Ich hoffe mit dieser Predigt, dass wir diese schwere Phase hinter uns bringen, die durchaus als Krise bezeichnet werden kann", sagte der ehemalige Präsident, der im Wahlkampf den unterlegenen Reformkandidaten Mussawi unterstützt hatte. Mussawi war bei dem Gebet in der Universität Teheran persönlich anwesend.

Rafsandschani warf Ahmadinedschad und Chamenei vor, gegen den Geist der Revolution zu verstoßen und die Werte der Islamischen Republik zu missachten. "Wenn Menschen nicht mehr zu sehen sind und ihre Stimmen nicht da sind, dann ist diese Regierung nicht islamisch", sagte Rafsandschani in Anspielung auf die von der Opposition vermutete Wahlfälschung. "Heute ist ein bitterer Tag."

Er sprach von eindeutigen Verstößen bei der umstrittenen Präsidentenwahl und stellte das offizielle Endergebnis in Frage, wonach Amtsinhaber Ahamadinedschad die Abstimmung gewonnen hat. Zugleich verlangte er die Freilassung von inhaftierten Demonstranten und eine Lockerung der Pressezensur. Mit seiner ungewöhnlich deutlichen Kritik fordert Rafsandschani in beispielloser Weise das konservative Establishment heraus.

Einige Tausend Oppositionelle sollen den Eingang zur Universität erreicht haben, wo Rafsandschani auftrat. Im Umkreis von drei Kilometern war das Areal mit einer Menschenmenge gefüllt, berichteten Augenzeugen. In Sprechchören forderten die Demonstranten die Freilassung der Oppositionellen, die bei früheren Protesten festgenommen worden waren. Die Polizei ging mit Tränengas gegen die Oppositionellen vor. Nach Augenzeugenberichten wurden mindestens 15 Menschen verhaftet. Verlässliche Angaben waren zunächst nicht möglich, weil unabhängige Berichterstatter nicht zugelassen wurden. Es sind die größten Demonstrationen seit knapp einem Monat.

Auch nach dem Freitagsgebet versammelten sich erneut zahlreiche Mussawi-Anhänger auf den Straßen von Teheran. Ein Augenzeuge berichtete, eine große Menschenmenge sei im Zentrum der Hauptstadt zusammengekommen. "Sie tragen grüne Armbänder und tragen das Bild von Mussawi, während sie das Siegeszeichen in die Luft strecken", berichtete der Augenzeuge. "Überall stehen Polizisten, aber es gibt keine Zusammenstöße." Später berichteten Augenzeugen von weiteren Festnahmen.

Die Freitagsgebete im Iran Der Freitag ist Versammlungstag der islamischen Gemeinden in aller Welt. Der Besuch des Freitagsgebetes ist Pflicht für jeden männlichen gesunden Muslim im Erwachsenenalter. Der Tag soll ausgewählt worden sein, weil er auch Markttag war. Das Freitagsgebet besteht aus den eigentlichen Gebeten und der Predigt eines Imams (Vorbeters). Der erste Teil ist religiös geprägt, Koranverse werden rezitiert. Den zweiten Teil bestimmen soziale und politische Themen. Ursprünglich eine religiöse Zeremonie, hat das Freitagsgebet vor allem im Iran nach der islamischen Revolution von 1979 einen politischen Charakter erhalten.

DPA/Reuters
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Administrator (17.07.2009, 17:38 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Beiträge. Da wir zu diesem Thema immer wieder justitiable Kommentare erhalten, schließen wir die Debatte an dieser Stelle.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
eurokrat (17.07.2009, 16:52 Uhr)
@butcher99
Beispiele aus Latein-Amerika und Polen zeigen gerade das Gegenteil. Natürlich ist der Iran eine ganz andere Angelegenheit, aber es ist nicht wahr, dass der Klerus immer auf seiten der Machthaber steht. Im Iran dürfte es eher darum gehen, welche Führer des Klerus aus diesem Gezingel um die Macht als Gewinner ausgehen werden. Mussawi und Affenhidschab sind da nur die Bauern - na gut, Läufer - im grossen Schachspiel.
Zwickau (17.07.2009, 15:33 Uhr)
Rafsandschanis?
Einer der reichsten Männer von Iran, spricht zu den politisch Ausgebeuteten. Ist er die Sonderform des Türschließers, des Dictators. Ein Dictator schließt eine Tür vollständig, wenn die Tür schon beinahe geschlossen ist, um versehentliches Offenlassen zu verhindern
Bunsenbrenner (17.07.2009, 15:20 Uhr)
Korruption?
Sicher ist die Fuehrung des ganzen Landes korrupt. Man siehe z.B. auch Ali Laridschani bei wikipedia und wo seine Brueder gelandet sind. Die groessten Verbrecher sind aber nunmal die, die ueber Leichen gehen und Folter unterstuetzen, wie das die Regierung im Iran tut. Hier auf vergelichsweise harmlose Korruption hinzuweisen ist eigentlich nur als Ablenkungsmanoever zu bewerten.
butcher99 (17.07.2009, 12:37 Uhr)
falsche Hoffnung
mir ist bis heute kein Fall bekannt, bei dem religiöse Führer zur Lösung von politischen Konflikten beigetragen hätten. Eher mit Beschwichtigung und Einschwörung der Oppositionellen auf die Herrschenden
ist zu befürchten.
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